Hintergrund • Natur pur: Der Farbvergleich

Farbanalyse: TV und Realität

 erstellt am 09.10.2014 von Christian Trozinski, Christoph Pech
Fernsehhersteller überbieten sich gegenseitig mit immer neuen Möglichkeiten, sei es in der Auflösung, im Funktionsumfang oder in der Farbdarstellung. Wir fragen: „Wie viel Farbraum braucht der Mensch?“, und haben den Test gemacht.

Das Farbdreieck des gültigen Videostandards ist seit Jahrzehnten unangetastet geblieben: Während sich die Auflösung fast alle paar Jahre verdoppelt, müssen wir uns immer noch mit einem eingeschränkten Farbspektrum zufriedengeben. Deshalb erscheint es nur selbstverständlich, dass Hersteller wie Panasonic, Sony oder Optoma aus diesen technologischen Fesseln ausbrechen wollen, schließlich gelten solche Restriktionen aufseiten der Aufnahme- und Wiedergabetechnik nicht mehr. Doch ist eine Farbraumerweiterung wirklich notwendig, um die Natur in all ihrer Pracht einzufangen?
 
Wir haben unser Testlabor nach draußen verlagert und versucht, unbearbeitete, in der Natur vorkommende Farben zu finden: Rot, Grün und (schwierig) Blau, aber auch Gelb, Braun oder Weiß. Dabei wurden Obst, Gemüse und Blumen in mehreren Durchgängen mit einer Farbkamera analysiert und die Werte festgehalten. Und zwar bei Sonnenlicht. Denn nur in der Sonne werden Farben natürlich wahrgenommen, während künstliches Licht unsere Farbwahrnehmung leicht in die Irre führen kann.

Standard erfüllt "Naturnorm"


Legt man die entsprechenden Messwerte auf ein Farbdreieck, fällt als Erstes auf: Die Natur liegt in den meisten Fällen im Normbereich. Eine blaue Hortensie liegt im Schnitt im „normalen“ Blaubereich des Farbdreiecks. Die Erdbeere liegt tief in der roten Ecke, aber immer noch innerhalb der Norm. Nur eine goldgelbe Blüte können Sie mit dem veralteten Videostandard nicht in Gänze originalgetreu darstellen, die Sättigungsunterschiede sind aber derart minimal, dass auch hier eine extreme Farbraumerweiterung nicht gerechtfertigt ist.
Unsere Messobjekte bei Sonnenlicht: grüne Gurke (1), grünes Blatt (2), gelbe Blüte (3), blaue Blüte (4), Banane (5), weiße Blüte (6), Sand (7), Kaffeebohne (8), Tomate (9), Erdbeere (10). Nicht im Diagramm sichtbar: Die Helligkeitsinformationen der Farben (dritte Dimension), die bestimmen, ob Farbtöne dunkel oder hell erscheinen.
Bild: Auerbach Verlag

Doch wie sieht es eigentlich mit Sonderfarben wie Braun aus? Ein genauer Blick auf das Farbdreieck wirft Fragen auf, denn Mischfarben lassen sich nicht entdecken. Doch auch für diese hat die Videonorm die passende Lösung parat: Entgegen der zweidimensionalen Darstellung des Farbdreiecks ist der Farbraum in Wirklichkeit dreidimensional. Die Tiefe wird dabei durch die Farbhelligkeit beeinflusst. Somit ist es auch leicht erklärbar, weshalb eine braune Kaffeebohne in einem ähnlichen Rotspektrum wie rote Früchte anzutreffen ist – der Unterschied in der Farbe wird  hierbei nicht nur über die Sättigung, sondern auch durch die Farbhelligkeit geregelt.
 
Der Farbton Braun ist in Videosprache übersetzt ein spezieller dunkler Orangeton, der Farbton goldgelb ein dunkler Gelbton, Schwarz entspricht Weiß – nur eben gänzlich ohne Helligkeit. Es kommt somit nicht nur auf die Größe des Farbraums an, sondern vielmehr auf die richtige Mischung von Sättigung und Helligkeit, um Farben möglichst naturgetreu wiederzugeben.

Großer Farbraum wirklich besser?


Die Tests von Optomas Heimkinoprojektor HD91, dem Panasonic TX-58AXW804 und Sonys KD-65X9005B zeigen überdeutlich, dass die Geräte nicht nur die Videonorm beherrschen, sondern das darstellbare Spektrum vor allem im Rot- und Grünbereich erweitern können. Künstliche, chemisch erzeugte Farben und/oder computergenerierte Effekte wie das Laserschwert aus „Star Wars“ haben mit natürlichen Farben nicht mehr viel gemein und bewegen sich eher an den satten Rändern der Farbskala.
Sonys LCD-Fernseher ab der Serie W955B gestatten die schrittweise Farbraumerweiterung "Triluminos", die vergleichsweise dezent ausfällt.
Bild: Auerbach Verlag
Panasonics AX804-UHD-Fernseher liefert auf Wunsch äußerst satte Farbtöne, insbesondere im Rot-, Grün- und Gelbbereich.
Bild: Auerbach Verlag
Die extremste Farbraumabdeckung bietet Optomas Projektor HD91 mit LED-Technik. Stellt sich nur die Frage, wo derartige Farben anzutreffen sind.
Bild: Auerbach Verlag

Die Frage: „Was ist ein natürliches Bild?“, lässt sich somit nicht einfach beantworten, denn für die einen ist es die Darstellung eines Kinofilms mit all seinen künstlich erzeugten Farben, für die anderen sind es schlicht die Farben, die tagtäglich in der Natur bestaunt werden können. Ein Argument spricht aber tatsächlich für eine Farbraumerweiterung: Meist sind LCD-Fernseher nicht blickwinkelstabil und Farben bleichen bei seitlicher Betrachtung sehr schnell aus. Eine Farbraumerweiterung kann ausgeblichenen Farben entgegenwirken, ohne den Gesamteindruck zu künstlich erscheinen zu lassen. Im Praxisbetrieb aktivierten wir den erweiterten Farbraum deshalb auch bei Naturaufnahmen, wohlwissend, dass es sich hierbei vorrangig um eine Farbverfälschung handelt.

Zurück zur Natürlichkeit


Mit erweiterter Farbraumdarstellung zu werben und im gleichen Atemzug das ungemein natürliche Bild zu preisen, kann schnell in einen Widerspruch ausarten, deshalb bieten alle Hersteller die Option, die Farbraumerweiterung zu deaktivieren. Die Natur ist eben nicht immer extrem, sondern oft auch gern mal blass. Wie manchmal im Straßenverkehr gilt deshalb auch bei der Farbdarstellung von Fernsehern und Beamern: „Grüner wird’s nicht!“.

Die Informationen in diesem Artikel basieren auf sorgfältiger Recherche und geben den Sachstand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung wieder. Spätere Entwicklungen oder Updates sind aus diesem Grund unter Umständen nicht berücksichtigt. Für Hinweise auf möglicherweise überholte Informationen sind wir dankbar.
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