Kommentar: Die Zukunft von DVB-T - hat sich RTL verzockt?

03.04.2013, 15:44 Uhr, Patrick Schulze

ProSiebenSat.1 wird RTL beim DVB-T-Ausstieg nicht nachfolgen. Für die Kölner könnte der Plan, den terrestrischen Übertragungsweg in Deutschland ganz aufzugeben, deshalb zum Fehlschritt werden, da im Vergleich zur direkten Konkurrenz ein merklicher Reichweitenverlust droht. Doch auch in Unterföhring kann man sich noch nicht als Sieger sehen. Zumindest für die Zuschauer ist die jüngste Entscheidung von ProSiebenSat.1 jedoch eine gute.


Das digitale terrestrische Fernsehen in Deutschland hat in den vergangenen Wochen für reichlich Gesprächsstoff gesorgt. Mit dem im Januar 2013 angekündigten DVB-T-Ausstieg der Mediengruppe RTL  zum 1. Januar 2015 stand plötzlich in Frage, ob dieser etablierte Empfangsweg hierzulande überhaupt eine Zukunft hat. Denn nicht wenige hatten erwartet, dass nun auch die Mediengruppe ProSiebenSat.1 nachziehen würde und ihrerseits den Ausstieg aus der terrestrischen Fernsehverbreitung suchen würde. Bei einem Ausstieg beider großer privater Sendergruppen wären einzig die Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunkanstalten als große Unterstützer von DVB-T zurückgeblieben und die Zuschauer wohl über kurz oder lang massenhaft zu anderen Übertragungswegen abgewandert. Zumindest dieses Szenario scheint nun vorerst abgewendet zu sein.


Dabei ist es durchaus denkbar, dass man auch bei RTL insgeheim darauf spekuliert hatte, dass ProSiebenSat.1 seine DVB-T-Übertragung ebenfalls mit dem Auslaufen der aktuellen Verbreitungsverträge Ende 2014 einstellen würde. Zumindest im letzten Jahr glichen sich die Aussagen beider Sendergruppen zur erwarteten Zukunft von DVB-T noch in erstaunlicher Art und Weise. So betonten sowohl RTL als auch ProSiebenSat.1, dass der terrestrische Verbreitungsweg für die Sender vergleichsweise teuer für seine Zuschauerreichweite sei. Genau diese Argumentation machte sich im Januar RTL zu Nutze um seinen Ausstieg aus DVB-T zu begründen. Der Verbreitungsweg, den in Deutschland immerhin mehr als vier Millionen Haushalte als Erstempfangsweg nutzen, sei schlicht nicht wirtschaftlich.
 
ProSiebenSat.1 stellte hingegen bei seiner Ankündigung am Dienstag die höhere Zuschauerreichweite besonders in den Ballungszentren, in denen teilweise mehr als 20 Prozent der Haushalte DVB-T empfangen, über die vergleichsweise hohen Verbreitungskosten und kündigte sogar an, die durch den Rückzug von RTL freiwerdenden Frequenzen in Zukunft selbst nutzen zu wollen. Für RTL könnte der DVB-T-Ausstieg damit zum Risiko werden. Denn die Sendergruppe gibt hier einen nicht zu unterschätzenden Publikumsanteil auf. Bei einem gleichzeitigen Rückzug von ProSiebenSat.1 aus der terrestrischen Verbreitung wäre die Chance größer gewesen, dass viele derzeitige DVB-T-Haushalte rasch auf einen anderen Verbreitungsweg wie Kabel oder Satellit wechseln und RTL so als Zielgruppe erhalten bleiben. Jetzt könnte RTL ein empfindlicher Reichweitenverlust drohen und angesichts der Tatsache, dass die großen Sendergruppen derzeit mit immer neuen Spartensendern um Zuschauermarktanteile im niedrigen Prozent- oder gar Promillebereich kämpfen, ist sehr wohl davon auszugehen, dass einige hunderttausend Haushalte weniger schmerzen könnten.
 
Doch auch für ProSiebenSat.1 ist der DVB-T-Verbleib nicht ohne Risiko, denn viele Zuschauer könnten aufgrund des Wegfalls der RTL-Sender dennoch den Verbreitungsweg wechseln. Der vermeintliche Reichweitenvorteil wäre somit schnell egalisiert und dann würden die hohen Verbreitungskosten über DVB-T sicherlich auch in Unterföhring mehr schmerzen als bisher. Immerhin hat man bereits angekündigt, die frei werdenden Frequenzen für die Verbreitung eigener Programme nutzen zu wollen. Hier wird es also auch an ProSiebenSat.1 selbst liegen, den terrestrischen Übertragungsweg durch ein gutes Portfolio für viele Zuschauer attraktiv zu halten um davon zu profitieren.
 
Ein Gewinn ist die Ankündigung von ProSiebenSat.1, DVB-T nicht den Rücken zu kehren, auf jeden Fall zunächst einmal für die Zuschauer, die auf diesen Übertragungsweg setzen. Bei den Nachteilen wie dem kleineren Senderportfolio oder der noch fehlenden HD-Ausstrahlung gibt es nämlich auch ganz klare Vorteile, die nach wie vor für DVB-T sprechen. Nicht zuletzt wären dies der kostengünstige Empfang für die Zuschauer sowie die Unabhängigkeit von Netzanbietern.
 
Zumindest für die nächsten Jahre kann der digitale terrestrische Rundfunk in Deutschland erst einmal als gesichert gelten. Langfristig wird es jedoch nicht allein von Sendern und Zuschauern abhängen, ob die Terrestrik als TV-Verbreitungsweg hierzulande eine Zukunft hat: Das Stichwort lautet Digitale Dividende II. Diese könnte das Frequenzspektrum für das terrestrische Fernsehen noch weiter zu Gunsten des Mobilfunks beschneiden und dem Übertragungsweg damit langfristig das Genick brechen. Neben Sendern und Medienanstalten ist hier vor allem die Politik gefordert, im Sinne einer diversifizierten Rundfunkverbreitung zu entscheiden.

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