Sat-1-Betriebsrat: Neuer Vorstandsvorsitzender kommt in "Heuschrecken"-Unternehmen!

11.12.2008, 03:00 Uhr, mw

Leipzig - Neuer Vorstandsvorsitzender der milliardenhoch verschuldeten Pro Sieben Sat 1 Media AG wird der ehemalige Novartis-Manager Thomas Ebeling.


Der amtierende CEO, Guillaume de Posch, verlässt das Unternehmen zum 31. Dezember. DIGITAL FERNSEHEN berichtete bereits darüber. "Ich sehe meine Rolle unter anderem besonders darin, Strategien zu entwickeln und umzusetzen, die die Kreativität und auch die Effizienz ermöglichen, die Pro Sieben Sat 1 braucht, um weiterhin erfolgreich zu wachsen und seine führende Position im Medienmarkt auszubauen", so Ebeling über seine neue Position.

Kann durch die Neubesetzung vielleicht doch noch die geplante Zwangsverlagerung der Pro-Sieben-Sat-1-Mitarbeiter von Berlin nach Unterföhring verhindert werden? DF berichtete darüber, dass der derzeitige Vorstandsvorsitzende der Pro Sieben Sat 1 Media AG, Guillaume de Posch, im November den Abbau von 225 Stellen und die Verlagerung des Standortes Berlin nach München verkündete. Davon sind 350 Angestellte betroffen.
 
In einem Interview mit DF äußerte sich Uwe Theuerkauff, der Berliner stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Pro Sieben Sat 1 Media AG, bereits sehr kritisch zum Standortwechsel. Nun erklärt er, wie die Berliner Betriebsräte zum Antritt des neuen Vorstandsvorsitzenden stehen.

DIGITAL FERNSEHEN: Herr Theuerkauff, wie sehen Sie prinzipiell den Wechsel des Vorstandsvorsitzenden?
 
Uwe Theuerkauff: Soweit wir informiert sind, wäre der Vertrag von Herrn de Posch bis 2010 gelaufen. Warum er vorzeitig aussteigt, müssen Sie ihn schon selbst fragen.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Was denken Sie speziell in Bezug auf die geplante Schließung des Standortes Berlin? Hoffen Sie darauf, dass es jetzt unter neuer Führung doch noch eine positive Lösung für die Mitarbeiter geben wird?
 
Uwe Theuerkauff: Wir als Betriebsräte erwarten für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter natürlich das Beste und sind bereit, konstruktiv an einer bestmöglichen Lösung mit Herrn Ebeling zusammen zu arbeiten. Die Interessengegensätze liegen allerdings auf der Hand. Jetzt liegt es an Herrn Ebeling zu beweisen, wie ernst er die berechtigten Interessen der Kolleginnen und Kollegen nimmt. Man muss sich aber immer vor Augen halten, auch Herr Ebeling wird Vorstandsvorsitzender in einem "Heuschrecken"-Unternehmen! Wohl nach dem Motto: "Wessen Brot ich ess' - dessen Lied ich sing'."
 
DIGITAL FERNSEHEN: Sind Sie "froh" darüber, dass Herr de Posch, von dem die meisten Mitarbeiter aufgrund des Stellenabbaus und der Zwangsverlagerung sehr enttäuscht sind, die Position Ende Dezember aufgibt?
 
Uwe Theuerkauff: Jeder macht seinen Job, so gut er es vermag.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Was erwarten Sie vom neuen Vorstandsvorsitzenden, Herrn Thomas Ebeling?
 
Uwe Theuerkauff: Wir haben Herrn Ebeling noch nicht persönlich kennen gelernt. Es wäre unfair, einen Menschen unter diesen Voraussetzungen zu bewerten. Das, was in der Presse über ihn berichtet wird, lässt allerdings aufmerken.
 
Seine Mitarbeitermotivationsregeln aus dem Jahr 2000 lesen sich wie folgt:
 
"Do whatever it takes. Kill to win - No prisoners" (Mache alles, was nötig ist. Töte, um zu gewinnen, mach keine Gefangenen).
 
"Your ego does not matter" (Dein Ich ist unerheblich).
 
"Die hard - never give up" (Stirb nicht leicht - gib niemals auf).
 
"Be smart - be paranoid" (Sei raffiniert und wahnhaft). usw.
 
Der Zürcher PR-Berater Klaus J. Stöhlker bezeichnet Herrn Ebeling als "Streetfighter" und glaubt, dass Ebeling mit seinen Motivationsregeln vor hat, "aus jedem Mitarbeiter einen Samurai zu machen".
 
Wirtschaftsethiker Markus Breuer, seinerzeit an der Universität St. Gallen, sagte: "die suggerierte Unterwerfung der Mitarbeiter-Persönlichkeit unter die Firmeninteressen (durch die Thesen von Herrn Ebeling) berge die Gefahr in sich, dass jeder Zumutbarkeits- und Verantwortungsdiskurs unmöglich wird".
 
Das klingt für uns Betriebsräte nicht wirklich schön.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Herr Theuerkauff, vielen Dank für das Gespräch.
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