ZDF zeigt Dokudrama zur Flüchtlingskrise

03.09.2019, 10:10 Uhr, Martina Herzog

Angela Merkel habe die Grenzen geöffnet, werfen ihr Kritiker vor. Dabei war die Grenze offen. Aber die Kanzlerin hat entschieden, dass das so bleiben sollte, vor vier Jahren. Ein ZDF-Dokudrama soll zeigen, wie die Entscheidung fiel.


Am Ende eines langen Tages platzt Angela Merkel der Kragen. "Scheiße, verdammt noch mal! 100 Busse?", flucht sie ins Handy während sie vom Regierungsflieger auf ihre Limousine zumarschiert. So, glauben die Macher des ZDF-Dokudramas "Stunden der Entscheidung - Angela Merkel und die Flüchtlinge", könnte es sich abgespielt haben, als Merkel (CDU) erfährt, dass die ungarische Regierung den Fußmarsch Tausender Flüchtlinge nach Österreich und Deutschland nun mit Hilfe von Bussen beschleunigt. Es ist der 4. September 2015, der Tag, als die deutsche Grenze offen bleibt.


Mit dem Dokudrama (Mittwoch, 4. September, 20.15 Uhr) will das ZDF nachzeichnen, wie es dazu kam. Von 7.30 bis etwas nach 8.30 Uhr am Morgen darauf geht es um jenen Tag, der eigentlich "ruhig" sein sollte, wie ein Mitarbeiter der Kanzlerin noch am Morgen erwartete.
 
Merkel hält Reden, schüttelt Hände, winkt. Filmaufnahmen von jenem Tag zeigen sie in München, Essen, Köln. Akteure von damals wie der frühere Innenminister Thomas de Maizière (CDU) kommen in Interviewsequenzen zu Wort. Und wenn die Kameras der Journalisten die wirkliche Merkel nicht mehr gefilmt haben, tritt die Schauspielerin Heike Reichenwallner an ihre Stelle.
 
"Die wohl mächtigste Frau der Welt in einem dramatischen Geschehen darzustellen, ist schon mal eine eigene Herausforderung", sagt Stefan Brauburger, Redaktionsleiter Zeitgeschichte beim ZDF, und lobt Reichenwallners schauspielerische Leistung.
 
Sie trägt zwar das gleiche blaue Merkel-Jackett wie die Kanzlerin an jenem Tag, sie teilt mit ihr Frisur und Mimik. Aber sie klingt nicht wie Merkel, und eine Kopie ist sie keinesfalls - eher eine Annäherung.
 
Reichenwallner ist zum Beispiel dran, wenn Merkel die entscheidenden Telefonate führt, mit dem österreichischen Kanzler Werner Faymann oder Bürochefin Beate Baumann. Ganz ohne Fantasie sind solche Dialoge nicht zu schreiben.
 
"Dass die Morgenrunde damit beginnt, dass Frau Baumann die Kanzlerin fragt "Käffchen?", das ist absolut authentisch", versichert Marc Brost. Der langjährige Politik-Redakteur ist einer von zwei Drehbuchautoren und hat nach eigenen Angaben viele, oft vertrauliche Gespräche mit Beteiligten geführt.
 
"Wenn es Dialoge sind oder Telefongespräche, dann geht es nur noch darum, was gesprochen wurde – da können Sie nicht den genauen Wortlaut rekonstruieren", sagt er. "Für uns ging es darum, dass wir exakt sind, was den Inhalt angeht, exakt, was den Zeitpunkt angeht und exakt, was die Form angeht. Also: aggressiv oder passiv, wütend oder ruhig."
 
Das Drama lebt davon, dass es neben Merkel eine zweite Hauptfigur gibt, den Syrer Mohammad Zatareih, der den Flüchtlingsmarsch vom Budapester Ostbahnhof organisiert. Er gibt den Männern, Frauen und Kindern, die sich in jenen Tagen auf den Weg machen, ein Gesicht - ihrer Not, ihrem Misstrauen gegenüber den ungarischen Polizisten, ihrer Hoffnung auf Deutschland.
 
Der wahre Zatareih spricht in Interview-Sequenzen, in szenischen Passagen übernimmt ein Schauspieler. Allerdings ist gerade bei den Massenaufnahmen aus Ungarn nicht immer sofort klar, wann authentisches Filmmaterial in Fiktion übergeht.
 
Viel Überraschendes über jene Stunden, über die schon so viel berichtet worden ist, enthüllt der Film nicht. Man wolle einladen, den Tag nachzuerleben, sagt Brauburger. Aus der Nähe fällt der Blick vor allem auf Merkel. Ihr Gegenspieler, Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, ist ein Machtfaktor - aber was ihn treibt bleibt undeutlich. "Willst du, dass Orban die Flüchtlinge niederschlagen lässt?", fragt Merkel ihren damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in einem nachgestellten Telefonat.
 
Es gehe auch um die Frage: "Gab es damals doch Spielraum, sich anders zu entscheiden?", sagt Brauburger. Deutlich formulierter Widerspruch an der Politik der Bundesregierung in jenen Tagen kommt nur vom früheren BND-Präsidenten Gerhard Schindler: "Die gesamte Verbrechensbekämpfung oder die gesamte Durchsetzung von Rechtsstaat produziert unschöne Bilder", sagt er in einer Interviewsequenz. Die Regierung habe den Zustand in den Anfangstagen als Ausnahme bezeichnet. "Dass es dann doch keine Ausnahme geworden ist, geblieben ist, sondern lange, lange angehalten hat, das gehört für mich zu den unerklärbaren Phänomenen dieser Geschichte."

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