Blu-ray der Woche: "Coriolanus" - Ein mörderisches Spiel

17.07.2012, 18:02 Uhr, Falko Theuner

Ralph Fiennes, seines Zeichens mehrfach Oscar-nominierter Schauspieler und Hauptdarsteller einiger der wichtigsten Filme unserer Zeit, wagt sich nun mit "Coriolanus" erstmals auf den Regie-Stuhl. Ist ihm der Sprung geglückt?

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Voller Wollust gibt sich Martius (Ralph Fiennes) dem Kampfgeschehen hin
Bild: KSM


Ein Shakespeare-Drama, das zwei Erzfeinde gegen ein ganzes Volk antreten lässt, ist für ein Regie-Debüt wahrlich keine schlechte Wahl. Es dann auch noch in die Gegenwart zu versetzen, mag auf den ersten Blick befremdlich wirken, ist in diesem Kontext aber ein kleiner, wenn auch nicht ganz neuer, Geniestreich. Schon Michael Almereydas "Hamlet" (2000) mit Ethan Hawke und Julia Stiles in den Hauptrollen zeigte, dass moderne, glänzende Häuserschluchten, Primal Scream und Shakespeare einfach hervorragend zueinander passen. Auch Baz Luhrmans rasantes "Romeo und Julia" (1996) verwob die Bilder der Moderne erfolgreich mit der melodischen Sprache des Dramen-Meisters.
 
Hauptgrund für das Gelingen war dort ebenfalls hauptsächlich der poppige Soundtrack. Ralph Fiennes' Shakespeare-Epos hingegen schlägt da schon einen ganz anderen, militanteren Ton an, als die vorher genannten "leichten" Dramen. "Coriolanus" ist vorrangig auf Maskulinität, Patriotismus und die Frage nach der Rolle des Soldaten bedacht. Daher beginnt die Geschichte mit einem Aufstand in einem fiktiven Rom der Neuzeit.  


Roms Bürger sind aufgebracht: Die Lebensmittelknappheit treibt die Menschen auf die Straße und schürt den Zorn gegen den scheinbaren Verursacher der ungerechten Verteilung - General Caius Martius (Ralph Fiennes). Als er sich der rasenden Menge stellt, kann er seine Missgunst nicht verbergen. Anstatt zu schlichten, kritisiert er die Wankelmütigkeit des Pöbels, die ein und dieselbe Person in kürzester Zeit sowohl zum Helden als auch zum Feind des Volkes machen kann. Mit seiner kurzen Ansprache nimmt er das Thema des Films vorweg, drängt die  Demonstranten brutal zurück und verursacht einen unaufhaltsamen Mediensturm gegen sich selbst. Die Sprache der Gewalt beherrscht er gut, denn das Soldatentum liegt ihm im Blut. Er dient seinem Land und erhofft sich dadurch Anerkennung, Ehre und Ruhm - so die Theorie.

Die Macht der Medien

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Der Krieg wird im ersten Drittel des Films beeindruckend und beängstigend zur Schau gestellt und fundiert den zweifelhaften Charakter des Martius
Bild: KSM


 
Tatsächlich gelingt ihm die Verteidigung der Stadt Coriolis durch blinde Wut, Kampfeslust und Furchtlosigkeit. Nach einem harten und blutigen Schusswechsel stehen sich Martius und der Volsker-Führer Aufidius (Gerard Butler) Auge in Auge gegenüber, um die Schlacht in einem fairen Messerkampf zu entscheiden. Das endgültige Finale der Auseinandersetzung wird jedoch von einer Detonation verhindert, die beide Parteien auseinander reißt. Martius kehrt siegreich nach Rom zurück, verwendet seine Narben als Orden, seine neu erlangte Ehre als Eintrittskarte ins Konsulat und den ihm verliehenen Namen des "Coriolanus" als Aushängeschild für seine Sache.
 
Vor dem Volke kann er jedoch keine Antrittsrede halten und auch sonst verläuft der Kontakt zur Allgemeinheit eher in negativen Bahnen. Seine Profession liegt im Kämpfen, nicht im Reden. An dieser Stelle nutzt Regisseur Fiennes geschickt die von ihm gewählte Jetzt-Zeit aus, bringt die modernen Medien ein und lässt die Öffentlichkeit während eines Polit-Talks im Fernsehen gegen Martius stimmen. Da sich die Aufnahmen im Stile eines Nachrichtenbeitrages verkaufen, bezieht sich die Kritik offenbar besonders auf diese Form der Stimmungsmache; aber auch die Institution des Soldatentums kommt hier nicht ungeschoren davon. Wenn Vanessa Redgrave in ihrer Rolle als Mutter des Martius mal wieder ihren Nationalstolz heraushängen lässt, um sich dann später reuig das Ergebnis ihrer militanten Erziehung anzuschauen (wenn Coriolanus' Sohn lieber Kriegsspielen nachgeht, anstatt dem Lernen), dann wird deutlich, wie sich der Protagonist überhaupt zu diesem bemitleidenswerten Außenseiter entwickeln konnte.
 
Was soll ein patriotischer Soldat wie Martius von solch einer undankbaren Geste halten? Wie verhält sich jemand, der von denen verbannt wird, für die er sein Leben riskierte? Das schreit ganz klar nach Rache. Seines Lebens überdrüssig sucht Coriolanus nun in den gegnerischen Reihen nach Unterstützung. Wie ein verstoßenes Raubtier begibt er sich in die Höhle seines schlimmsten Feindes. Anders als vor dem Volk gelingt es Coriolanus beim Feldherren Tullus Aufidius Gehör zu erlangen. Mehr noch gesteht dieser ihm seine tiefste Zuneigung. Nun ziehen sie gemeinsam in den Krieg, um Rom zu entzünden.

Action? Drama!

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Die Mutter lehrte ihn Nationalstolz und Ehrgefühl, nun erkennt sie das Monster, das vor ihr steht
Bild: KSM


Die Geschichte von dem Mann, der vom Beschützer zum Zerstörer wird, ist eine der mächtigsten und zugleich auch fatalsten, die je William Shakespeares Feder entsprungen sind - also der ideale Zündstoff für eine dramaturgisch extreme Inszenierung. Die Verlagerung in die Gegenwart schüttet weiteres Öl ins Feuer und macht das Werk authentisch und nachvollziehbar. In die genau entgegengesetzte Richtung arbeitet die Shakespearsche Sprache, die originalgetreu übernommen wurde. Passen sich die meisten Dialogsequenzen organisch an das Geschehen an, wirken einige Ausnahmen doch ziemlich gestelzt und wie kleine Fremdkörper.
 
Besonders Tullus "Liebesbekundung" gegenüber Coriolanus ist an Theatralik kaum noch zu überbieten (was aber sicherlich auch an Butlers sentimentaler Erinnerung an seinen ersten Darstellerjob in dem Bühnen-Stück "Coriolanus" liegt). Krieg und Häuserkampf gibt es vorrangig im ersten Filmdrittel zu sehen, das Martius in seinem Element zeigt, auch wenn er hie und da mal einen Zivilisten abballert. Für das Verständnis sind die explosiven Kriegsszenarien absolut vonnöten, denn nur so ist der Charakter des Protagonisten zu erklären, der ohne sein Schlachtgetümmel und ohne einen klaren Feind ein Nichts wäre. Fiennes hassverzerrte Mimik und die homoerotische Komponente innerhalb des Militärs kreieren das sorgfältig entworfene Bild eines Antihelden, der sich seine eigene Kriegswelt schafft. Dieser wird zum bemitleidenswerten Spielball der politischen Mächte und verliert dabei, ohne es zu merken, alles, was ihn zum Mitglied einer Gesellschaft machen könnte. Es ist schon überraschend wie gut diese Farce funktioniert, führt sie doch all die Dinge vor Augen, für die man im Krieg sein Leben riskieren würde. Nur dass Coriolanus aufgrund seines treuen Soldatentums am Ende leer ausgeht, sodass selbst die viel gerühmte Soldatenehre zum nichtigen Luftschloss wird.

Mutige Stilistik

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Feind oder Freund? Tullus Aufidius liebt und hasst zugleich seinen Widersacher, weshalb er den Kampf auf einer undurchschaubaren, intriganten Ebene fortführt. Wer wird gewinnen? Wer verlieren?
Bild: KSM


 
Staubig, blass wie ein hart umkämpftes Krisengebiet präsentiert sich die Bildqualität. Auf den ersten Blick ist sie wie ein B-Movie stilisiert und lässt von den farbarmen Motiven auf das triste, emotionslose Leben des Martius schließen. Die Krönung dieser Stilistik ist natürlich sein leuchtend rotes, blutüberströmtes Gesicht, als er den Trümmern eines "gesäuberten" Hauses entsteigt. Im Friedensgebiet des zivilisierten Roms weitet sich das Farbspektrum ein wenig aus und lässt noch ein paar wärmere, feminine Töne durchscheinen. In der rauen Männerwelt hingegen scheint sich alles dem matten Olivgrün der Militär-Uniformen unterzuordnen.
 
Seine Trümpfe spielt der Audiomix vorrangig in den Kriegsszenarien aus. Jene sind ausreichend schockierend, aber auch nicht so pompös angelegt, dass sie den Zuhörer völlig aus der Fassung bringen. Den größten Teil nehmen aber die Dialoge ein, die halb gesungenen Wortwechsel, deren Synchronisation sicherlich alles andere als einfach gewesen ist. Udo Schenk und Tobias Kluckert leisteten hier enorm gute Arbeit, sodass das sprachgewaltige Kräftemessen auch im Deutschen bestens funktioniert. Die Stars ließen sich für den Bonusbereich der Disc bereitwillig interviewen, sodass sage und schreibe 73 Minuten Material voller Eindrücke und Beschreibungen zusammengekommen sind. Eine halbstündige Doku über den Film, eine nur geringfügig kürzere B-Roll sowie eine Bildergalerie lassen kaum noch Fragen offen.

Die Wertung

Wertung BLU-RAY MAGAZIN: Okay

 

 

FILMINHALT: 7 von 10


 
TECHNIK: 6 von 10
 
BILDQUALITÄT: 5 von 10
 
TONQUALITÄT: 7,5 von 10
 

Fazit: Blut, Rom, Rache - Butler und Fiennes in einem mörderischen Spiel, das Sie allein durch die ungewöhnliche Kombination und die markanten Bilder nachdenklich stimmen wird.
 
BONUSMATERIAL: 8 von 10

Die Blu-ray zum Film.

Bild: KSM


Infos zur Blu-ray


 
Genre: Action/Drama | Originaltitel: Coriolanus | Land/Jahr: GB 2011 | Vertrieb: KSM | Bild: MPEG-4, 2.35:1 | Ton: DTS-HD MA 5.1| Regie: Ralph Fiennes | Darsteller: Ralph Fiennes, Gerard Butler, Vanessa Redgrave, Jessica Chastain | Laufzeit: 123 Min. | Wendecover: ja | Anzahl Discs: 1 | FSK: ab 16 Jahre | Start: 16. Juli 2012
 
An dieser Stelle präsentiert Ihnen das BLU-RAY MAGAZIN immer dienstags die "Blu-ray der Woche", die aus Sicht unserer Redakteure die  interessanteste Veröffentlichung der kommenden Tage darstellt. In der vergangenen Woche stand die Blu-ray "Underworld: Awakening 3D" im Mittelpunkt.

 
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