„Die Croods“ und „A Quiet Place 2“: Getarnter Konservatismus

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Mit „A Quiet Place 2“ und ab dieser Woche „Die Croods – Alles auf Anfang“ laufen die Fortsetzungen zweier Erfolgsfilme in den Kinos. Beide präsentieren in ihren urzeitlichen Welten unter dem liberalen Deckmantel eine erzkonservative Moral.

Das Medium hält Einzug in die Steinzeit. In „Die Croods – Alles auf Anfang“, der Fortsetzung des DreamWorks-Films von 2013, entdeckt der Sohn der titelgebenden Steinzeit-Familie eine Vorform des Fernsehens. Einen bloßen Holzrahmen hält er in der Hand, ein Fenster, das den Blick auf das Unterhaltungsprogramm freigibt. Mit dem Schauen durch diesen Rahmen ist die bloße Realität vor ihm sichtbar, für die nur der Blick geschärft wurde. Einer der klügeren Einfälle in „Die Croods“, der allen Eltern nebst Kindern im Kino die Binsenweisheit eines „Es ist doch nur ein Film“ austreiben sollte. Er ermahnt dazu, diesen grellen Farbenrausch, die exotische Flora und Fauna und die Abenteuer der zankenden Urzeitgeschöpfe auf der Leinwand keinesfalls als bloße eskapistische Fantasie zu rezipieren, sondern trotz aller raumzeitlicher Distanz als Hier und Jetzt zu begreifen.

Wie schon im ersten Teil schmückt man sich in „Die Croods 2“ mit Emanzipation. Da ist das starke Mädchen Eep (im Original gesprochen von Emma Stone), die dem Gefängnis Familie und der Übervorsicht ihres Vaters entkommen will, spätestens als sie ihre große Jugendliebe Guy kennenlernt. In Teil 1 wurde das etwas aufgebrochen, vom wörtlichen wie symbolischen Ausbrechen aus der Höhle erzählt, mit etwas Gefühlskitsch und zwischenmenschlichem Verständnis aufgefrischt. Am Ende blieb jedoch alles beim Alten, die patriarchale Struktur blieb erhalten, Vater und Guy dürfen sich in ihrem Erfindergeist entfalten, der Rest der Familie wird am neuen Ort einfach irgendwie mit sesshaft.

Zeitgeist als Zugeständnis

Der erzählerisch etwas ausgefeiltere Teil 2 spult im Grunde genommen ein ähnliches Programm ab. Eep und Guy schwärmen von der gemeinsamen Zukunft in Freiheit, Vater Grug will die Familie zusammenhalten. Mit den Bessermanns trifft man nun auf eine andere, spießige Familie, die sich eine Evolutionsstufe höher wähnt. Auch in deren paradiesischem Heim wird eine Tochter so stark behütet, dass man sie einsperrt. Der Animationsfilm spinnt aus diesem Szenario eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte, lässt die beiden Familien aufeinander losgehen und versöhnen.

Irgendwann muss man sich verbünden, um gegen ein Monster zu kämpfen, das man selbst erzürnt hat. Am Ende retten die Frauen den Tag. „Die Croods“ stellt damit groß den Zeitgeist aus und gibt sich fortschrittlich, erzählt einmal mehr vom gegenseitigen Annähern. Hier sind es vor allem klassistische Vorurteile, die man überwinden muss. Doch was nützt es; die progressive Geste in „Die Croods“ ist Fassade, ein müdes Zugeständnis. Bei genauerem Hinsehen ist der Animationsfilm im Kern so konservativ wie bekömmlich.

Der Zaun bleibt stehen

Annäherung fußt hier in erster Linie auf der gemeinsamen Basis Familie. Die heilige Familie, die um jeden Preis zusammengehalten werden muss. Und erlaubt man sich schon, sich ein Stück weit von ihr zu distanzieren, dann doch bitte nur so weit, dass man immer noch in Vaters Sichtweite bleibt. Die Geburtsstunde einer Zivilisation, wie sie „Die Croods“ am Ende feiert, ist zugleich eine einzige Feier jener Familie, die zwar größer werden und Schranken untereinander überwinden kann, aber dennoch in ihren Strukturen grundlegend bestehen bleibt. Eine andere Form des Zusammenlebens kann und will man sich kaum vorstellen.

Das Fremde, Andersartige, hier in Gestalt ulkiger Affenwesen, wird zwar geduldet, es darf in der Nachbarschaft leben, aber jeder muss fein unter sich bleiben. Zusammenschluss hier ist die Ausgrenzung dort. Ein säuberlich gezogener Zaun stellt sicher, dass es zu keiner Vermischung kommt. Das Andere bleibt zugleich anwesend und abwesend, um die Ordnung der Familie stabil zu halten. Leider ein immer noch ziemlich gegenwärtiges Portrait von rückschrittlicher Dominanzkultur, die nur als Humanismus getarnte Symbolpolitik betreibt und doch im Gestern verweilt und fleißig Grenzen absteckt. Das ist aufschlussreich portraitiert, würde „Die Croods“ diese Konstellation nicht als versöhnliches Happyend feiern! Wahrscheinlich ist genau dieser streichelnde, bequemliche Konservatismus ein wichtiges Indiz für den Erfolg dieser Filme.

Die Croods treffen auf eine andere Familie.

Die Apokalypse als Rückzugsgelegenheit

Ähnlich verhält es sich mit dem Horrorstreifen „A Quiet Place 2“, der bereits seit einiger Zeit in den Kinos zu sehen ist. Obwohl sich beide Hollywood-Produktionen an ganz unterschiedliche Zielgruppen richten, kann man an beiden Filmen doch bestens ablesen, wie wenig der Blockbuster-Industrie meist an einer cleveren Konfrontation mit der Gegenwart, an einer Auseinandersetzung mit neuen Lebensweisen gelegen ist. Es besänftigt sein Publikum auch in finstersten Szenarien mit Heile-Welt-Vorstellungen, mit einem Verkriechen in den eigenen Dunstkreis des Familiären, um den eigenen Horizont ja nicht zu sehr zu erweitern.

Auch in „A Quiet Place 2“ ist die Odyssee durch eine raue, archaisch anmutende Welt (wie bei den „Croods“) reiner Vorwand, um am Ende doch nur das eigene begrenzte Bild zu reaktivieren und zu legitimieren, das schon vorher bestand. Ein wenig wirken beide Sequels so, als würde man sich in unserer Post-Lockdown-Zeit kurz auf die belebte Straße begeben, um festzustellen, dass es drinnen im Haus doch angenehmer war.

Das Andere und die Familie

In „A Quiet Place“ von John Krasinski haben Aliens die Erde überrannt. Die Überlebenden haben sich zurückgezogen und dürfen keine Geräusche von sich geben, um nicht ins Visier der Monster zu geraten. Dabei fängt die Fortsetzung vielversprechend an! Mit dem Tod des Patriarchen wird die vertraute, heimelige Umgebung aufgebrochen. Der Rest der Familie, angeführt von der Mutter (Emily Blunt), ist nun gezwungen, nach draußen zu gehen, sich mit der Welt und womöglich mit anderen verbliebenen Menschen auseinanderzusetzen. Auch hier ist es vor allem die Tochter, die sich nicht länger verkriechen will, sondern nach einem Neuanfang sucht.

Dass die Monster dabei als totales Anderes, als reine, böse Chaosstifter auftreten, zieht den inszenierten Überlebenskampf in der Postapokalypse nur scheinbar aus der Schusslinie. Das Ausbleiben von Motivationen und Erklärungen auf der einen Seite lenkt den Blick zur anderen, wo damit nichts als das Idyll und die Geselligkeit der amerikanischen, mittelständischen Familie geschützt und betont werden soll, die am Anfang und am Ende über allem ragt.

Reise durch zerstörtes Land in „A Quiet Place 2“

Die kleinen Erschütterungen

Andere Menschen, denen man begegnet, erscheinen entweder als Unruhestifter, die schon selbst zum Monströsen geworden sind und dieses Idyll ebenso bedrohen, oder als Verbündete, die sich ebenfalls über ein familiäres, ein abgeschottetes Dasein definieren. Vielleicht auch in der Trauer über dessen Scheitern. Das Zusammenfinden vor dem Hintergrund ähnlicher Anschauungen und das unbedingte Abgrenzen und Aussperren des Anderen und Fremden, das diese errichtete Weltsicht torpedieren könnte, wird damit als Allheilmittel und Ideal verkauft. Überspitzt könnte man sagen: Sowohl „Die Croods“ als auch „A Quiet Place 2“ handeln davon, wie sich Gemeinschaften in ihrem eigenen kleinen Mikrokosmos zusammenschließen, um sich auf ein großes, gemeinsames Feindbild zu einigen, das außerhalb der vertrauten Sphäre lauert.

Die kleinen bedrohlichen Erschütterungen auf dem Weg dorthin, die sind interessant! „Die Croods“ suchen sie mit (streckenweise tatsächlich sehr unterhaltsamen und mitreißend bebilderten) psychedelischen Mischwesen und Trip-Sequenzen, mit einer faszinierenden zu erkundenden Welt. „A Quiet Place 2“ sucht sie in den zahlreichen akustischen Schreckmomenten, mit plötzlichen Äußerungsakten in einem Zustand der gescheiterten Kommunikation, die die Stille und die Trägheit der kaum vorhandenen Handlung durchbrechen, welche vor allem ideologischen Zwecken dient.

Der Urzustand und die Gegenwart

Auch „A Quiet Place“ endet schließlich mit einem emanzipatorischen Akt als Blendwerk und vor allem einem ärgerlichen Cliffhanger, der ankündigt, dass es in Teil 3 womöglich einmal etwas Interessantes zu erzählen gibt. Sowohl „Die Croods“ als auch „A Quiet Place 2“ begeben sich in einen zivilisatorischen Urzustand, das passt nur allzu gut in unsere apokalyptischen, unübersichtlichen Zeiten. Anstatt sich ihnen zu stellen, anstatt das Neue und Gewagte anzunehmen und Alternativen zu suchen, stützt man sich jedoch auf das Vertraute und reicht es als Opium, das lediglich besänftigen statt denken machen will.

Während man ein Aufbegehren der Helden und Heldinnen als fortschrittliches Moment feiern soll, feiert man in erster Linie deren Integration in längst festgefahrene, gestrige Weltbilder. Diese errichteten Zäune („Croods“) und Mauern und Bunker („A Quiet Place“) zu überwinden, davon müssten beide Filme als Kunstwerke erzählen. Von einem subversiven Geist ist jedoch wenig zu spüren, beide bleiben auf halber Strecke stehen, sind höchstens als gut gemeinter Startpunkt zu verstehen. Oder als Zyklus, der in jedem Teil erneut beginnt und mit kleineren Brüchen und Fortschritten insgesamt doch auf der Stelle tritt. Hollywood hat ein Kunstproblem. Der Blick durch den Rahmen des Kinos macht das gerade wieder deutlich.  

„Die Croods – Alles auf Anfang“ startet am 8. Juli 2021 in den deutschen Kinos. „A Quiet Place 2“ ist dort bereits seit dem 24. Juni zu sehen.

Bildquelle:

  • thecroodsquietplace: Pramount/ DreamWorks

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