Interview: ARD-Vorsitzender wirbt für Allianzen im TV-Geschäft

29.12.2017, 12:11 Uhr, Bernward Loheide

Als ehemaliger Regierungssprecher von Kanzlerin Merkel kennt Ulrich Wilhelm das glatte politische Parkett. Das kann ihm nun zugute kommen. Als neuer ARD-Vorsitzender ringt er vom Jahreswechsel an mit den Ministerpräsidenten um eine umstrittene Frage: Soll der Rundfunkbeitrag steigen?


Die ARD will verstärkt mit anderen Anbietern großangelegte TV-Film-Projekte wie "Babylon Berlin" umsetzen. "Der Anspruch der Zuschauer wächst, weil sie über Amazon, Disney und Netflix sehr hochwertige Produktionen geboten bekommen", sagte Wilhelm in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Bei großen Budgets seien daher neue Allianzen und unkonventionelle Kooperationen nötig.

DF: Was passiert in der ARD, wenn der Rundfunkbeitrag nicht erhöht wird?

Ulrich Wilhelm: Die Dimension, die das erreichen würde, wäre gewaltig. Es würden kurzfristig drei Milliarden Euro fehlen, die wir im Wesentlichen im Programm einsparen müssten. Jenseits des Programms, also bei Technik und Verwaltung, zu sparen ist schon weitgehend ausgereizt, denn das tun wir seit Jahren. Die Länder müssen sich hier klar entscheiden. Es gibt die beiden Aussagen aus der Ministerpräsidentenkonferenz: "Ihr müsst noch deutlich höhere Beiträge einsparen." Und zweitens: "Ihr dürft das Programm aber nicht antasten." Dies ist in sich widersprüchlich.

Das heißt?

Der Widerspruch lässt sich nur auflösen, indem der Rundfunk wie alle anderen Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge nach acht Jahren Stagnation, ja sogar Senkung des Rundfunkbeitrags endlich wieder einen Teuerungsausgleich erhält. Oder indem die Politik klar durch Gesetzesakt sagt, welche Programme nicht mehr gemacht werden sollen.


Sie könnten bei den Sportrechten sparen.

Leider nein, denn es handelt sich hier um einen Markt mit zunehmendem Wettbewerb und deutlich steigenden Preisen. Der Sportrechte-Etat der ARD ist seit Jahren streng gedeckelt. Wir müssen jeden Abschluss, der teurer wird, durch die Absenkung des Preises bei einem anderen Sportrecht kompensieren. Es ist uns immer wieder durch intensive Verhandlungen gelungen, auch bei prominenten Sportereignissen Preise zu senken, oder wir haben auf Rechte verzichtet. Oder wir haben uns auf Partnerschaften eingelassen: mit Sky beim Handball, mit Discovery bei den Olympischen Spielen, mit der Telekom bei der 3. Liga. Unsere größten Argumente sind eine seriöse, qualitativ hochwertige Berichterstattung und eine verlässliche Reichweite, mit der man wirklich alle Teile der Bevölkerung erreicht. Sport ist eine tragende Säule für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land.

Einem Fernsehzuschauer kann es doch egal sein, ob RTL etwas überträgt oder das Erste.

Das ist nicht mein Eindruck. Die Zuschauer wollen neben der reinen Sportberichterstattung die fundierte, auch sportpolitische Vor- und Nachberichterstattung und die ausführliche Analyse von Moderator und Sportexperten. Das können Privatsender mit ihrem Finanzierungsmodell nicht. Wir nehmen uns die Zeit für eine umfassende Berichterstattung und verbinden Massensportarten und Randsportarten. RTL hat im Übrigen den Ausflug in den Wintersport Anfang der 2000er schnell wieder beendet, als die "Ski-Adler" zwischendurch von der Erfolgsspur abkamen.

Und im Fußball?

Das gilt auch und gerade für den Fußball. Die Zuschauer wollen gerade die Fußball-Nationalmannschaft bei uns. Der Fußball muss aufpassen, dass er die gesellschaftliche Bindung nicht verliert, wenn er wesentliche Inhalte ins Pay-TV vergibt. Das Erlebnis, ein Turnier in Gänze, einen Wettbewerb über die Saison hinweg verfolgen zu können, auch seine eigenen Favoriten dabei zu entdecken, die Dramaturgie eines Turniers erleben zu können, das machen wir möglich. Im Pay-TV oder in Spartenkanalangeboten bleibt dies der breiten Mehrheit verschlossen.

Wenn Sie mit Karl-Heinz Rummenigge darüber reden, nickt der dann?

So viel kann ich sagen: Die Verantwortlichen des Fußballs in Deutschland erkennen durchaus an, dass sie im öffentlich-rechtlichen Programm präsent sind und damit eine breite Verankerung in der Bevölkerung haben. Die Champions League ist erstmals in ganz Europa nur noch im Pay-TV zu sehen. Ich denke, dass die Breitenwirkung dieses Wettbewerbs in der Bevölkerung dadurch geschwächt wird.

Könnten Sie nicht Akzeptanz beim Rundfunkbeitrag zurückgewinnen, indem Sie sagen: Das lasse ich jetzt mal weg?

Das tun wir doch. Wir haben wiederholt Dinge weggelassen, zum Beispiel die Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft. Über seine grundsätzliche Finanzausstattung kann der Rundfunk nicht alleine entscheiden. Die 16 Länder, also 16 Landtage, müssen einen Konsens darüber bilden: Welcher Rundfunk passt zu Deutschland, welchen Auftrag soll er erfüllen? Wie stets bei öffentlichen Gütern, der Ausstattung eines Landes mit Schulen, Universitäten oder dem öffentlichen Verkehr. Deutschland ist und bleibt ein föderales Land. Wir wollen keinen zentralistischen Rundfunk, sondern er muss die Vielfalt des Landes widerspiegeln. Ein Großteil unseres Publikums entscheidet sich bewusst für die regionalen Inhalte.

Die dritten Programme tauschen aber auch vieles untereinander aus, zum Beispiel "Tatort"-Krimis. Reichen nicht fünf Stunden tägliches Regionalprogramm und den Rest holt sich der Zuschauer aus der ARD-Mediathek?

Seit jeher gibt es in der ARD den kostenlosen Programmaustausch der Dritten Programme. Die Zunahme der Wiederholungen ist den Sparzwängen geschuldet und nichts, worauf wir stolz sind. Auf der anderen Seite hat das BR Fernsehen weit mehr als fünf Stunden am Tag regionale Inhalte. Die Bevölkerung schätzt gerade diese regionalen Inhalte. Wir haben also eine gespaltene Situation: wachsende Anerkennung fürs Programm in der Bevölkerung, in den Reichweiten und der Nutzung, und auf der anderen Seite den hohen Sparzwang aufgrund des unterbliebenen Teuerungsausgleichs.

Nicht nur die Politik entscheidet über Sie, sondern auch das Kartellamt, als es zum Beispiel eine gemeinsame digitale Plattform mit dem ZDF untersagte. Könnte das vielleicht doch noch möglich werden?

Wir würden gerne mehr machen, als uns das Kartellrecht ermöglicht. Wir haben in Deutschland einen Wertungswiderspruch zwischen Rundfunkrecht, das uns ausdrücklich beauftragt, mehr im Miteinander der Rundfunkanstalten zu machen, und dem Kartellrecht als Bundesrecht, das uns genau dies erschwert. Diesen Widerspruch müssen die Gesetzgeber von Bund und Ländern aufheben. Dann wird auch mehr möglich sein. Tatsächlich ist die Bereitschaft auch beim ZDF vorhanden, mehr zusammenzuarbeiten.

Wollen Sie dann die Digitalangebote One und ZDFneo sowie Tagesschau24 und ZDFinfo zusammenführen?

Zwischen ZDFinfo und Tagesschau24 ist das Profil zu unterschiedlich. ZDFinfo macht ja nicht Nachrichten, sondern im Schwerpunkt Dokumentationen. Aber es gäbe natürlich Bereiche, wo wir bei standortpolitischem Willen der Länder etwas machen könnten.

Warum wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk - wie die klassischen Medien insgesamt - in der Öffentlichkeit so angefeindet?

Die Diskussion wird ja nicht nur in Deutschland mit dieser Schlagseite gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geführt, sondern in ganz Europa. Der Grund liegt auch in der Dominanz der sozialen Netze. Jenseits der klassischen Öffentlichkeit gibt es viele Foren und Netzwerke, wo sich Gleichgesinnte in nie gekannter Weise austauschen können. In diesen Teil-Öffentlichkeiten, sogenannten Filterblasen, herrscht das Bewusstsein, dass die Meinung, in der sie sich gegenseitig bestärken und die sie für die einzig richtige halten, zu wenig in den sogenannten Mainstream-Medien vorkommt. Die Kritik gilt uns Öffentlich-Rechtlichen in besonderem Maße, weil sie dafür auch noch bezahlen müssen.

Welche Folgen hat das aus Ihrer Sicht?

Die Demokratie gerät dadurch unter Spannung. Ein öffentlicher Raum, der zerbröselt, verhindert den Blick auf das große Ganze mit allen Argumenten für und wider. Die Folge wäre eine wachsende Spaltung und Fragmentierung der Gesellschaft. In den USA ist genau das bereits passiert. Gäbe es dort so etwas wie die Tagesschau, dann gäbe es auch mehr an Zusammenhalt. Stattdessen hat jedes Lager seine eigenen Medien. Die einen haben Fox, die anderen CNN. Ein Austausch, wo man vielleicht noch etwas anderes zur Kenntnis nimmt, findet nur noch unvollkommen statt.

Zeigt denn die ARD tatsächlich das ganze Bild?

Wir dürfen nie zufrieden sein. Ich glaube, dass wir Journalisten zu sehr bestimmte Milieus abdecken und verkörpern. Natürlich stammt die Mehrheit der Berichterstatter eher aus urbanen Milieus, ist akademisch geprägt. Die Probleme vieler Menschen finden in den unmittelbaren Tageserlebnissen von Journalisten nicht in dem Maße statt, wie es für die Bevölkerung repräsentativ wäre. Also dieses genauere Hinschauen – wie geht es den Leuten, was ist ihnen wichtig? – da müssen wir ernsthafter werden, noch näher dran sein. Auch bei der Welche Lebenswelten kommen bei uns eigentlich nie vor? Haben wir genügend Themen vom Land zum Beispiel? Da müssen wir stärker an uns arbeiten. Wir haben auch in der Politikberichterstattung eine zu geringe Vielfalt an Formaten.

Inwiefern?

Die Talkshows sind mir zu dominant geworden. Wir vernachlässigen dabei, was mit anderen Formaten zusätzlich möglich wäre. Mit Dokumentationen, Themenabenden, mit dem Ausleuchten großer Themenkomplexe.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel: Was bedeutet das Vordringen künstlicher Intelligenz für die Arbeitskräfte in unterschiedlichen Branchen? Was bedeutet das für eine Krankenschwester, für den Lehrer oder Lieferanten? Da könnten wir mehr machen, als in einer Talkshow vier Leute darüber reden lassen. Da rate ich auch zu mehr Ambition. Oder auch zu mehr Wissenschaftsthemen im Programm. In der Wirtschaftsberichterstattung haben wir eine Dominanz von Verbraucherschutz-Themen. Das ist gut, die Leute wollen das auch, aber es reicht nicht. Wenn so etwas wie eine Bankenkrise passiert oder über die Zukunft der europäischen Währung nachgedacht wird, muss man auch Grundlegendes über Wirtschaft vermitteln: Wie funktioniert ein Geldkreislauf? Wie funktioniert ein Binnenmarkt?

Der Zeitungsverlegerpräsident Mathias Döpfner hat mit Blick auf die digitalen Angebote der ARD vor einer "gebührenfinanzierten digitalen Staatspresse" gewarnt. Wie könnte Ihre Lösung dieses Streits aussehen?

Das Wichtigste ist, dass wir die Standpunkte der anderen noch besser verstehen. Und jedes Gespräch, das ich dazu bisher geführt habe, hat geholfen. Wir haben die Textangebote bereits verändert. Gleichzeitig werden wir Texte – wo sinnvoll und erlaubt – auch in Zukunft weiter einsetzen – schon alleine, um den Erwartungen unseres Publikums gerecht zu werden. Als öffentlich-rechtlicher Rundfunk müssen wir sicherstellen, dass wir allen gesellschaftlichen Gruppen und Altersschichten ein Angebot machen. Da sich immer mehr Menschen im Netz bewegen, müssen wir auch dort präsent sein. Und ohne ein Mindestmaß an Text würden unsere Angebote schlicht nicht gefunden.

Was meinen Sie damit?

Fast die Hälfte unserer Nutzer findet uns über Suchmaschinen. Wer keinen Text hat, wird in Suchmaschinen nicht gefunden und ganz unten einsortiert. So etwas würde jedes Angebot marginalisieren. Das erkennen nach meinem Eindruck auch die Verlage an. Dann stellt sich die Frage, wie viel Text brauchen wir. Da haben wir uns schon bewegt und werden auch weiter im Gespräch bleiben. Nur: Unsere digitale Zukunft aufgeben, das können und werden wir nicht.

Haben Sie eigentlich schon Alexa zu Hause und sprechen manchmal mit ihr? Welche Chancen und Risiken bedeuten digitale Sprachassistenten für die ARD?

Persönlich würde ich das nicht nutzen – wegen der fehlenden Möglichkeit des Datenschutzes. Ich sehe aber, dass sich digitale Butler immer mehr durchsetzen. Wie alle Medienunternehmen stellen auch wir uns darauf ein. Gesellschaftlich halte ich die Entwicklung allerdings für gefährlich.

Warum?

Es birgt Gefahren, wenn Algorithmen und Automatisierung zum Maß aller Dinge werden. Plurale Gesellschaften sind angewiesen auf Verständnis füreinander und Toleranz. In der digitalen Welt haben einseitige Pressure Groups Vorteile. Einzelanliegen lassen sich mit Militanz und permanenter Mobilmachung leichter durchsetzen, als dem Gemeinwesen guttut. Begünstigt werden emotionale, zugespitzte Botschaften. Differenzierte Argumentationen dagegen tun sich schwerer. Genau hier liegt aber die Aufgabe der Qualitätsmedien, der Öffentlich-Rechtlichen, der Zeitungen und Zeitschriften: eine Gesamtöffentlichkeit herzustellen.

Will die ARD verstärkt auch auf Streamingdienste zugehen und - wie im Fall "Babylon Berlin" mit Sky – etwas gemeinsam produzieren?

Ja. Generell müssen wir immer wieder "Leuchttürme" im Programm schaffen und uns für eine Qualitätsoffensive starkmachen. Der Anspruch der Zuschauer wächst, weil sie über Amazon, Disney und Netflix sehr hochwertige Produktionen geboten bekommen. Netflix hat neulich gesagt: 20 Millionen Dollar für eine Stunde Fiktionales ist mittlerweile vorstellbar. Das war vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar. Zum Vergleich: Ein "Tatort" kostet etwa 1,5 Millionen Euro für 90 Minuten. Diese großen Budgets können wir alleine nicht stemmen. Also werden wir natürlich Partner brauchen und gemeinsam Hochwertiges produzieren, auch wenn wir nur einen Teil der Rechte nutzen können – ähnlich wie im Sport. Im Netzzeitalter ist das Eingehen von Allianzen ohnehin unabdingbar. Agil unterwegs sein, neue Allianzen bilden, Kooperationen auch unkonventioneller Art machen – das gehört zur heutigen Zeit.
 

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