Pro Sieben Sat 1 will abgestimmtes Szenario bei DVB-T-Ausbau

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Bild: © JuergenL - Fotolia.com
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Leipzig/Köln – Die RTL-Gruppe startet in wenigen Wochen in Stuttgart und Mitteldeutschland mit einem neuen DVB-T-Angebot. Heiko Zysk erklärte für die Pro Sieben Sat 1-Gruppe auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland, dass dies für seine Sendergruppe keine Option wäre.

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Die RTL-Gruppe startet mit ihrem Partner Eutelsat in Stuttgart und Mitteldeutschland in wenigen Wochen ein neues DVB-T-Angebot. Sechs neue – grundverschlüsselte – Sender ergänzen das öffentlich-rechtliche DVB-T-Angebot.

Allerdings sendet RTL nicht nur im bisherigen Datenkompressionsstandard MPEG-2, sondern im höherwertigen MPEG-4, sondern auch mit einer Grundverschlüsselung (DGITAL FERNSEHEN berichtete).
 
Wer gehofft hatte, die Pro Sieben Sat 1-Gruppe zieht nach, der sieht sich enttäuscht. Die zweite große Senderfamilie verfolgt in Sachen DVB-T eine völlig andere Strategie. Darüber unterhielt sich DIGITAL FERNSEHEN mit dem stellvertretenden Leiter Medienpolitik der Pro Sieben Sat 1 AG, Heiko Zysk.
 
DF: Sie schätzten ein, dass Mobilität für das DVB-T-System einen zentralen Bestandteil darstelle, und sie befürchten, dass „die Mobilität für einen Teil des Publikums“ abhanden komme. Könnten Sie dieses genauer ausführen?
 
Heiko Zysk: Es ist unstrittig, dass es in Deutschland eine große Diskrepanz zwischen dem messbaren stationären Erstempfang via DVB-T am heimischen TV-Gerät und der Verfügbarkeit von DVB-T-fähigen Endgeräten wie Notebooks, PCs mit DVB-T-Stick oder gibt. Bei einer embedded Verschlüsselung ist anzunehmen, dass ein Teil der Endgeräte für den Erstempfang möglicherweise gegen entsprechende Decoder ausgetauscht werden.
Bei der Vielzahl der portablen und mobilen Empfangsgeräte erscheint mir dies jedoch zweifelhaft bis unmöglich, oder wie sollte beispielsweise die Decodierung der mit einem embedded CA verschlüsselten Programme in einem Notebook mit DVB-T-Stick von statten gehen?
Insofern werden gerade die portablen bzw. mobilen Endgeräte – laut Branchenangaben immerhin ca. zehn Millionen Einheiten versus 1,5 Millionen „gemessene“ DVB-T-Zuschauer – von diesem Entwicklungsschritt ausgeschlossen.

DF: Sie erklärten, dass die Branche schon heute darüber sprechen muss, wie HDTV über DVB-T sichergestellt werden könne. Befürchten Sie, dass dieses Thema vom dem in diesem Jahr geplanten Start der HDTV-Übertragungen bei den Öffentlich-Rechtlichen überdeckt wird, zumal diese ja angekündigt haben, in den nächsten Jahren weiter auf MPEG-2 zu setzen?
 
Heiko Zysk: Gemeint war die Notwendigkeit eines einheitlichen Migrationsszenarios mit Blick auf neues Kompressionsverfahren bzw. Standards. HD über DVB-T halte ich zumindest aus privater Sicht derzeit nicht für ein refinanzierbares Angebot, da es die positiven Einspareffekte durch bessere Kompressionsverfahren wieder relativieren würde.
 
DF: Wie bewerten Sie die Marktchancen des DVB-T-RTL-Angebots in Stuttgart/Mitteldeutschland?
 
Heiko Zysk: Wenn ein DVB-T-Angebot als Mittel zur Reichweitensteigerung von werbefinanzierten Programmen dienen soll, dann steht und fällt die Kalkulation mit der gemessenen Anzahl von DVB-T-Haushalten. Aus diesem Grund haben wir uns beispielsweise nicht zwangsläufig in allen Regionen mit einer generellen hohen Zahl von Haushalten im Versorgungsgebiet der geplanten DVB-T-Sender beteiligt, sondern dort, wo immer noch (die damals analoge) Terrestrik eine relativ hohe Nutzung aufwies.
Diese terrestrischen Haushalte waren sozusagen das Fundament auf dem wir aufbauen konnten. Aus meiner Sicht ist die besondere Schwierigkeit bei dem jetzt diskutierten Modell unserer Konkurrenz in einem Markt Fuß zu fassen, in dem es bereits öffentlich-rechtliches DVB-T in einem anderen Kompressionsverfahren gibt, d.h. selbst die Haushalte, die dort bereits DVB-T nutzen, können das neue Angebot nicht nutzen.
Insofern müsste man nicht nur neue terrestrische Haushalte gewinnen, sondern auch noch die existenten Nutzer davon überzeugen, sich neue Empfangsgeräte anzuschaffen. Das halte ich, vor dem Hintergrund der relativ gesehen hohen Verbreitungskosten, für – gelinde gesagt – einen anspruchsvollen Ansatz.
 
DF: Wie könnte aus dem Blickwinkel der Pro Sieben Sat 1-Gruppe ein wirtschaftlich funktionierendes DVB-T-System der Zukunft aussehen (Interaktivität/Adressierbarkeit/Signalschutz) aussehen.
 
Heiko Zysk: Grundsätzlich ist es der richtige Weg, sich bereits heute Gedanken über ein Nachfolge-Modell des heutigen DVB-T/MPEG2-Standards bzw. Kompressionsverfahrens zu machen. Sowohl die Marktpenetration mit intelligenten Set-Top-Boxen, die u.a. durchaus auch Bezahl-Angebote ermöglichen sollten, wie auch die mit höhere Kompression einhergehende Reduktion der Übertragungskosten muss im Interesse aller sein, die sich bereits bei DVB-T beteiligen.
Der ausschlaggebende Punkt wird jedoch nicht sein, was die Anbieter von heutigen oder neuen Programmen oder Diensten über DVB-T für sinnvoll erachten, sondern welche Angebote der Zuschauer für so attraktiv hält, dass er dafür einen Wechsel seiner Endgeräte vornimmt. Dabei wird auch die zu treffende Entscheidung für entweder MPEG4 im klassischen DVB-T-Standard oder für DVB-T 2 eine Rolle spielen.
Erstere Variante hätte den Vorteil, dass bereits viele heute produzierte DVB-T-Empfänger auch MPEG4 „verarbeiten“ können – wohingegen DVB-T 2 zwar keine Kompatibilität mit heute im Markt befindlichen Empfangsgeräten hätte, aber durch die noch sparsamere Bandbreitennutzung einen größeren Kostenvorteil und damit Anreiz für die Anbieter von TV-Programmen und Diensten aufweisen könnte.
 
DF: Zu welchem Zeitpunkt bzw. unter welchen Konstellationen (MPEG-4, DVB-T 2, HDTV, intelligente Endgeräte für Pay-TV….) wäre ein weitergehendes DVB-T-Engagement der Pro Sieben Sat 1-Gruppe interessant?
 
Heiko Zysk: Wir haben derzeit das Dilemma, dass es eine noch überschaubare Zahl von 1,55 Millionen Haushalten gibt, die über DVB-T ihr Fernsehprogramm am heimischen TV-Gerät empfangen. Diese sind messbar und können auch von TV-Anbietern kapitalisiert werden.
Daneben gibt es eine viel höhere Anzahl von geschätzt zehn Millionen Empfangsgeräten, wie PCs, Notebooks, mobile TV-Empfänger o.ä., die zwar technisch in der Lage sind, DVB-T zu empfangen, deren Nutzung aber eine Grauzone darstellt.
Niemand kann derzeit sagen, wie viele der Käufer von DVB-T-fähigen Notebooks auch tatsächlich ihr Laptop zum Fernsehen nutzen, wie oft sie dies tun, und welche Sendungen sie schauen. Dies ist sicher eine Fragestellung, die einer Lösung zugeführt werden muss, bevor man sich ernsthaft Gedanken machen kann, in weitere Regionen zu expandieren.
 
DF: Welche Voraussetzungen sind dafür aus Ihrer Sicht ordnungspolitisch, also durch die Landesmedienanstalten bzw. die DLM, zu schaffen?
 
Heiko Zysk: Der Föderalismus ist in Deutschland gerade im Bereich des Rundfunks ein systemimmanenter Faktor. Insofern kann ich es von meiner Position auch nicht kritisieren, wenn einige Bundesländer bzw. Landesmedienanstalten eine andere Strategie verfolgen als andere.
Ob allerdings das neue DVB-T-Angebot, was derzeit in Stuttgart bzw. Halle/Leipzig an der Start gehen soll, eine Signalwirkung gegenüber den existenten 1,55 Millionen DVB-T-Haushalten, respektive zehn Millionen Endgeräten, im „Rest“ der Republik entfalten kann, wird eine spannende Frage sein. Grundsätzlich ist aber natürlich Herrn Schaas (Dem Vorsitzenden der Deutschen Digitalplattform – d. Red.)zuzustimmen, dass die Endgeräteindustrie darauf angewiesen ist, verlässliche Aussagen über ein gerenelles Migrationsszenario möglichst frühzeitig zu bekommen.
Letztendlich ist der Zuschauer auch an bezahlbaren Empfangsgeräten interessiert, was sich nur ab einer relevanten Stückzahl absetzbarer Set-Top-Boxen oder integrierter Empfänger realisieren lassen wird. Insofern führt um ein abgestimmtes Verfahren kein Weg herum, wenn man das Stadium erlös-irrelevanter Test-Projekte verlassen möchte.
 
DF: Welchen Stellenwert innerhalb der Pro Sieben Sat 1-Gruppe besitzt derzeit DVB-T im Ensemble der Verbreitungswege?
 
Heiko Zysk: DVB-T hat sich für die Pro Sieben Sat 1 Gruppe zu einem zuverlässigen und soliden dritten Empfangsweg neben Kabel und Satellit entwickelt. Die bereits erwähnte Problematik, dass eine Vielzahl von Empfangsgeräten und deren Nutzung derzeit nicht messbar ist, bleibt ein Wermutstropfen der Erfolgsgeschichte von DVB-T.
 
DF: Vielen Dank für das Gespräch![mg]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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  • Empfang_DVB-T_Artikelbild: © JuergenL - Fotolia.com
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8 Kommentare im Forum

  1. AW: Pro Sieben Sat 1 will abgestimmtes Szenario bei DVB-T-Ausbau Gut formuliert ohne "Blödsinn" zu sagen
  2. AW: Pro Sieben Sat 1 will abgestimmtes Szenario bei DVB-T-Ausbau Das wars dann mit meiner Hoffnung, RTL und P7S1 irgendwann mal per DVBT im Saarland zu empfangen Wäre ja auch so schön gewesen, sich einen kleinen Flachbildschirm zu kaufen und wie in FFM, HH, B oder MUC alles reinzubekommen. Bleibt mir also nichts anderes, als neue Strippen zu legen, damit meine Frau in der Küche ihr geliebtes "Unter Uns" schauen kann. ...oder sie sollen halt "Unter Uns" einstellen; wäre auch ne Möglichkeit
  3. AW: Pro Sieben Sat 1 will abgestimmtes Szenario bei DVB-T-Ausbau ob mpeg4 oder DVBT2 egal, Hauptsache keine Verschlüsselung. Technischer Fortschritt ist nicht aufzuhalten... RTL probierts mit Codierung und fällt (hoffentlich) im Ländle aufs Näsle. S1P7 ist cleverer und schaut erstmal genauer hin und richtet sich dann (hoffentlich) schnell nach den Wünschen der Zielgruppe.... ww.
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