ZDF-Doku über "Trolle" im Netz: Das Ende der Diskussions-Kultur?

20.09.2012, 08:35 Uhr, hjv

Mit der Kurzdoku "Trollitik - Der miese Ton im Internet" strahlte ZDFinfo vor kurzem einen Bericht über negative und unsachliche Meinungsäußerungen im World Wide Web aus, der nun auch online verfügbar ist. Darin kamen Politiker und Blogger zu Wort, die mit diesem Thema schon das ein oder andere Mal in Berührung kamen - unter anderem Marina Weisband (Piraten), Patrick Döring (FDP) und Ansgar Heveling (CDU).


"Ein Troll ist vergleichbar mit einer Person, die uneingeladen auf eine Party kommt und die Gäste anpöbelt", beschreibt Blogger Markus Beckendahl dem Zuschauer am Anfang der ZDF-Kurzdoku, worum es denn eigentlich geht. "Trolle" verhalten sich im Internet in etwa der Beschreibung entsprechend: Sie beleidigen, sie protestieren lautstark oder argumentieren unsachlich - und das meist im Schutz der Anonymität. Volker Beck, Bundestagsabgeordneter der Grünen und selbst Blogger, Twitter- und Facebook-Nutzer, sieht diese Art der destruktiven Kommunikation sehr kritisch. Nach einer im Bundestag von ihm mitgeführten Debatte um religiöse Beschneidungen sah er sich vor kurzem vor allem im Netz wilder Kritik und wüsten Beleidigungen ausgesetzt.


Beck zufolge verhindern die unsachlichen Wortmeldungen der "Trolle" die Kommunikation zwischen Politik und Bürgern. Er habe unter Umständen nicht die Zeit, unter hundert Posts diejenigen heraus zu filtern, die eigentlich eine Antwort verdient hätten. Was wirklich ärgerlich sei ist der Fakt, dass "Trolle" sich nur für das Führen einer Debatte, beispielsweise auf Twitter, Zweit- oder Dritt-Accounts anlegen würden - um dann mit den immer gleichen, sich wiederholenden Aussagen den Kommunikationskanal noch weiter zu verstopfen.
 
Die Gefahr, dass Politiker im Netz wegen der großen Anzahl von "Trollen" nicht mehr offen kommunizieren, sieht auch FDP-Generalsekretär Patrick Döring. "Das wäre ein Rückschritt, denn letzendlich lebt die Demokratie auch von der offenen Diskussions-Kultur - auch über die neuen Medien", sagte er in der ZDF-Doku. Döring hatte im März 2012 während einer Fernsehsendung mit einer unglücklichen Formulierung einen Shitstorm losgetreten, der schnell in bösen Beleidigungen und unschönen Wünschen in Richtung der Gesundheit Dörings gipfelte.
 
Bezüglich Kommentaren im Internet kommt häufig die Frage auf, ob die Anonymität der Verfasser die Hemmschwelle für Beschimpfungen herabsetzen würde. Marina Weisband, die bis zum Frühjahr 2012 politische Geschäftsführerin der Piratenpartei war, ist da anderer Meinung. Sie sagt, Umgangsformen hätten ihrer Erfahrung nach nichts mit Anonymität zu tun. "Ich bekomme unglaublich viele Hass-Mails und Spam unter echtem Namen, aber auch unglaublich viel konstuktive Kritik unter Pseudonymen", so Weisband in dem Beitrag.
 

Eine verpflichtende Nutzung von Klarnamen würde ihrer Meinung nach die Nutzer unter Druck setzen und somit die Meinungsfreiheit einschränken. Auch Volker Beck sieht keine Notwendigkeit für einen Klarnamen-Zwang. Er selbst nehme jemanden, der sich "auf eine bestimmte Art und Weise äußert" prinzipiell weniger ernst, wenn nicht ersichtlich ist, welche Identität sich in Wirklichkeit dahinter verbirgt, sagte er.
 
Ansgar Heveling, Bundestagsabgeordneter der CDU, hatte Anfang 2012 mit einem provokant formulierten Artikel das Ende der Netzgemeinde und des Web 2.0 angekündigt. Was folgte war eine Mischung aus kreativer und wütender Empörung im Internet - sogar die Website von Hevling wurde gehackt (die am Rande bemerkt mit seinem eigenen Namen als Passwort denkbar schlecht gesichert war). Heveling reagierte öffentlich weder auf den massiven Shitstorm der "Trolle", noch auf den Hack seiner Seite.
 
Im Interview für die ZDF-Doku sprach er nun erstmals über dieses Thema. Demnach wollte er "mit starken Worten Aufmerksamkeit erregen" - um dem Netz "ein Stück weit einen Spiegel vorzuhalten", wie er meint. Auf die direkte Frage der Produzenten, ob Heveling selbst ein "Troll" sei, folgten zuerst einmal fünf Sekunden grinsendes Grübeln, bevor er mit einem "Nein" und einem Augenzwinkern antwortete. Die 14-minütige Kurzdoku "Trollitik - Der miese Ton im Internet" ist auf Youtube verfügbar.

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