MDR: "Webradio ist ein Teil der Zukunftssicherung des Mediums Radio"

03.01.2010, 04:44 Uhr, ar

Leipzig - Über das Radio von morgen sprach DIGITAL FERNSEHEN mit MDR-Hörfunkdirektor Johann Michael Möller.


Radio ist zunehmend im Internet vertreten. Während der Leiter der Unternehmenskommunikation bei Radio PSR, Nico Nickel, Podcasts bereits der Vergangenheit zuordnet (DF berichtete), haben sie für dem MDR nach wie vor eine große Bedeutung: "Podcasts sind für uns eine attraktive Form, unseren Hörern Radiosendungen noch einmal zum Nachhören anzubieten. Wir kommen damit dem wachsenden Interesse unserer Hörer nach zeitsouveräner Mediennutzung entgegen", so Möller.

DIGITAL FERNSEHEN: Inwieweit verlagert sich Ihrer Meinung nach die Radionutzung Ihrer Hörer immer mehr ins Internet und glauben Sie, dass die Verlagerung in der Zukunft noch zunehmen wird? Woran liegt es, dass besonders jüngere Leute zunehmend Radio übers Internet hören?
 
Johann Michael Möller: Es ist generell eine spürbare Verlagerung der Mediennutzung ins Netz festzustellen. Davon ist das Radio in besonderer Weise betroffen, vor allem bei Angeboten für jüngere Nutzer. Diese Verlagerung in Richtung Internet wird sich voraussichtlich mit der Weiterentwicklung des mobilen Internets noch verstärken.
 
Für Jugendliche ist das Internet längst zum Leitmedium geworden, weshalb sie Radioangebote natürlicherweise über das Netz nutzen. Für uns Radiomacher ist es deshalb wichtig, dass wir unsere Radiosender mit attraktiven Angeboten im Internet verknüpfen. Radionutzung im Internet ist auch deshalb attraktiv, weil der Begleitcharakter der meisten Radioangebote das Nebenbei-Hören beim Surfen im Netz problemlos ermöglicht.
 
DF: Wie viele Teile Ihres Sendearchivs sind bereits digitalisiert?
 
Möller: Die MDR-Radioprogramme werden bereits seit Jahren aus voll digitalisierten Funkhäusern in Halle, Erfurt, Dresden und Magdeburg gesendet. Alle Musik- und Wortbeiträge werden digital produziert, Konzerte aller musikalischen Richtungen werden in digitaler Qualität, oftmals auch in Dolby Digital, aufgezeichnet. Und natürlich können wir im zentralen Funkhaus in Halle seit Jahren auf ein komplett digitalisiertes Archiv zurückgreifen. Auf mehreren hunderttausend Audiofiles finden sich sowohl aktuelle Musiktitel aller Genres, als auch wichtige Tondokumente aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Wir verfügen über historische Wortaufnahmen aus der Zeit der DDR und der Reichsrundfunkgesellschaft. Alles Material liegt in digitaler Form in unseren Archivspeichern.
 
DF: Welche Programm- und Musikinhalte werden bei Ihnen per Webradio übertragen?
 
Möller: Alle unsere Radioprogramme werden als Livestreams im Internet angeboten. Darüber hinaus bieten wir insgesamt 14 Loop-Channel an. Die meisten dieser Angebote sind sogenannte Programmschleifen, in denen wir Sendungen unverändert wiederholen. Zwei dieser Angebote, der Figarino-Channel und der Jump-Interaktiv-Channel, sind eigens für das Internet zusammengestellt.
 
DF: Wie viele Zuhörer nutzen Ihr Webradio im Augenblick?
 
Möller: Die Abrufzahlen wachsen mit steigender Bekanntheit stetig.
 
DF: Welche Rolle wird künftig die regionalen Berichterstattung spielen?
 
Möller: Die Radiolandschaft in Deutschland ist grundsätzlich regional geprägt. Fast alle über UKW verbreiteten Sender sind Landessender. Regionalität ist damit ein, wenn nicht das wichtigste Merkmal des Radios. Für den MDR ist seine regionale Orientierung ohnehin Teil des staatsvertraglich geregelten Programmauftrages. Dieser Programmauftrag gilt natürlich auch für unsere Angebote im Netz. Außerdem glaube ich, dass regionale Orientierung im globalen Medium Internet ein Bedürfnis der Hörer bleiben wird. Das zeigt auch die jüngste ARD-ZDF-Onlinestudie, nach der die Radiohörer auch online bei ihrem gewohnten, regional verankerten, Radioprogramm bleiben.
 
DF: Welchen Stellenwert nimmt das Thema Podcast bei Ihnen ein?
 
Möller: In den letzten Jahren ist der Stellenwert von Podcast-Angeboten gewachsen. Podcast sind für uns eine attraktive Form, unseren Hörern Radiosendungen noch einmal zum Nachhören anzubieten. Wir kommen damit dem wachsenden Interesse unserer Hörer nach zeitsouveräner Mediennutzung entgegen.
 
DF: Inwieweit schwächt, Ihrer Meinung nach, Webradio das Medium Radio?
 
Möller: Im Gegenteil: Webradio ist ein Teil der Zukunftssicherung des Mediums Radio. Wie bereits beschrieben, ist generell eine spürbare Verlagerung der Mediennutzung ins Netz festzustellen. Diese Verlagerung in Richtung Internet wird sich voraussichtlich mit der Weiterentwicklung des mobilen Internets noch verstärken.
 
Für Jugendliche ist das Internet längst zum Leitmedium geworden, weshalb sie Radioangebote natürlicherweise über das Netz nutzen. Für uns Radiomacher ist es deshalb wichtig, dass wir unsere Radiosender mit attraktiven Angeboten im Internet verknüpfen.
 
DF: Inwiefern treibt das Webradio die Analogabschaltung im Bereich Radio voran?
 
Möller: Kaum. Die Nutzung von Radio über Internet und UKW schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich vielmehr. Die Einführung einer digitalterrestrischer Verbreitungsmöglichkeit könnte die Verbreitung von Radio über UKW aber in einigen Jahren ablösen.
 
DF: Vielen Dank für das Gespräch.
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