DVB-T2: Der Anfang vom Ende des privaten Free-TV?

04.08.2014, 10:37 Uhr, ps

Mit der Umstellung des Antennenfernsehens auf den neuen Übertragungsstandard DVB-T2 ab Mitte 2016 könnte das Zeitalter des privaten Free-TV zu Ende gehen. Auf Nachfrage von DIGITAL FERNSEHEN ließen sowohl RTL als auch ProSiebenSat.1 anklingen, dass eine unverschlüsselte SD-Ausstrahlung auf Dauer wohl nicht mehr geplant ist.


Nach langer Unsicherheit scheint die Zukunft des terrestrischen Fernsehens gesichert zu sein. Anfang Juni hatte sich auch die Mediengruppe RTL dazu bekannt, ihre Programme künftig über den neuen Verbreitungsstandard DVB-T2 zu verbreiten. Der Umstieg soll bereits Mitte 2016 starten. Auch die Sendergruppen ARD, ZDF und ProSiebenSat.1 haben sich mittlerweile auf diese Zeitschiene verständigt.


Ziel der Sendergruppen ist es, dank neuen, effizienteren Verbreitungsstandards endlich auch HD-Programme via Antenne anbieten zu können. Doch zumindest bei den Privatsendern wird es diese, wie auch im Kabel oder über Satellit, nur verschlüsselt und gegen die Zahlung einer so genannten Technik-Pauschale geben. Kein Problem, könnte man meinen, denn neben den verschlüsselten HD-Programmen wird es ja die Möglichkeit geben, die SD-Versionen der Privatsender unverschlüsselt zu empfangen - eben genauso, wie das über Kabel und Satellit läuft. Dann würden nur die Zuschauer zahlen, die Wert auf die höhere Auflösung legen. Doch tatsächlich ist das nicht so sicher.

Unverschlüsselte Ausstrahlung fraglich


 
Nachdem bereits in den vergangenen Wochen einzelne Stimmen laut geworden waren, die an einer weiteren Free-TV-Ausstrahlung der Privatsender von RTL und ProsiebenSat.1 gezweifelt haben, hat DIGITAL FERNSEHEN bei den Veranstaltern nachgefragt. Die Antworten fielen dabei durchaus unterschiedlich aus. So teilte man von Seiten der Mediengruppe ProSiebenSat.1 mit, dass man sich derzeit in Gesprächen zu allen möglichen Plattformmodellen befinde. "Denkbar ist, dass wie in Österreich für den Empfang von TV Programmen über Antenne ein Plattformanbieter ein Zugangsentgelt aufrufen wird", erklärte Pressesprecher Marcus Prosch. Die Antwort, ob es auch eine frei zugängliche SD-Einspeisung geben wird, blieb man damit allerdings schuldig.
 
Bei RTL wurde man hingegen schon deutlicher. Gegenüber DIGITAL FERNSEHEN erklärte RTL-Sprecher Konstantin von Stechow: "Die Mediengruppe RTL Deutschland plant keinen dauerhaften Parallelbetrieb zwischen verschlüsselten HD- und unverschlüsselten SD-Programmen über DVB-T2." Im Klartext bedeutet dies: Zumindest auf längere Sicht wird es über DVB-T2 wohl nur verschlüsselte HD-Sender von RTL geben, ein frei empfangbares Free-TV-Angebot jedoch nicht.
 
Angesichts der Antworten scheint es mehr als fraglich, ob privates Free-TV in Zukunft über Antenne noch empfangbar sein wird. Zumindest die beiden führenden Mediengruppen für Privatsender könnten geneigt sein, vollständig auf eine verschlüsselte HD-Verbreitung zu setzen. Wie bereits angedeutet, wäre die Situation dann nicht mehr vergleichbar mit jener über Kabel und Satellit, denn dort stellen die verschlüsselten und kostenpflichtigen HD-Sender lediglich ein Zusatzpaket dar, nicht jedoch das Grundangebot.

Risiken für die Sender


 
Ein solches Vorgehen über DVB-T2 wäre natürlich in mehrerlei Hinsicht problematisch und dürfte auch für die Sender selbst nicht ohne Risiko sein. Immerhin müssten sie den Zuschauern erklären, warum diese für den Empfang ihrer Sender in Zukunft extra zahlen sollen und dafür möglicherweise noch gewissen Einschränkungen bei der Nutzung der Programme in Kauf nehmen müssen. So arbeitet RTL über Kabel und Satellit bei seinen verschlüsselten Sendern mit Aufnahme- (CI Plus) beziehungsweise Vorspulsperren (zertifizierte Receiver).
 
Mit seinem Verschlüsselungskonzept über DVB-T namens Viseo Plus in den Großräumen Leipzig und Stuttgart war RTL in den vergangenen Jahren schon einmal auf die Nase gefallen, weil kaum ein Zuschauer bereit war, für vermeintliche Free-TV-Sender in eine proprietäre Plattform einzusteigen. Schlimmstenfalls könnten die Zuschauer den Sendern eine Absage erteilen, was diese Reichweite und damit Werbeeinnahmen kosten würde.
 
Zudem würde perspektivisch auch die Frage aufgeworfen, womit Zuschauer über Kabel und Satellit zu rechnen hätten, sollten RTL und ProSiebenSat.1 in Zukunft dort einmal die Ausstrahlung in Standard-Qualität einstellen. Unklar ist zudem, wie sich andere Privatveranstalter in einem solchen Szenario positionieren würden. Diese könnten den Weg von RTL und ProSiebenSat.1 mitgehen oder sich gezielt anders positionieren.
 
Aktuell stehen viele Fragen und Spekulationen im Raum, die jedoch auf ein mögliches Szenario hindeuten: Den Anfang vom Ende des privaten Free-TV.

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