Vor 25 Jahren: Aus für "Rudis Tagesshow" nach Schlüpfer-Skandal

07.03.2012, 04:05 Uhr, Gregor Tholl

Zwischen 1981 und 1987 ging "Rudis Tagesshow" 38-mal auf Sendung, doch dann war abrupt Schluss. Denn eine Folge der ARD-Satiresendung mit dem niederländischen Showmaster Rudi Carrell löste eine handfeste diplomatische Krise mit dem Iran aus.

Rudi Carrell verliest die Nachrichten des Tages in der "Tagesshow"
Bild: Radio Bremen/WDR/Klar


Aus Spaß wird Ernst, aus einem TV-Witzchen eine politische Krise. Vor 25 Jahren zeigte Rudi Carrell in der Satiresendung "Rudis Tagesshow" einen Clip mit Irans Ajatollah Khomeini und Damenunterwäsche. Die Folge im Fernsehen hatte Folgen in der Diplomatie: schwere Verstimmungen mit dem Iran. Als die damals aktuelle Staffel mit sechs wöchentlichen Episoden zu Ende war, lief die beliebte "Tagesshow" mit dem holländischen Entertainer Carrell am Sonntag, dem 8. März 1987, auch zum letzten Mal in der ARD.
 
Der damalige Schlüpfer-Skandal wirkt bis heute nach. "Rudis Tagesshow" unterhielt das TV-Publikum mit neu geschnittenen und witzig vertonten Nachrichtenbildern und nicht jeder Promi und Politiker war glücklich mit dem, was ihm unterstellt oder in den Mund gelegt wurde. Beispiellos war jedoch die Reaktion auf den kleinen Spot vom 15. Februar 1987, der zur besten Sendezeit ab 20.15 Uhr lief.
 
In der Bildmontage von wenigen Sekunden warfen verschleierte Frauen dem Religionsführer Dessous zu, angeblich anlässlich des achten Jahrestages der Revolution im Iran. In Nahaufnahme wühlte Khomeinis angebliche Hand in der Wäsche. Zu den etwa 20 Millionen Zuschauern gehörte wohl auch der iranische Botschafter Mohammad Djavad Salari, der sich danach bei der ARD und beim Auswärtigen Amt über die "Beleidigung" beschwerte. In den Tagen danach drohte die Situation zu eskalieren.


Der Iran wies zwei deutsche Diplomaten aus und schloss vorübergehend seine Generalkonsulate in Hamburg und Frankfurt sowie das Goethe-Institut als Repräsentanz der deutschen Kultur in Teheran. Als Grund gab die Agentur IRNA an, Ajatollah Sejed Ruhollah Khomeini sowie "die iranische Revolution und die Muslime der Welt" seien beleidigt worden. Das Religionsministerium erklärte, die Sendung sei ein Ausdruck des Hasses auf den Islam und die Islamische Republik Iran.
 
In Bonn sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes, dass Verunglimpfungen fremder Staats- und Religionsführer bedauerlich seien, die Regierung habe jedoch keinen Einfluss auf das Fernsehprogramm. Die ARD bedauerte, dass "eine Satire-Sendung so missverstanden werden konnte". Am Mittwoch nach dem Schlüpfer-Gag entschuldigte sich auch Carrell, der nun unter Polizeischutz stand, öffentlich "beim iranischen Volk". Es war die "schwerste Woche" seines Lebens, wie er später bekannte. Neben dem offiziellen Protest hatte es auch anonyme Morddrohungen gegeben.
 
Am Sonntag nach dem Skandal schalteten sensationelle 21,4 Millionen Zuschauer ein. Sie waren wohl vor allem gespannt darauf, wie sich Carrell aus der Affäre ziehen würde. Unter ungewöhnlich scharfen Sicherheitsvorkehrungen war die neue Sendung am Funkhaus von Radio Bremen produziert worden. Zu Beginn entstieg TV-Kommissar "Derrick" alias Horst Tappert der Weltkugel und nicht Carrell selbst, wie sonst üblich.
 
Nach scharfem Blick durchs Studio gab "Derrick" Entwarnung: "Bitte, Herr Carrell, Sie können kommen!" Später ging Carrell indirekt auf den Skandal ein: "Das wichtigste Thema der vergangenen Woche war..." Er stockte beim Verlesen der "Weltnachrichten" und leitete zum "zweitwichtigsten Thema" über, der ersten Sitzung des neuen Bundestages.


Die Konsequenzen der Ereignisse um Carrells Schlüpfer-Gag klingen bis heute nach. Für viele Entertainer sind Witzchen zum Islam tabu. Harald Schmidt zum Beispiel bekannte 2006 in einem Interview mit der "taz", dass er davon lieber die Finger lasse. "Das ist mir zu heikel", so Schmidt. Zu der Carrell-Geschichte von 1987 meinte er: "Bei Carrell war es noch Ajatollah gegen Carrell. Zwanzig Jahre später leben wir in einer anderen medialen Landschaft."
 
Schmidt spielte damit auf die zum Teil tödlichen Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen im Jahre 2005/2006 an. "In einer kleinen dänischen Zeitung erscheint die Karikatur und in Indonesien wird die dänische Botschaft gestürmt", fasste Schmidt die neuen Auswirkungen zusammen. Das war 1987 tatsächlich anders. Die Lage beruhigte sich damals rasch wieder. Nach wie vor aber hält Radio Bremen den Skandal-Spot lieber unter Verschluss.
 
Ende 2010 etwa musste sich das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bei seiner Ausstellung "Spaß beiseite. Humor und Politik in Deutschland" mit einem Bericht aus der "Tagesschau" über die Auswirkungen des Carrell-Clips behelfen. Sendersprecher Michael Glöckner erklärte dazu: "Ausschlaggebend war für Radio Bremen letztendlich, dass der Beitrag damals zu erheblichen Kontroversen führte und von manchen als ehrverletzend wahrgenommen werden konnte."

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