Eine Frage der Bären - Berlinale verkündet Gewinner

23.02.2018, 15:00 Uhr, Peter Claus und Caroline Bock

Endspurt bei der Berlinale - die letzten Filme laufen im Wettbewerb. Wer hat Chancen auf einen Bären?


Macht "Transit" von Christian Petzold das Rennen oder wird es der vierstündige Film aus den Philippinen? Bei der 68. Berlinale sind am Freitag die letzten Filme in den Wettbewerb gestartet. Samstagabend wird es spannend. Die Festivaljury um Präsident Tom Tykwer verkündet die Gewinner des Goldenen und der Silbernen Bären.


19 Filme waren in der Berliner Konkurrenz, darunter bekannte Namen wie Wes Anderson ("Isle of Dogs") und Gus Van Sant ("Don't worry, weglaufen geht nicht"). Die Spanne reichte vom rumänischen Experimentalfilm mit viel Sex bis zur mexikanischen Komödie. Triumphiert hat bei dem Festival das Autorenkino - Filme, die scheinbar kleine Geschichten nutzen, um Gesellschaftsbilder zu zeichnen.
 
Was die Stars angeht: Es kamen einige, von Robert Pattinson als Trottel in der Westernkomödie "Damsel" bis zu Isabelle Huppert als Edelprostituierte in "Eva". Soll keiner sagen, die Berlinale habe nicht genug Glamour.
 
Schon zum Auftakt war klar: Es wird viel um Männer und Frauen, die Gleichberechtigung und die Debatte um sexuellen Missbrauch gehen. Stichwort "MeToo". Das war Gesprächsstoff für Podiumsdiskussionen, auf Pressekonferenzen, Partys und beim Warten im Kino.
 
Auf der Leinwand: auffällig viele starke Frauen. Welche Darstellerin einen Silbernen Bären bekommt? Marie Bäumer hat als Romy Schneider in Emily Atefs Film "3 Tage in Quiberon" alles gegeben. Aber auch Ana Brun aus dem hoch gehandelten Film "Die Erbinnen" über ein alterndes Frauenpaar in Paraguay und Andrea Berntzen aus "Utøya 22. Juli" haben Chancen.
 
Noch ein Bärenkandidat: Franz Rogowski. Der 32-Jährige hat mit "Transit" und "In den Gängen" gleich in zwei deutschen Wettbewerbsfilmen mitgespielt. Harte Konkurrenz ist Joaquin Phoenix. Er schlüpft in Van Sants "Don't worry, weglaufen geht nicht" in die Rolle eines querschnittsgelähmten Alkoholikers.
 
Das deutsche Kino war mit gleich vier Filmen im Wettbewerb vertreten. Schwere Kost kam von Philip Gröning. Sein dreistündiges Zwillingsdrama "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" trieb manche Zuschauer aus dem Saal.
 
Neben Marie "Romy" Bäumer könnte Regisseur Christian Petzold auf der Preisliste landen. Das Thema von "Transit" nach dem gleichnamigen Buch, das Anna Seghers in den 40er Jahren schrieb, ist mit eigener Handschrift und ohne biederes Kostüm-Tamtam umgesetzt. Zudem ist der Film aktuell: Es geht um Flucht und Exil.
 
Die Berlinale-Jury hat sich schon öfter politisch gezeigt. So wäre auch Erik Poppes Film über den verheerenden Anschlag auf der norwegischen Insel Utøya ein Kandidat: würdevoll erzählt er die Geschichte aus der Perspektive der Opfer. Aus Russland könnte "Dovlatov" in Frage kommen: das Porträt über einen Schriftsteller, dessen Texte in der Sowjetunion der Breschnew-Ära nicht gedruckt werden durften.
 
Es kann wie immer bei der Berlinale auch Entscheidungen zum Kopfkratzen geben. Hoch gehandelt als bester Film, also für den Goldenen Bären, wird "In Zeiten des Teufels". Der philippinische Regisseur Lav Diaz war mit seinen Filmen bereits auf den Festivals in Venedig und Locarno erfolgreich. Diesmal erzählt er von den Schrecken der Marcos-Diktatur. Mit Schwarz-Weiß-Bildern und A-Capella-Gesang ist es der wohl originellste Film - mit vier Stunden aber auch die größte Zumutung.
 
Da hatten es die Zuschauer bei Wes Andersons liebevoll gemachtem Animationsfilm "Isle of Dogs" leichter, auch einige Filmkritiker mochten ihn. Steven Soderbergh ("Ocean's Eleven") stellte außer Konkurrenz seinen Thriller "Unsane - Ausgeliefert" vor. Er rüttelte alle durch, die Hauptdarstellerin Claire Foy als vornehme Queen in der Serie "The Crown" gewöhnt sind. Ein kleiner, solide gemachter Schocker.
 
Insgesamt war es ein guter Berlinale-Jahrgang. Beim Festival gehen aufwühlende Tage zu Ende. Eine traurige Nachricht kam aus Bosnien-Herzegowina: Nazif Mujic, Gewinner des Silbernen Bären bei der Berlinale 2013, ist tot. Er spielte in "Aus dem Leben eines Schrottsammlers" zusammen mit seiner Roma-Familie eine Episode aus seinem Leben nach.
 
"Überglücklich" war das Festival am Tag der Freilassung des "Welt"-Journalisten Deniz Yücel. Berlinale-Leiter Dieter Kosslick hatte am Abend zuvor bei der Eröffnung an das Schicksal von Yücel erinnert. Für Kosslick (69) war es der vorletzte Festival-Auftritt. Wenn er 2019 das letzte Mal mit Hut und rotem Schal die Gäste auf dem roten Teppich begrüßt, soll seine Nachfolge geklärt sein.

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