Mugler AG: "Es wird nicht bei DVB-T bleiben"

20.11.2009, 13:30 Uhr, mth

Oberlungwitz/Leipzig - Die Mugler AG hat durch die Bundesnetzagentur den Zuschlag für den Regelbetrieb des ersten kleinzelligen DVB-T-Netzes in Leipzig im Rahmen des Pilotprojektes "Überallfernsehen lokal" erhalten. DF sprach mit Prof. Dr. Albrecht Mugler über digitales Antennenfernsehen und Alternativen zu DVB-T.


Für die Übertragung wird die MPEG-2-Codierung genutzt, sodass die Sender mit herkömmlichen DVB-T-Receivern empfangen werden können. Zwar sind die technischen Voraussetzungen für den MPEG-4-Standard gegeben, wie ihn Eutelsat derzeit in Stuttgart und Leipzig/Halle versucht einzusetzen. Bisher verlange der Kunde allerdings nicht danach, klärt der Vorstand Albrecht Mugler im Gespräch mit DIGITAL FERNSEHEN auf.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Herr Prof. Mugler, was ist das Besondere an dem
kleinzelligen Netz?
 
Albrecht Mugler: Die Sendetechnik im Rundfunk hat eine lange Entwicklung hinter sich. Aktuell befinden wir uns in einer Zeit des Umbruchs. Man könnte annehmen, dass sich die Radio- und Fernsehveranstalter heute entscheiden müssen, welches digitale Übertragungsverfahren sie künftig nutzen wollen. Zur Auswahl stehen DVB-S, DVB-C, DVB-T und künftig auch DVB-T2 oder DVB-T mit MPEG4-Kodierung. Vielleicht auch DVB-H oder DAB Plus sowie die Verbreitungswege über Internet oder Mobilfunk.

Aus meiner Sicht ist das jedoch keiner Frage des "oder", also keine Frage nach "einem" Verfahren. Es kommt viel mehr darauf an, für jeden Veranstalter den richtigen Mix zu finden. Unsere Entwicklungen zielen darauf, für den Kunden ein betriebswirtschaftlich vernünftiges Konzept zu schneidern, welches seinen Anforderungen optimal genügt. Dabei werden wir uns in der Terrestrik von dem Gedanken "High Tower mit High Power" verabschieden müssen, allein schon aus Gründen des Energieverbrauchs.
 
Das Leipziger Netz verwendet DVB-T mit QAM16-Modulation. Insgesamt fünf Kleinsender arbeiten auf der gleichen Frequenz im Gleichwellenbetrieb. Inhalt und Frequenz werden über die GPS-Satelliten synchronisiert, so dass die Sender wie bei einem Chor zur gleichen Zeit den gleichen Ton und den gleichen "Text singen". Mit diesem, auf das Stadtgebiet von Leipzig optimal zugeschnittenem technischen und wirtschaftlichen Konzept, haben wir die Bundesnetzagentur überzeugt. Letztlich hat auch die Tatsache, dass auf diesem Gebiet bisher praktisch nur ein Unternehmen und öffentlich-rechtliche Sender aktiv waren, zum Zuschlag an die Mugler AG geführt.
 
DF: Ein entscheidender Vorteil dieser kleinzelligen Struktur sei die genaue Begrenzung des Sendegebietes und somit eine Verbreitungseffizienz sowie Kostenersparnis. Was heißt das konkret für den einzelnen lokalen Sender?
 
Mugler: Durch die kleinzellige Netzplanung war es uns möglich, die Sender in Leipzig genau so zu platzieren, dass das Gebiet in und um die Stadt Leipzig besonders gut versorgt wird. Gleichzeitig erreicht man im Gleichwellenbetrieb, dass sich mehrere Sender gegenseitig "verstärken". Bezogen auf einen konkreten Empfangsstandort führt dies zu einer stabileren Empfangbarkeit des Sendesignals. Wir kommen mit geringen Sendeleistungen aus, dadurch sparen wir Energie und folglich Energiekosten. Unsere Kleinsender stehen nicht auf hohen Türmen. Dadurch sind auch die Kosten für die Anmietung der Standorte geringer.
 
Dagegen stehen unter anderem höhere Kosten für die Ausrüstung von mehreren Senderstandorten. Aber durch unsere langjährige Erfahrung mit dem Mobilfunk können diese mit hoher Qualität und angemessenem Preis errichtet werden. Nicht zuletzt verzichten wir in unserem Leipziger Sendernetzkonzept auf sogenannte redundante Sender. Klassische Fernsehsender haben zumeist einen zweiten Sender in Bereitschaft oder in Betrieb, falls der Hauptsender ausfällt. Falls in Leipzig ein Sender wirklich einmal ausfallen sollte, verringert sich nur die Signalstärke im jeweiligen Kernversorgungsgebiet des ausgefallenen Senders. Die anderen Sender übernehmen vollautomatisch die weitere Ausstrahlung des Sendesignals - auch das spart Kosten.
 
DF: Welche lokalen und regionalen Sender werden das kleinzellige DVB-T-Netz nutzen?
 
Mugler: Im Lokalnetz Leipzig wird ein Bouquet aus regionalen, nationalen und internationalen TV- und Radioprogrammen gesendet. Unser Netzkonzept, das unter anderem guten Mobilempfang ermöglichen soll, ist nicht ausschließlich für regionale Anbieter geeignet, sondern auch für "Global Player" wie BBC World.
 
Unser DVB-T-Netzkonzept eignet sich besonders für Ballungsgebiete und kleinere Regionen mit bis zu einigen hundert Quadratkilometern. Besonders die Mittelgebirgsregionen stellen für die Funknetzplaner immer eine Herausforderung dar, denn nicht immer stehen die großen Antennenmasten so günstig, dass jeder Winkel versorgt werden kann.
 
Durch das Gleichwellenkonzept können wir die Sender gerade in Städten und Regionen mit ausgeprägten Tallagen genau dort errichten, wo der Versorgungsbedarf besteht. Durch den Gleichwellenbetrieb ist das auch "frequenzökonomisch". Wir benötigen keine Füllsender auf weiteren Frequenzen, wie das für analoges Fernsehen üblich war. Mehraufwand haben wir beim Anliefern der Signale zu den Sendern, da jeder Sender mit den gleichen Informationen versorgt werden muss.
 
Dabei helfen uns wiederum IP-basierte Übertragungsstrecken per Funk, Glas oder Kupfer, die Kosten niedrig zu halten. Weitere lokale und kleinere regionale Netze auszurüsten ist auf jeden Fall unser Ziel. Dort werden wir uns künftig bei der Bundesnetzagentur um zu vergebende Frequenzen bewerben.
 
DF: Wie weit sind die Pläne, das Projekt auch in anderen Regionen zu etablieren?
 
Mugler: Es gibt in vielen Regionen und Städten dazu Pläne und Ideen, und wir sind überzeugt, dass wir mit unseren Konzepten wirtschaftlich tragfähige Lösungswege für die Veranstalter aufzeigen können. Verraten kann ich heute schon, dass es nicht bei DVB-T bleiben wird. Künftige Projekte sollen unseren Kunden ermöglichen, aus den möglichen Zugangsverfahren mehrere Wege auswählen zu können, ohne sich um die Technik im Einzelnen kümmern zu müssen.
 
DF: Welche Regionen könnten nach Leipzig in Frage kommen?
 
Mugler: Konkret laufen ganz aktuell die Bewerbungsverfahren für Dresden, Chemnitz, Zwickau, Görlitz und Plauen-Auerbach. Für diese Regionen haben wir zugeschnittene Versorgungskonzepte erstellt, mit denen wir die Bundesnetzagentur und die Programmveranstalter überzeugen wollen.
 
DF: Die Mugler AG hat bereits verschiedene Veranstaltungen (wie zum Beispiel Fachmessen) mit einem DVB-T-Sendenetz ausgerüstet. Was planen Sie für die nahe Zukunft?
 
Mugler: Hier möchte ich unseren Kunden nicht vorgreifen. Da wir unsere Sendetechnik für den temporären Einsatz vermieten und auch den kompletten Service für den Betrieb mit anbieten können, ergibt sich eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten. Das reicht von Messen, Sport- und Musikveranstaltungen jeder Art, der drahtlosen Ansteuerung von Großleinwänden bei diversen Veranstaltungen bis hin zu mobilen Fernsehsendern auf Schiffen oder in Hubschraubern.
 
Je mehr mobile DVB-T-Geräte im Markt sind, umso attraktiver wird das für die Veranstalter und die Werbetreibenden. Die Anzahl der mobilen Endgeräte geht heute schon in die Millionen - also ein Zukunftsmarkt.
 
DF: Vielen Dank für das Gespräch.
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