"Die Stadt und die Macht": ARD-Event mit wenig Biss

15.01.2016, 11:18 Uhr, mib

Mit Spannung war die ARD-Produktion "Die Stadt und die Macht" erwartet wurden, nun ist sie gelaufen und jeder kann entscheiden, ob seine Erwartungen erfüllt wurden. War das wirklich das deutsche "House of Cards"?


ARD-Programmchef Volker Herres wollte mit der Serie eine neue Erzählweise ins Programm bringen. Gelungen ist das den Machern allerdings nicht. Dabei war durchaus Potential vorhanden, das aber erstickte leider in jeder Menge Klischees, die die Serie letztendlich anstatt spannend oder fesselnd irgendwie kitschig machte. Fast könnte man meinen, hier sollte eine Story in schmale sechs Folgen gepackt werden, die richtig erzählt eher zwei bis drei Staffeln hätte füllen können – so wie das immer wieder zitierte Vorbild "House of Cards".


Ein weiteres Dilemma, denn viele Zuschauer verglichen bewusst oder unbewusst die deutsche Adaption des Netflix-Klassikers mit dem Original. Hier konnte die Serie an keiner Stelle überzeugen. Statt eine machthungrige und skrupellose Hauptfigur zu etablieren, einen vom Zuschauer auf fast animalische Art und Weise hassgeliebten Antihelden, dem man sogar den einen oder anderen Mord verzeiht, setzen die Macher auf eine von Selbstzweifeln und psychischen Problemen zerfressene Anwältin mit einem Vater-Tochter-Konfikt, die durch Zufall Kandidatin zur Bürgermeisterwahl in Berlin wird. Eine, die Frank Underwood zum Frühstück nur zum Spaß gefressen hätte. Es fehlte einfach der Biss (und der feste Wille zur Macht), die die Erzählung unspektakulär macht, zumal Susanne Kröhmer (gespielt von Anna Loos) nicht nur einmal selber ernste Zweifel an ihrer Kandidatur hat.

Hinzu kommt der fehlende Mut der Autoren. Warum muss sich im Wahlkampf die "CDP", "SPU" und die "Grüne Liste" bekämpfen, anstatt die Parteien bei ihren Namen zu nennen. Im US-Vorbild sind es Demokraten und Republikaner – wie im echten Leben. Konsequenterweise hätte man aus Berlin dann auch eine fiktive Stadt machen müssen.

Klischeesammlung


Stattdessen hat man den Eindruck, der Autor hat erstmal alle gängigen Klischees gesammelt, um diese im großen Topf zu sammeln, mit  Alltagsthemen wie Korruption, dem Asylproblem, Stasi-Seilschaften und luxuriösen Hauptstadtvillen zu mischen, um diese Mischung dann zu einer mehr oder weniger plausiblen Story zusammenzurühren. Dazu passt der investigative Journalist Alex Movarek (Carlo Ljubek) mit Lederjacke und Dreitagebart, der im Laufe der Serien nicht nur einmal krankenhausreif geschlagen wird, weil er zu den ehrlichen Journalisten gehört, die böse, korrupte Politiker und Wirtschaftsbosse hinter Gitter bekommen wollen. Die sind derweil nur am Machterhalt interessiert und haben so manchen Dreck am Stecken, aber wen wundert das? Ach ja, Schlägertrupps ziehen natürlich auch durch das nächtliche Berlin und Schwerkriminelle mit Migrationshintergrund, die nicht mal Deutsch lesen können, zetteln eine Gefängnisrevolte an. Selbstverständlich gibt es auch Mord und Selbstmord.

Der Bauunternehmer Frank Griebnitz (Jürgen Heinrich, 2.v.l.) attakiert den CDP-Fraktionsführer Karl-Heinz Kröhmer (Thomas Thieme, l.). Daneben der fiktive amtierende SPU-Bürgermeister Manfred Degenhardt (Burghart Klaußner)

Bild: © ARD/Frédéric Batier

Seicht und Oberflächlich


Zu viel des Bösen und dennoch zu brav erzählt. Dabei hätten manche Figuren sogar das Potential, für interessante Nebengeschichten, die dann aber auch richtig erzählt werden und nicht nur in einem Nebensatz angerissen werden sollten. Dominiert wird die Serie vom Vater von Susanne Kröhmer, dem Fraktionsvorsitzenden Karl-Heinz Kröhmer (Thomas Thieme). Der gut beleibte gemütliche alte Herr, der auch die Rolle eines netten Onkels oder auch des Weihnachtsmannes übernehmen könnte, spielt seine Rolle überzeugend, aber eben auch vorhersehbar.

Verzichten müssen die Zuschauer dagegen auf tiefschwarze und sarkastische Kommentare, von denen "House of Cards" an vielen Stellen lebt. Lediglich dem Wahlkampfmanager Georg Lassnitz (Martin Brambach) steht es an der einen oder anderen Stelle zu, einen teilweise sarkastischen, aber auch schrägen Humor einzufügen. Beispielsweise, als seine Kandidatin nach einer der zahlreichen Eskapaden mit abgeschnittenen Haaren vor ihrem eigenen Wahlplakat mit schulterlanger Mähne steht und weitermachen will: "So, dann suchen wir halt nach dem besten Perückenmacher in Berlin." Schade eigentlich, dass Brambach in eine letztlich so unverfängliche Rolle mit wenig Entfaltungsmöglichkeiten gesteckt wurde, denn sein immer wieder verkanntes Potential kann er leider nicht ausspielen.

Paukenschlag wie erwartet


Am Ende kommt es, wie es kommen musste: Die ohnehin kaugummiweiche Kandidatin lässt im finalen TV-Duell die Katze aus dem Sack und schickt damit ihren Vater, den amtierenden Bürgermeister und den korrupten Baumagnaten Frank Griebnitz (Jürgen Heinrich) ins Gefängnis oder die ewigen Jagdgründe. Saubere Politikerin, Mission erfüllt im Auftrag des Volkes. Transparent und ehrlich – aber eben nicht realistisch. Sind Politiker in der Realität so oder sind es doch eher kleine Frank Underwoods? Unser Fazit zu dieser Frage: Science-Fiction Made in Germany. Unterhaltsam, aber nicht fesselnd.

Jetzt auch bei Netflix


Naturgemäß sieht das die ARD ganz anders und opferte tatsächlich drei Tage in Folge die Prime-Time für jeweils ein Doppelpack der Serie. Ganz so, als wollte man dem Tempo der Serie entgegenkommen und diese in gleicher Weise hintereinander abspulen. Oder es war ein Zugeständnis an die "Bing-Watcher", die ganze Staffeln im Video-on-Demand (VoD) verschlingen. Dabei wäre das nicht nötig gewesen, denn ab dem heutigen Freitag hat auch jene Spezies die Chance dazu, denn die komplette Staffel steht bei Netflix zum Abruf bereit. Genau wie "House of Cards", was dann auch einen direkten Vergleich beider Serien ermöglicht...

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