Bundesliga via Satellit bei der Telekom? Blödsinn! [Kommentar]

30.12.2011, 09:12 Uhr, Kommentar von Alexander Rösch, Chefredakteur DIGITALFERNSEHEN.de

Soso, die Deutsche Telekom will also Sky in die Bredouille bringen und dem Bezahlanbieter ab der Spielzeit 2013/2014 die Satellitenrechte für die Fußball-Bundesliga wegschnappen? Schöne Geschichte der "Financial Times Deutschland". Dumm nur, dass Satellitenrechte von der DFL gar nicht separat ausgeschrieben werden und die ganze Story auf Halbwahrheiten fußt.


Man werde sich die Möglichkeit angucken, die Satellitenrechte zu kaufen, lieferte der für das Deutschland-Geschäft verantwortliche Telekom-Vorstand Niek Jan van Damme dem Blatt laut eigener Vorabveröffentlichung am Dienstagabend eine eher vage Steilvorlage. Wer die Automatismen der Presselandschaft kennt, weiß, was in solchen Fällen passiert. Schon Minuten später hatten erste Quellen die Geschichte aufgegriffen und titelten flugs "Telekom schielt auf Bundesliga-Rechte von Sky" oder sahen gar "Sky unter Druck".
 
Nachgefragt hat keiner der Kollegen, nachrecherchiert offenbar auch nicht, sonst hätte man schnell gemerkt, dass das vermeintliche Zitat des niederländische Telekom-Supervorstands in der veröffentlichten Kurzmeldung aus dem Zusammenhang gerissen war und lediglich eine vorsichtige Absichtserklärung darstellte, sich gedanklich über den Tellerrand IPTV hinaus einmal mit der Ausweitung der Bundesliga-Rechte auf andere Übertragungswege zu beschäftigen. Und dass die DFL ihre TV-Rechte nur im untrennbaren Dreigestirn für Satellit, Kabel und Terrestrik ausschreibt.


Allzu weit wird van Damme aber gar nicht darüber nachgedacht haben, denn die regulatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sind zu eindeutig: Weder verfügt die Telekom über eine eigene Rundfunklizenz, noch hat sie als immerhin noch zu rund 32 Prozent im Staatsbesitz befindliches Unternehmen eine Chance, diese jemals zu erhalten.
 
Kein Problem, holt man sich doch einfach einen Produzenten und Programmveranstalter mit ins Boot - so wie im Fall des IPTV-Pakets "Liga total!" die Kollegen von Constantin Medien? Auch das ist zu kurz gegriffen, denn während die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) beim Nischenmarkt Internet-Fernsehen seinerzeit gerade noch ihr wachsames Auge zukniff und Fünfe gerade sein ließ, ist bei der Überlegung, ein "Staats-Bundesliga-TV" für potenziell 40 Millionen deutsche TV-Haushalte zu produzieren, das Veto vorprogrammiert. Wenn nicht von der KEK, dann von dritter Seite. "Bild" und andere Lobbyisten werden schon dafür sorgen.
 
Hat van Damme seine Aussagen vielleicht wörtlich so gemeint, wie er zitiert wurde? Die Telekom kauft die kompletten Pay-TV-Rechte ein, macht Sky mit Entertain Sat und exklusivem Liga-Fußball das Leben schwer und lässt die Lizenzen für Kabel und Terrestrik brachliegen? Wirtschaftlicher Selbstmord. Unmöglich refinanzierbar. Und zudem untragbar, weil die DFL eine flächendeckende Versorgung der Zuschauer voraussetzt. Bei genauerem Blick zeigt sich also: Viel Lärm um Nichts.
 
Dass bei solchen Meldungen - ebenso wie im Fall des versehentlich unterstellten Verlusts sämtlicher Paramount-Produktionen auf den Sky-Filmkanälen - gleich die Analysten und Hobby-Aktionäre aus ihren Löchern gekrochen kommen und Sky oder andere Unternehmen wahlweise "in Zugzwang", "unter Beschuss" oder "vor dem Aus" sehen, macht ein ganz anderes Problem deutlich: Auf Basis schlampig recherchierter und teilweise schlicht falscher Informationen werden hier Kursstürze ausgelöst und Unternehmenswerte vernichtet.
 
Nicht erst seit den Lehman Brothers und der Griechenland-Pleite ein Phänomen, das die  Frage aufwirft, wie viel Einfluss Medien, selbst ernannte Experten und Rating-Agenturen wirklich nehmen dürfen, wenn es um Kaufempfehlungen und wirtschaftliche Bestandsaufnahmen geht. Profitmaximierung durch personellen Kahlschlag in den Redaktionen der Republik, die flüchtiger gewordenen Informationsflüsse im Online-Zeitalter und eine generelle Abkehr vom investigativen Journalismus zugunsten von "Schneller-Exklusiver-Bunter"-Maximen erhalten hier ihre Quittung.
 
Alexander Rösch ist Chefredakteur von DIGITALFERNSEHEN.de und DIGITAL TESTED.

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