Neu im Kino: Gefeierte Porno-Satire, Sommerromanzen und schauriges Ehedrama

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In den Kinos starten heute unter anderem der starke Berlinale-Gewinner „Bad Luck Banging or Loony Porn“, der neue François Ozon „Sommer 85“ und das originell erzählte Ehedrama „The Nest“.

Die deutschen Kinos konnten in der ersten Juliwoche einen starken Neustart der Branche verzeichnen. Die AG Gilde Kino sprach von 820.000 Besuchern und damit mehr als doppelt so vielen Zuschauerinnen und Zuschauern als nach der Wiedereröffnung im vergangenen Jahr. In dieser Woche wollen nun immerhin fünfzehn Filme nachlegen und warten auf ein Publikum. DIGITAL FERNSEHEN stellt drei bemerkenswerte Neustarts vor.

Bad Luck Banging or Loony Porn

Mit etwas Abstand erstaunt es immer noch, dass ausgerechnet dieser anarchische Film den Hauptpreis der Berlinale, den Goldenen Bären, gewinnen konnte. Ein Film, der als überspitzte Polemik daherkommt und der noch dazu in drei stilistisch wie erzählerisch völlig verschiedene Episoden zerfällt. Zusammengehalten werden sie von einem Pornovideo. Gedreht wurde es von einer Lehrerin und ihrem Liebhaber. Blöd: Das Video landet im Netz. Ein Elterntribunal soll den Fall nun verhandeln und damit ist nur der Rahmen abgesteckt für diese zynische und ungeheuer unterhaltsame, vielseitig inszenierte Gesellschaftssatire. Radu Judes Film ist nicht einfach nur einer über Rumänien, sondern generell über eine Welt, die vom Material vereinnahmt ist und das Perfektionierte, Aufgesetzte liebt, das nur einen falschen Satz, eine unbedachte Tat erfordert, bis alles ins Chaos stürzt.

Odyssee durch Bukarest in „Bad Luck Banging or Loony Porn“

Das finale Wortgefecht erobert einen schnell mit seinem Irrwitz, seinem diskursiven Rundumschlag zwischen Schock und Belustigung, bei dem kein Stein auf dem anderen bleibt, auch wenn dieses finale Boulevardstück nicht gerade durch Ambivalenzen und Grautöne besticht. Die eigentliche Attraktion sind die ersten beiden Akte. Das tragikomische, forschende Großstadtportrait, das Auge für die entscheidenden Details, für die Überlagerung der Konsumwelt über die alten postsozialistischen Ruinen.

Und dann das alternative Alphabet für ein heutiges Europa, das nicht nur das Alltägliche, sondern die Sprache des Kinos gleich mit auseinandernimmt und neu zusammensetzt, ähnlich wie es zuletzt Jean-Luc Godard etwa in „Goodbye to Language“ und „Bildbuch“ getan hat. Zum Schluss scheint uns nur noch Wonder Woman in dieser finsteren Gesellschaftsstudie retten zu können. Als Sinnbild popkultureller Doppelmoral zwischen Symbolpolitik und konservativen Stereotypen. Einer der besten Filme des bisherigen Kinojahres!

Sommer 85

Das Herzensprojekt von François Ozon („Gelobt sei Gott“) erwacht zum Leben. Oder besser: Es erwacht zum Leben, um über das Sterben zu sinnieren. Basierend auf dem Roman „Tanz auf meinem Grab“ erzählt der französische Star-Regisseur vom Ende einer Sommerliebe zwischen den jungen Männern Alexis und David. Einer von ihnen ist bereits ins Totenreich verschwunden, bevor seine Figur überhaupt auf der Leinwand erscheint. Der Hinterbliebene steht vor Gericht, jetzt will er die Geschichte einer Leiche erzählen, die sich im titelgebenden „Sommer 85“ entfaltet. Ozon erzählt die Romanze zwischen den beiden mit jeder Menge Retro-Flair, die 16mm-Bilder grobkörnig, wie eine Zeitkapsel, die Jahre später geöffnet wird.

Scheitern einer Jugendliebe in „Sommer 85“

Ein Vergleich mit Luca Guadagninos Meisterwerk „Call Me By Your Name“ drängt sich auf; dem ist „Sommer 85“ nicht ganz gewachsen. Dafür schlägt Ozon in zu viele Richtungen aus, verpasst es zugleich, der Tragödie, die die Handlung in zwei Teile zerreißt, das nötige Gewicht zu geben. Und doch gibt es da eindringliche Szenen. Das imaginierte Durchspielen des eigenen Selbstmordes etwa. Oder das Erblicken der Leiche des Geliebten, eine verstörende Körperfragmentierung. Überhaupt spielt das Imaginieren und Erkennen eine wichtige Rolle.

Das stimmungsvoll aus der Zeit gefallene Kleinod, das Ozon zeichnet, ist zugleich eines, das über seine eigene Weltwahrnehmung sinniert. Ein Versuch, der eigenen Geschichte und ihrer Trugbilder zu entkommen. Ein Vergewissern der eigenen Unabgeschlossenheit, die sich jeden Tag erneut konstituiert. Das hat man alles schon mitreißender und komplexer gesehen, einen Charme kann man „Sommer 85“ dennoch nicht absprechen. In einer Disco-Sequenz hört Alexis über Kopfhörer die Ballade „Sailing“: eine radikale, schwelgerische Entschleunigung im Chaotischen. Ähnlich wirkt dieser Film.

The Nest

Man konnte lange keine so originell und außergewöhnlich erzählte Spukhaus-Geschichte im Kino sehen! Wobei diese Bezeichnung eigentlich falsche Erwartungen weckt, immerhin arbeitet Regisseur Sean Durkin („Martha Marcy May Marlene„) kaum mit klassischen Horrorfilm-Tropen. Hier ist es eine plötzlich geöffnete Tür, dort steht plötzlich ein Schriftzug an der Wand. An klischeehaften Gruseleffekten ist „The Nest“ jedoch keinesfalls interessiert. Vielmehr dreht sich der packende Mix aus Ehedrama und Psychothriller um die Frage, wie sich dieses Gefühl der Heimsuchung und Beklemmung, der Unheimlichkeit plötzlich in das Familienleben schleichen kann.

Die Abgründe der High Society in „The Nest“

Durkin erzählt von Rory und Allison, mitreißend gespielt von Jude Law und Carrie Coon, die 1986 mit ihren Kindern von Amerika nach England übersiedeln. Raus aus der Vorstadt, rein in ein altes Landhaus. Während Rory wahnhaft darum bemüht ist, seinen finanziellen Erfolg als Unternehmer auszubauen, entfremdet sich Allison immer weiter von ihrem neuen Leben. „The Nest“ lässt dabei die biedermeierliche Vorstellung eines unpolitischen, zurückgezogenen Familienidylls ins Befremdliche stürzen. Sean Durkin seziert auf komplexe Weise, wie sich der Kapitalismus in die Familie einschreibt, wie der Aufstieg in die High Society zum nicht enden wollenden Rollenspiel verkommt. Das alles in turbulenten Zeiten der Umbrüche, deren Undurchsichtigkeit sich in dem finsteren und beklemmenden Gemäuer niederschlägt.

Durkin zeichnet diesen psychologischen Zerfallsprozess in nahezu barocken Tableaus mit einem virtuosen Gespür für die Räumlichkeiten und das Schatten-Spiel. Zugleich ist es kein leichter Film. Einer, in dem vieles unausgesprochen bleibt, der sich vor seiner eigenen Selbstentfremdung sträubt, in dem sich viele offene Enden (bewusst) im Dunkeln verlieren. In dem nicht viel an Handlung geschieht, die Zeit regelrecht stillzustehen scheint, aber in dem es trotzdem dauerhaft brodelt. Bis das Unfassbare die Oberhand gewinnt. „The Nest“ braucht seine Zeit, um einzusickern. Wahrscheinlich wird man seine ganze eindrucksvolle Stärke, seine Fülle an Themen und Motiven erst in einiger Zeit erkennen können.

Außerdem ab heute in den Kinos:

  • Die Croods – Alles auf Anfang (hier geht es zur Kritik)
  • Black Widow
  • The Little Things
  • Und täglich grüßt die Liebe
  • Wer wir waren
  • Shorty und das Geheimnis des Zauberriffs
  • Das Mädchen und die Spinne
  • Vogelfrei. Ein Leben als fliegende Nomaden
  • Grenzland
  • Homo Communis – wir für alle
  • Komm und sieh (Wiederaufführung)
  • Los Reyes – Königliche Streuner

Bildquelle:

  • loonyporn: 2021 Neue Visionen Filmverleih

2 Kommentare im Forum

  1. ich gebe der delta-Variante noch drei Wochen und dann sind die Kinos und vieles andere wieder dicht.
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