
- Spezial Dr. Test und die emanzipierten Fernseher
- Emanzipierte Fernseher? I wo!
erstellt am 29.05.2012
Meine lieben Freunde! Gerade einmal ein halbes Jahr ist es her, dass beim Besuch der Kollegen der DIGITAL TESTED das sogenannte Kopfkino meine akademisch angeregte Anatomie kräftig auf die Probe stellte (siehe Ausgabe 6/2011). Doch jetzt haben die trendverliebten jungen Herrschaft en aus dem Testlabor, die jeder Innovation hinterherhecheln, als begäbe sich ein frisch geborener Hundewelpe in der Wüste Gobi auf die Suche nach einem Wassernapf, bereits das nächste "große Ding" für sich entdeckt: Fernseher, die auf Gesten und Sprache reagieren und damit die klassische Fernbedienung überflüssig machen.
Mal ganz ehrlich, ich frage Sie, wer braucht denn so was? Setzt das in unserer zunehmend technokratisch orientierten Gesellschaft nicht die völlig falschen Maßstäbe? Statt gemeinsam mit der ganzen Familie auf allen Vieren hinter der Couch herumzukrabbeln, um nach der weggekullerten letzten Batterie im Haus zu suchen, soll man künftig einfach wie ein Kung-Fu- Meister vor dem Bildschirm herumfuchteln? Statt beim Synchronturmspringen beiläufig den Bierfleck von der Videotext- Taste zu wischen, beordert man künftig womöglich den robotischen Staubsauger herbei. Nein, meine Lieben, aber nicht mit mir! Das kann doch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
Mir genügt es schon, wenn mein 11-jähriger Neffe Thomasius seine örtliche Jungschar einlädt, um mit seiner top modernen Konsole Tischtennis oder Bowling zu spielen. Für den unbeteiligten Beobachter sieht das Herumfuchteln mit den Kontrollinstrumenten eher danach aus, als habe er es mit einer Horde von Bewegungslegasthenikern zu tun. Was für ein fatales Bild werfen solche Szenen denn bitte auf unsere Jugend? Was waren das noch für Zeiten, als wir mit Kreide auf der Straße unsere Hüpfkästchen … aber ich schweife ab, meine Lieben. Zurück zur Magic Touch Control, die meinereiner ja zunächst für ein anstößiges Utensil aus dem nahe gelegenen Rotlichtviertel hielt.
"Fernseher anschalten!" soll ich rufen und das Gerät damit automatisch zum Leben erwecken. Das klappt so weit ganz gut, doch von da an geht es kontinuierlich abwärts mit der Trefferquote und vor allem meiner Laune. "Lauter, lauter, lauter!", proklamiere ich, ehe endlich die Worte des "Tagesschau"-Sprechers vernehmlich an mein Hörgerät dringen. Dann ein schrilles Pfeifen im Ohr. Dem Tinnitus zuliebe ringe ich mir mit letzter Kraft ein "Leiser! LEIIIISER!" ab. Das Einzige, was passiert, ist, dass Frau Oberthoelke aus der Wohnung unter mir Sturm klingelt und mich fragt, ob ich denn noch ganz bei mir sei.
Das also ist der Fortschritt? Meine Lieben, dann aber bitte ohne mich! Eines Tages sind wir dann so weit, dass wir morgens im Halbschlaf vor unserem vollvernetzten Kaffeevollautomaten stehen, müde ein Tässchen Blümchenkaffee anfordern und uns eine wohlmodulierte Frauenstimme verkündet: "Koch ihn Dir doch selber, Du fauler Sack!" Mal ehrlich, was die Damen von der "Emma" in 50 Jahren nicht geschafft haben, wird auch die Elektronikindustrie nicht ändern können. Emanzipation ist und bleibt Männersache!
Daran erinnert Sie gerne Ihr stets um den Fortschritt bedachter
Dr. h. c. Thaedaeus Test
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