Deutschlands Datenautobahnen: Die schwierige "letzte Meile"

22.02.2018, 14:18 Uhr, Wolf von Dewitz

Wie schnell ist das Internet? Diese Frage dürfte in Deutschland je nach Standort unterschiedlich beantwortet werden. Die Anbieter machen nach eigenem Bekunden zwar Tempo beim Breitbandausbau. Dabei haben sie aber eine ganz unterschiedliche Auffassung, was schnell bedeutet.


In einem einzigen Punkt sind sich die ärgsten Konkurrenten der deutschen Telekommunikationsbranche einig: Es geht voran mit dem Breitbandausbau. Ob Deutsche Telekom oder Vodafone - beide Firmen gaben unlängst immer mal wieder Erfolgsmeldungen kund zum Thema schnelles Internet. Von Vodafone hieß es, man habe in Deutschland weitere 500 000 Anschlüsse für schnelles Internet aufgerüstet - deren Nutzer könnten nun "über die Datenautobahn düsen".


Die Telekom wiederum verkündete kürzlich, es gehe "mit voller Kraft" voran - man habe weitere 309 000 Haushalte in Deutschland ans Netz gebracht. Ähnliche positiv äußerte sich die Chefetage, als sie am Donnerstag die Bilanz 2017 vorstellte. Man habe beim Breitband "eine unglaubliche Aufbau- und Ausbauleistung" hinter sich, schwärmte Telekom-Deutschlandchef Dirk Wössner.
 
Doch Jubelstimmung wäre aus Expertensicht unangebracht. Denn: "Beim wirklich schnellen Internet liegt Deutschland international gesehen hinten", sagt der Betriebswirt Torsten Gerpott von der Universität Duisburg-Essen. Ein umfassender Glasfaser-Ausbau dürfte in jedem Fall noch mindestens 15 Jahre dauern in Deutschland. 
 
Knackpunkt beim Breitbandausbau ist die Frage, wie man mit der besonders teuren letzten Meile umgeht - also der Strecke bis in den Keller hinein oder gar bis in die Wohnungen. Nur bis zur Stelle davor - die grauen Telefonkabelkästen in der Straße oder die Verteilzentren für Fernsehkabel - setzen die Konzerne schon heute umfangreich auf Glasfaser. Die Telekom verweist darauf, man habe allein im vergangenen Jahr über 40 000 Kilometer Glasfaser verlegt, 2018 sollen es sogar 60 000 Kilometer sein.
 
Auf der letzten Meile hingegen liegt häufig Kupfer - bei der Telekom sind das Telefonkabel, die in der Regel über 100 Jahre alt sind. Über sie erreicht man mit einem DSL-Anschluss in der Regel Spitzenwerte zwischen 50 und 100 Megabit pro Sekunde. Beim Konkurrenten Vodafone sind es dicke, leistungsstärkere Fernsehkabel - die können schon heute eine Höchstgeschwindigkeit bringen zwischen 200 und 500 MBit. Die Kabelanschlüsse sind aber nicht in allen Haushalten verfügbar. Deshalb verkauft Vodafone auch DSL-Anschlüsse über alte Kupferkabel. Somit laufen rund Dreiviertel aller Breitbandanschlüsse über das Netz der Telekom, auch wenn der Magenta-Konzern direkt nur rund 42 Prozent Marktanteil hält. Telekom-DSL-Wiederkäufer wie 1&1 und andere kommen zusammen auf knapp 23 Prozent. Vodafone mit seinem DSL-Produkt die restlichen knapp zehn Prozent.
 
Bei den Spitzengeschwindigkeiten sind Vodafone mit dem TV-Kabel sowie der regionale Kabelnetzbetreiber Unitymedia im Vorteil. Wie aber weiter? Die Telekom setzt auf das "Vectoring", bei dem aus den alten Telefonkabel bis zu 100 MBit rausgequetscht werden können. Dass das ehemalige Staatsunternehmen hierfür grünes Licht von den Behörden bekam, schmeckt dem Konkurrenten Vodafone nicht.
 
Angesichts steigender Datenvolumen für Streaming-Videos und andere Anwendungen könnten zumindest 50 MBit pro Sekunde künftig knapp bemessen sein - zumal bei mehreren Endgeräten in einem Haushalt, die gleichzeitig Daten saugen oder hoch aufösende Videostreams übertragen. Dann könnte die Wechselbereitschaft der Nutzer hin zu Vodafone steigen. Kann die Telekom hingegen immerhin 100 MBit bieten, dürften viele Surfer damit vorerst noch zufrieden sein.
 
Uni-Professor Gerpott sieht Vectoring kritisch. Solche Investitionen hemmten die Entwicklung in Richtung Glasfaser, das mindestens bis zum Gebäudekeller gehe ("Fiber To The Building"). Anstatt Geld in eine alte Infrastruktur zu stecken, sollte die Telekom besser richtige Glasfaser-Verbindungen ausbauen. Unrealistisch und unbezahlbar, heißt es hierzu aus Telekom-Reihen. 
 
Wie teuer das wäre, ist unklar, es dürfte Schätzungen zufolge ein hoher zweistelliger Milliardenbetrag sein. Mitbewerber O2/Telefónica ist beim Thema übrigens auf der Seite der Telekom und lobt Vectoring als "wichtige Brückentechnologie" - das Münchner Unternehmen nutzt bei Festnetz-Internetverträgen Telekom-Leitungen.
 
Andere Experten bewerten Vectoring positiv. Man sollte die Infrastruktur nachfragebasiert ausbauen - und da ergebe diese Technologie durchaus Sinn, sagt Oliver Falck vom Münchner Ifo-Institut. Die Nachfrage zeige, dass ultraschnelles Netz häufig gar nicht gewünscht sei. "Trotz vergleichsweise geringer Preise nutzen [...] nur etwas mehr als 10 Prozent der Haushalte, die Anschlüsse mit 100 MBit/s und mehr zur Verfügung haben könnten, diese auch", sagt der Professor. Die Fortschritte auch auf Basis des Kupfer-Telefonnetzes oder des TV-Kabelnetzes ließen erwarten, dass man auch noch weitere Innovationen sehen werde. "Den meisten Kunden ist es letztendlich egal, auf Basis welcher Infrastruktur ihre Qualitätsansprüche an einen Breitbandanschluss bedient werden."
 
Die Jagd nach höheren Bit-Zahlen geht unterdessen weiter. Vodafone will das "Gigabit-Zeitalter" einläuten, also mindestens 1000 MBit pro Sekunde. Ähnliches hat Unitymedia vor - im Frühjahr soll in Bochum flächendeckend Gigabit-Tempo möglich gemacht werden. Die Telekom wiederum verkündet nun ein "Super-Vectoring", Ende dieses Jahres soll eine Maximalgeschwindigkeit von 250 MBit pro Sekunde in 15 Millionen Haushalten verfügbar gemacht werden.
 
Wofür aber braucht man als Privatmensch die Möglichkeit, derlei hohe Datenmengen downzuloaden? Nicht allzu viele Privatkunden, heißt es hierzu von der Telekom. Denn im kleinen Rahmen verlegt die Firma schon Glasfaser auch auf der letzten Meile - über hierzulande eine Million Anschlüsse könnten man dadurch schon jetzt rasend schnell downloaden. Aber nur für etwa ein Zehntel von ihnen würde dieses Angebot auch wahrgenommen. Es sei wichtig, "die Bandbreiten zu liefern, die gebraucht werden", betont Telekom-Manager Wössner.
 
Professor Gerpott pocht hingegen auf Glasfaser. Das sei eine Investition in die Zukunft", sagt er. Zwar bräuchten derzeit überwiegend Firmen Ultra-Highspeed-Internet - in einigen europäischen Nachbarländern wie Schweden seien Glasfaserleitungen längst wesentlich weiter verbreitet, Wettbewerber in diesen Ländern hätten einen entsprechenden Vorteil. Aber Investitionen in Vectoring für private Haushalte hemmten nun mal den zügigen Wechsel auf Netze mit hinreichendem Leistungspotenzial insgesamt, so der Professor. "Die Zukunft ist Glasfaser." 

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