Hintergrund • Der steinige Weg zur Ultra HD Blu-ray

Einblicke in die Ultra-HD-Entwicklung

 erstellt am 10.07.2015 von Christian Trozinski
Wikileaks hat wieder zugeschlagen: Vor wenigen Wochen tauchten im Netz brisante interne Daten auf, die interessante Einblicke in die Ultra-HD-Entwicklung vermitteln. Wir haben uns durch die Dokumente gearbeitet, um dem Geheimnis des Blu-ray-Nachfolgers auf die Schliche zu kommen.
 
 

Während zur Einführung der Blu-ray-Disc dem Disc-Medium noch eine goldene Zukunft vorausgesagt wurde, stehen die Zeichen derzeit auf starken Gegenwind. Samsung hat den aktuellen Markttrend längst erkannt: Die Filmverbreitung über physische Datenträger entwickelt sich immer mehr zu einem schrumpfenden Markt und das Blu-ray Disc Konsortium, kurz BDA, wurde von den rasanten Entwicklungen im Internetbereich förmlich überrollt.
 
Samsung, ebenfalls Mitglied der BDA, hält sich deshalb aus den meisten technologischen Streitereien heraus und brachte zusammen mit 20th Century Fox und Warner 4K-UHD-Filme auf einer externen Festplatte auf den Markt (Samsung ist ebenfalls Hersteller von Speicherbausteinen und Festplatten). In den Geheimdokumenten der BDA wurde genau jene Veröffentlichung 2014 mahnend hervorgehoben: Samsungs UHD-Alleingang außerhalb der BDA ließ Bedenken laut werden, dass die Blu-ray Disc den technologischen Anschluss verlieren könnte. Hinweise darauf finden sich bei den ehemals geplanten Veröffentlichungsterminen der Ultra HD Blu-ray: Bereits 2014 sollte der Start erfolgen, derzeit geht die BDA von Ende 2015 aus.

Laborarbeit für lau


In den BDA-Dokumenten tauchen zwei Hersteller besonders häufig auf: Panasonic und Sony. In den Ansprachen der japanischen Technologieführer ist von einer vertrackten Situation die Rede, denn neue Standards wie die Ultra HD Blu-ray müssen erst umfangreich getestet und sämtliche technischen Rahmenbedingungen abgesteckt werden. Das Pikante: Laut BDA-Unterlagen wurden diese Tests in der Vergangenheit oft zum Nulltarif durchgeführt, d. h. vor allem Panasonic und Sony haben sich um die Blu-ray-Disc-Einführung verdient gemacht und Tests aus eigener Tasche finanziert, zusätzlichen Rückenwind bei der Entwicklung gab es noch von 20th Century Fox und Disney.
 
Da sämtliche Verkaufsprognosen für physische Datenträger aktuell aber negativ gesehen werden (knapp 20 Millionen Bluray-Player stehen mehr als 1 000 Millionen verkauft en Smartphones gegenüber), krankt die UHD-Blu-ray-Einführung an einem Mangel an "Freiwilligen", die aus Eigeninitiative den Standard etablieren. Die BDA-Dokumente sprechen hierbei eine deutliche Sprache und insbesondere Sony wird zum aktiven Handeln gedrängt.
 
Doch Sonys Vorschläge kamen ein ums andere Mal unter die Räder, wie der zeitweise fast tägliche Schrift - verkehr zeigt: Fragen des Kopierschutzes waren lange Zeit ebenso ungeklärt wie die Art und Weise, wie Daten im Netzwerk zugänglich gemacht werden sollen. Die BDA-Umfragen zeigen auch die unterschiedlichen Mitgliederinteressen: Filmstudios wie Warner, Disney oder 20th Century Fox vertreten meist gegensätzliche Meinungen zu den Unterhaltungselektronikherstellern, was zu einer Art Blockadehaltung führt und das Festlegen von verbindlichen technologischen Rahmenbedingungen erschwert.
 
Ein Vorschlag, UHD-Inhalte auch über Festplatten mit Western Digital, SanDisc, Samsung und LG zu veröffentlichen, fiel bei den BDA-Mitgliedern Panasonic, Sony, Pioneer, TDK und Co. gnadenlos durch - womöglich ein Grund, weshalb Samsung mit den Filmstudios innerhalb eines Alleingangs UHD-Material auf einer Festplatte veröffentlichte. Doch Sony und Panasonic glauben an einen Erfolg der UHD Blu-ray Disc und sollten sich die Vorzeichen bewahrheiten, steht die Filmverbreitung auf physischen Datenträgern vor einer Revolution.

Die digitale Brücke


Video-on-Demand-Dienste wie Netflix und Amazon gehören zu den aktuellen Gewinnern beim Filmvertrieb, während die Verkäufe der Blu-ray Disc schrittweise zurückgehen. Sony, Panasonic und die weiteren treibenden Kräft e der BDA wollen mit der UHD Blu-ray Disc deshalb zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die maximale Bild- und Tonqualität liefern und zugleich wettbewerbsfähig sein, wenn es um die Verbreitung der Daten geht.
 
Unter dem Begriff "Digital Bridge" sollen sich mit einem UHD-Blu-ray-Player die Filmdaten zukünftig kopieren und ins Netzwerk einspeisen lassen, um mit Tablets und Computern darauf zugreifen zu können - das soll nicht nur für die neuen UHD-Medien, sondern auch rückwirkend für bestehende Blu-ray Discs gelten. Die Daten sollen in Form einer Masterdatei bereitgestellt werden, die vom Disc-Medium kopiert und einmalig über das Internet freigeschaltet wird.
 
Von den bislang üblichen Disc-Bundles und Downloadcodes mit eingeschränkter Nutzung wollen die Hersteller Abstand nehmen. Hinter den Kulissen wird derzeit eifrig an den Exportfunktionen gefeilt: Wie sollen Tonspuren, Untertitel und Bonusinhalte im Netzwerk bereitgestellt werden? Lassen sich bei einer 3D-Blu-ray auch 2D-Kopien anfertigen?
 
Im besten Fall können Sie am Ende selbst wählen, welche Inhalte Ihnen wichtig sind und auf welchen unnötigen Ballast Sie verzichten möchten. Um portable Geräte wie Tablets nicht zu überfordern, wird neben der 1:1-Kopie eine verlustbehaftete Zweitkopie erstellt, die qualitativ aber immer noch besser ausfallen soll als gängige Videostreams. Wird eine unzulässige Filmkopie in Umlauf gebracht, können Anbieter den Zugang sperren lassen, ohne andere Nutzer zu benachteiligen.
 
Doch auch der Kopierschutz für den Offlinebetrieb wird verbessert: Statt auf HDCP 1.4 und einen Sicherheitsschlüssel mit 56 Bit setzt die UHD Blu-ray auf HDCP 2.2 und einen Sicherheitsschlüssel von 128 Bit. Das gesamte Sicherheitssystem zu umgehen, wird zukünftig nicht mehr möglich sein: Wird ein Sicherheitsschlüssel geknackt, betrifft dies nur einen bestimmten Titel. Durch die voraussichtlich empfohlene Internetverbindung lassen sich weitere Vorteile erzielen: Sprachversionen und Bonusfeatures sollen sich nachträglich herunterladen lassen, was auf die Einführung von Ultra-HD-Playern und ergänzenden Mediaplayern mit eingebauten Festplatten schließen lässt.

Von der Disc ins Netzwerk: Privatkopien erstellen und verteilen

Die Infografik veranschaulicht, wie die Disc-Daten zukünftig im Netzwerk verteilt werden. Neben einer 1:1-Kopie (BDMV FE) werden für Tablets und Netzwerkstreamer kompaktere Daten (SFF) bereitgestellt. Die Privatkopien können unbegrenzt und kostenlos angefertigt werden, um sie abzuspielen müssen Inhalte und Geräte über das Internet authentifiziert werden. Zudem steht es jedem Filmstudio frei, die Verwendung im Netzwerk einzuschränken
Bild: © Wikileaks

Die Informationen in diesem Artikel basieren auf sorgfältiger Recherche und geben den Sachstand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung wieder. Spätere Entwicklungen oder Updates sind aus diesem Grund unter Umständen nicht berücksichtigt. Für Hinweise auf möglicherweise überholte Informationen sind wir dankbar.
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