"Abkehr von DSL, hin zu Glasfaser!"

18.01.2015, 11:19 Uhr, th

Nicht zuletzt bei der Nutzung von Smart-TVs, Audio-Streaming und Video-on-Demand-Diensten fällt immer wieder auf, dass die Bandbreite vielerorts nicht mehr ausreichend ist, um mit der gängigen Technologie in Deutschland Schritt zu halten. Was läuft falsch bei der Digitalisierung in Deutschland? DF sprach mit Nico Lumma, bekannter Kolumnist, Berater, Autor und unbestrittener Breitbandexperte.

Nico Lumma, Co-Vorsitzender von D64 - Zentrum für digitalen Fortschritt e.V.

Bild: Nico Lumma


Herr Lumma, Experten haben vielfach gemahnt, dass die Breitbandsituation in Deutschland auch nach Vectoringausbau und DSL/LTE-Kombiangeboten der Telekommunikationsunternehmen unbefriedigend bleibt. Reichen denn bis zu 250 MBit/s, wie sie die Deutsche Telekom bis 2017 in Aussicht gestellt hat, nicht für uns Deutsche?
 
Nico Lumma: Nein. Das reicht nicht aus. Und es ist auch die falsche Diskussion. Wir müssen endlich wegkommen von einer Fokussierung auf DSL und LTE, sondern sollten den flächendeckenden Glasfaserausbau vorantreiben. Dann haben wir zukunftssichere Bandbreite und kein Stückwerk wie jetzt. Bei Wasser und Strom hat man das doch auch geschafft, nichts anderes muss bei der Breitbandversorgung auch passieren.
 
Rund ein Drittel der Anschlüsse müssen laut einer aktuellen Überblicksdarstellung mit weniger als 6 MBit/s im täglichen Internetbetrieb auskommen. Sind 400 MBit/s-Aufrüstungen aller Infrastrukturanbieter wie bei unseren europäischen Nachbarn da eher ein Fernziel in Deutschland?
 
Lumma: Ja, in Deutschland wird der Schalter nicht umgelegt, sondern die Bundesregierung hält sich mit Investionen zurück und auch die Netzbetreiber tun nur das Allernötigste.  


Die Bundesregierung will weg von "bis zu"-Bandbreitenangaben, wie der Vorsitzende der Arbeitsgruppe "Digitale Agenda" der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Thomas Jarzombek, jüngst im Gespräch mit unserem Dienst verlautbarte. Sind die bisherigen MBit/s-Wunschwerte damit hinfällig?
 
Lumma: Die aktuellen Wunschwerte sind Ausdruck einer Mangelwirtschaft. Es geht doch darum, flächendeckend die Infrastruktur zukunftssicher zu machen. Das geht nicht mit der Brückentechnologie DSL, egal wieviele Daten noch über den alten Klingeldraht geschoben werden können. Und auch LTE hat seine Limitierungen. Wenn jeder Haushalt und jedes Unternehmen über einen Glasfaser-Anschluss verfügt, dann erübrigt sich die Debatte über die verfügbare Bandbreite, denn dann ist nämlich genug da.  
 
Müssen wir denn in Deutschland vielleicht über eine über WLAN realistische Mindestbandbreite pro Bürger diskutieren? 
 
Lumma: In Städten sollte in der Tat der Ausbau von Mesh-Netzwerken forciert werden, um die verfügbare Bandbreite besser zu verteilen.  
 
Welche Alternativen zu Vectoring oder Kombiangeboten aus LTE und DSL sehen Sie? Müssen wir zwingend Glasfaser bis in die Haushalte bringen und in welchem Zeitraum wäre das mit welchen Kosten von wem zu stemmen? 
 
Lumma: Ich sehe keine Alternative zu Glasfaser. Alles andere sind Übergangslösungen. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte Ende 2013 dazu eine Studie veröffentlicht, von 90 Milliarden Euro war die Rede und ich denke, dass ist eine Summe, die ein Land wie Deutschland zusammen mit den Providern über einen Zeitraum von zehn Jahren auch stemmen kann.  
 
Unsere europäischen Nachbarn leisten schnellen und sehr kosteneffektiven Ausbau bis in den Haushalt, indem man vorhandene Abwasserrohre zum Leitungstransport der erforderlichen Datenmengen benutzt. Ist das ein Modell auch für die deutschen Telekommunikationsunternehmen? 
 
Lumma: Na klar, und das wird ja auch schon irgendwo so gemacht, hörte ich.  
 
Aber es wird aktuell nicht flächendeckend Glasfaser zu jedem deutschen Haushalt über Abwasserrohre transportiert.
 
Lumma: Nein, das nicht.
 
Warum macht man das nicht flächendeckend? Ist den Telekommunikationsunternehmen das Thema vielleicht zu schmutzig? Immerhin handelt es sich um Abwasser.
 
Lumma: Ich vermute, dass die Abstimmungen mit Behörden und anderen Unternehmen zu aufwändig sind, weswegen man lieber selber buddelt.
 
Ist also der einzige Weg, mittelfristig schnelles Internet jenseits der 200 Mbit/s Grenze zu bekommen, über den regionalen Kabelnetzbetreiber Internet zu bestellen?
 
Lumma: Vermutlich ja, denn so entsteht wenigstens etwas Wettbewerb im Markt.
 
Beim Treffen der Netzallianz Digitales Deutschland mit EU-Kommissar Oettinger forderte der Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber (Anga) einen deutlichen Fokus auf den Infrastrukturwettbewerb. Brauchen wir neue politische Rahmenbedingungen der EU, die sicherstellen, dass die Unternehmen in Deutschland auch künftig in den Netzausbau investieren?
 
Lumma: In der Tat muss hier mehr passieren, es müssen mehr Incentivierungen gesetzt werden. Aber der Bundeshaushalt sieht hier nur die Erlöse aus dem Verkauf der DVB-T Lizenzen vor und das ist deutlich zu wenig. 
 
Müssen wir vielleicht umdenken? Ist drahtgebundenes Internet sowieso nicht zukunftsfähig, weil wir in wenigen Jahren alle nur noch mobil surfen werden?
 
Lumma: Nein, auch künftig werden die großen Bandbreiten nicht mobil zu bewerkstelligen sein, sondern nur über einen Mix aus Glasfaser, WLAN und LTE, bzw. dessen Folgegeneration. 
 
Ein Blick in die Zukunft: Wie wettbewerbsfähig ist Deutschland in fünf Jahren im europäischen Vergleich, wenn wir die Entwicklung so weiterlaufen lassen?
 
Lumma: Dann spielt Deutschland in der Regionalliga und die Championsleague ist in weite Ferne gerückt.  

 
Konkret: Was muss getan werden und wer zahlt am Ende welche Kosten?
 
Lumma: Es muss jetzt investiert werden und dafür muss die Bundesregierung jetzt mindestens 10 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, die dann von den Netzbetreibern konsequent in den Glasfaserausbau gesteckt werden müssen. Wir brauchen eine Abkehr von DSL, hin zu Glasfaser! Ansonsten fangen wir erst in zehn Jahren mit Glasfaser an und kommen dann viel zu spät.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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