Neues aus der Hollywood-Puppenkiste: „The French Dispatch“ von Wes Anderson

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Der neue Film von Wes Anderson läuft jetzt in den Kinos: Star-Dichte und Detailverliebtheit waren nie eindrucksvoller, zugleich fühlt sich „The French Dispatch“ ernüchternd leer an.

Wes Anderson bereitet inzwischen Kopfzerbrechen. Nach Filmen wie „Grand Budapest Hotel“, „Isle of Dogs” oder auch “Moonrise Kingdom” ist prinzipiell bekannt, was der Amerikaner seiner enormen Fangemeinde auf dem quietschbunten, symmetrisch bestückten Tablett serviert. Das sind Filme über schrullige Gestalten, über kleine und große Kuriositäten, die das Leben so schreibt. Realitäten, die sich im Unscheinbaren das Verspielte suchen. Irrsinnige Räuberpistolen als Flucht aus der Tristesse.

Mit jedem Film wuchs die Lust an der Form, die ihre Räume und Bilder als Installationen anordnet. Ausstaffiert mit nahezu verstörend vielen Hollywood-Stars, die Anderson in seinen Tableaus platziert, als handle es sich ebenfalls nur um schmückendes Mobiliar. Auch „The French Dispatch“, sein neuestes Werk bildet da keine Ausnahme, Ja, es handelt sich um eine neue Zuspitzung, die das Œuvre des Regisseurs erfährt.

Wo die Frage nach Sinn und Unsinn von Andersons Vorgehen zuletzt im oftmals überschwänglich lobenden Diskurs bereits zu den Akten gelegt schien, drängt sie sich hier stärker denn je auf. Das Konstruieren einer übergreifenden Handlung hat Anderson jetzt konsequent aufgegeben. Bei „The French Dispatch“ handelt es sich um ein bewegtes Bilderalbum, einen Episodenfilm, der sich hauptsächlich in drei größere Teile gliedert. Sie alle bebildern je eine Reportage aus der titelgebenden Zeitung „The French Dispatch“.

Halb Hollywood in einem Film

Wes Andersons Anthologie führt dabei in eine erfundene französische Stadt namens Ennui-sur-Blasé, wo die Ereignisse im Redaktionsgebäude der „French Dispatch“ die knappe Rahmenhandlung bilden. Der berühmte Gründer und Chefredakteur, Arthur Howitzer, gespielt von Bill Murray, ist gerade verstorben. Jetzt bangt der Rest der Redaktion um das Fortbestehen des Blattes. In den Büroräumen und den einzelnen Geschichten, die dort bearbeitet werden, tummelt sich gefühlt halb Hollywood.

Tilda Swinton, Owen Wilson, Frances McDormand, Timothée Chalamet, Elisabeth Moss, Adrien Brody, Benicio del Toro, Saoirse Ronan sind nur einige der unzähligen prominenten Namen, die hier bis in die kleinsten Nebenrollen hinein zu entdecken sind. Sie spielen sich durch eine Reihe unerhörter Begebenheiten. Durch die sadomasochistische Beziehung zwischen einem inhaftierten Künstler und seiner Wärterin, durch eine Studentenrevolte, bei der eine Journalistin fürchtet, die kritische Distanz zu verlieren, sowie einen Entführungsfall, der sich rund um einen berühmten Koch entspinnt.

Der Journalismus der guten alten Zeit

Man konnte bereits seit den Filmfestspielen von Cannes, wo „The French Dispatch“ seine Weltpremiere feierte, immer wieder lesen, Wes Anderson würde hiermit seinen filmischen Liebesbrief an vergangene Glanzzeiten des Magazinjournalismus präsentieren. Natürlich, das sind Episoden, die eine Lust am Entdecken und Ergründen heraufbeschwören. Das Leben in Andersons Filmkosmos quillt über vor Fabulierfreude, der man mit Stift und Papier, mit Blicken, mit Schreibmaschinen begegnet, ganz gleich, wann und wie umfangreich das Textresultat am Ende gedruckt werden wird.

Man kann das als Plädoyer gegen redaktionelle Repressionen lesen, als ein Verkehren eines bloßen Konsumgedankens. Zugleich erscheint diese Vorstellung mit fortwährender Dauer so naiv, so verträumt und letztlich so aufgesetzt, dass die konservative Welt dieses Journalistenmärchens ihre exzessive Bilderschau immer weniger legitimieren kann.

Wo sich das Drehbuch durch das Zersplitterte schleppt, stellt sich die Frage, was Wes Anderson hier überhaupt an einer journalistischen Arbeit demonstrieren will. Schlicht: Sie verliert sich in Ramsch, in Kitsch und Trödel. Die erste Geschichte amüsiert sich ein wenig über die Abgründe des Kunstmarktes, die dritte ist ein recht unbeeindruckendes Gaunerstück. Lediglich der Mittelteil mit der umwerfenden Frances McDormand („Nomadland„) wagt so etwas wie ein Nachdenken darüber, wer über wen in welcher Art und Weise schreibt, welche Wirklichkeit da (re)produziert wird. Die Antwort ist simpel: Natürlich die von Regisseur Anderson.

Jede Menge Kunsthandwerk

Für ein tatsächliches Auseinandersetzen mit Perspektiven und einem Ausformulieren von individueller Realität bleibt wenig Raum, weil dieser Film seinen diversen Geschichten jegliche Individualität raubt. Sie beschränkt sich in erster Linie auf etwas Kulissenschieben, einige Spielereien mit wechselnden Bildformaten und Farben. Mal werden die Bilder bunt, mal sind sie in Schwarz-Weiß gehalten. Tatsächlich leuchten all die Kompositionen noch einmal mit größerer Virtuosität auf der Leinwand als in früheren Wes-Anderson-Filmen. Aktionen frieren ein, Gegenstände, die eben noch durch die Luft flogen, hängen jetzt genau dort still. Wiederkehrende Frage: Wie hat er das wohl gemacht?

Es gibt in „The French Dispatch“ unendlich viel Kunsthandwerk zu sehen, aber wenig Lebendiges, obwohl alles permanent am Wimmeln und Wuseln ist, Figuren in einem Tempo und einer enormen Anzahl vorbeiziehen, dass man sie in wenigen Minuten bereits wieder vergessen hat. Ihre Geschichten sind Gefangene im Puppenhaus des Regisseurs, der Gewohntes aus der Vergangenheit beharrlich in seinem Erscheinungsbild perfektioniert, aber dabei immer mehr in Erklärungsnot gerät.

„The French Dispatch“ wird sein eigenes Feindbild

In Stil und Ton, in Aussehen und Erzähltechnik – alles in „The French Dispatch“ zieht sich ins Gleichförmige zurück. Das mag technisch noch so versiert in Szene gesetzt sein, letztendlich erscheint dieser Episodenfilm selbst als sein eigenes Feindbild. Als redaktioneller Zensor, der Wildes, Heterogenes zähmt. Der individuelle Noten der unterschiedlichen Geschichten ins Generische seiner etablierten Stilistik übersetzt und vor allem darum bemüht ist, Sicherheit und Gewohnheit vor Wagnis und Experiment zu schützen. Wes Andersons ikonischer Stil ist hübsch anzusehen und doch zu seinem eigenen nervigen Klischee geworden.

Das ist ein Filmemacher, der mittlerweile wie ein Everbody’s Darling der Branche erscheint. Insofern wenig erstaunlich, als es wenige Regisseure gibt, die es so perfektioniert haben, das Kino in ein schwelgerisches, durchaus imposantes, aber letztlich durch und durch harmlos anmutendes, aufgeräumtes Kinderzimmer zu verwandeln, dessen Einrichtung alle stauend betrachten können, aber doch nie berühren dürfen und verbissen davor behütet werden, ja nicht auf ein Spielzeug auf dem Boden zu treten. Aber was interessiert diesen Regisseur eigentlich im echten Leben? Was interessiert ihn am Kino? Das sind Fragen, über die man nach nunmehr zehn Langfilmen grübelt. „The French Dispatch“ weiß darauf nur irritiert zu antworten.

„The French Dispatch“ läuft seit dem 21. Oktober 2021 in den deutschen Kinos.

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Bildquelle:

  • billmurray: The Walt Disney Company Germany

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