Tierdoku statt Live-Bericht: ARD und ZDF in Kritik

16.04.2019, 20:24 Uhr, dpa

In Paris brennt die Kathedrale Notre-Dame. ARD und ZDF berichten darüber, ändern aber das Programm nicht. Die Sender weisen Kritik zurück.


ARD und ZDF haben Kritik zurückgewiesen, angesichts des Feuers in der Kathedrale Notre-Dame Montagabend am Programm festgehalten zu haben. Das Erste zeigte um 20.15 Uhr die BBC-Dokumentation "Wilde Dynastien" mit einer Folge über Tiger, das ZDF einen Krimi mit Uwe Kockisch.
 
"Millionen Menschen fiebern mit der Kirche Notre Dame in Paris, einem der bedeutendsten kulturellen Orte in Europa", twitterte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet verärgert. "Warum muss man CNN einschalten während die ARD Tierfilme zeigt?"
 
Sogar Ulrich Deppendorf, der frühere Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, meldete auf Twitter Kritik an: "Warum gab es keinen ARD-Brennpunkt zum Brand von Notre Dame, neben dem Eiffelturm das Symbol Frankreichs? Schwer nachzuvollziehen." Auch Sonia Mikich, frühere Leiterin des ARD-Studios in Paris, forderte eine umfangreichere Berichterstattung.


ARD und ZDF erklärten ihre Entscheidung. Die "heute"-Redaktion habe schnell auf die Eilmeldungen dazu reagiert, erläuterte ein ZDF-Sprecher. In der Sendung um 19.00 Uhr habe die Moderatorin die Zuschauer bereits gegen 19.15 Uhr darüber informiert, dass in der Kirche ein Feuer ausgebrochen sei. "Um 21.45 Uhr ging das "heute journal" mit einer umfassenden Berichterstattung zu den Ereignissen rund um die Kathedrale auf Sendung."
 
ARD-Chefredakteur Rainald Becker sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Wir sind natürlich von den Gegebenheiten vor Ort abhängig. Uns war es wichtig, dass unser Korrespondent vor Ort ist und von dort auch live berichtet, dem haben wir den Vorrang gegeben." Zumal der Korrespondent auch einen Beitrag für die "Tagesschau" gefertigt habe und erst danach an den Ort des Geschehens habe aufbrechen können. "Wir haben alle möglichen Varianten durchdiskutiert, auch die Variante eines "Brennpunkts" um 21 Uhr. Das war aber aus den genannten Gründen nicht möglich."
 
Kai Gniffke, Chefredakteur ARD-aktuell, ergänzte: "Wenn wir der Recherche und der Akkuratesse den Vorzug geben vor Schnelligkeit, dann ist es für die Kritiker auch wieder nicht in Ordnung. Am gestrigen Abend hat den Ausschlag gegeben, dass wir unserem Korrespondenten die Zeit geben wollten, zu recherchieren, statt ihn in einer Dauer-Liveschalte die immer gleichen Dinge wiederholen zu lassen."
 
Die 20-Uhr-"Tagesschau" habe zehn Millionen Menschen mit einem Korrespondentenbeitrag erreicht, noch nicht einmal eine Stunde nach der ersten Eilmeldung, sagte Gniffke. Er wies darauf hin, dass nicht nur das klassische Fernsehen zu berücksichtigen sei.
 
"Wir haben über all unsere Kanäle in den sozialen Medien mehr als neun Millionen Menschen erreicht mit Informationen aus Paris. Wir hatten gestern Abend auf "tagesschau.de" drei Millionen Visits dazu", so Gniffke. "Natürlich hätten wir um 21 Uhr mit einem kurzen "Tagesthemen extra" noch besser ausgesehen, aber die Kritik, die ich lese, finde ich - vorsichtig gesagt - doch ein bisschen überzogen."

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