„Cruella“ jetzt bei Disney+: Wenig Punk, viel Pomp

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In „Cruella“ zeigt Disney die Vorgeschichte der ikonischen Bösewichtin aus „101 Dalmatiner“ mit viel Glamour und einem Hauch Punk. Mit Rebellion hat das jedoch wenig zu tun. Eine Kritik.

Es gibt in „Cruella“ eine Szene, da wartet ein Publikum gespannt auf den großen versprochenen Auftritt, auf das Neue, Aufregende. Zum Dank gibt es eine Horde Motten, die sich über die Anwesenden hermacht. So ähnlich verhält es sich auch mit diesem Film und seinen Zuschauern. Originalität oder Wagnis suchte man in den vergangenen Jahren bei Disneys Live-Action-Verfilmungen vergeblich und sucht sie weiterhin. Zwar ist „Cruella“ nun kein bloßes 1:1 Remake einer Vorlage geworden, dennoch zeugt diese Filmbiographie der diabolischen Modezarin trotz ihres ambitionierten Themas erneut von einer ärgerlichen künstlerischen Müdigkeit, die Bestehendes als Neues und Konformismus als Revolution verkauft.

Von „Punk“ war bereits im Vorfeld die Rede oder von Disneys Antwort auf „Der Teufel trägt Prada“ und „Joker“. Tatsächlich ergießt sich „Cruella“ mangels eigener DNA als Schwall an Filmzitaten und Versatzstücken über sein Publikum. Die historische Punk-Bewegung ist bei alldem überwiegend Maskerade, Travestie und längst von Kommerz vereinnahmt. Mit viel Pomp und Glamour, schicken Kostümen, aufwendigen Frisuren, pittoresker Ausstattung und langen Kamerafahrten hat „I, Tonya“-Regisseur Craig Gillespie die Geschichte der Bösewichtin in Szene gesetzt. Unter seiner schillernden Oberfläche ist der Film jedoch so berechnend und zahm, so leb- und geschmacklos wie ein Mantel aus Dalmatinerfell.  

Emma Thompson mimt Cruellas böse Gegenspielerin.

Von Estella zu Cruella in 130 Minuten

Wie „Joker“ erzählt auch „Cruella“ eine Außenseitergeschichte: Hier ist es die junge Estella, die sich in den 1970ern mit ihren Handlangern Horace und Jasper als Gaunerin und Reinigungskraft durchschlägt, bis sie in die Kreise der Baroness Von Hellman, einer mächtigen Mode-Lady, gerät. Dort wird sie Schreckliches über ihre Vergangenheit erfahren und sich in die böse Cruella verwandeln, die später bekanntlich auszieht, um aus Dalmatinerwelpen Kostüme zu zaubern.  

Verkauft wird diese Ich-Werdung des Bösen als eine emanzipatorische Erzählung. Estella, das starke Mädchen, das sich nicht anpassen will, wird von allen Seiten unterdrückt, erzogen und später als Arbeitskraft ausgebeutet, bis sie zurückschlägt. „Cruella“ ist jedoch mitnichten ein Film, der auch nur einen Hauch subversiven Geistes versprüht, weder inhaltlich noch stilistisch. Er ist letztendlich gefälliges Malen-nach-Zahlen, ein Hollywood-Generikum, dessen leichte Konsumierbarkeit über Bequemlichkeit und fehlende Substanz hinwegtäuschen will. Eine Revolution in einer solch zahnlosen filmischen Form frisst sich in erster Linie selbst.

Spektakel überall  

Diese filmische Modenschau wird äußerlich immer exzentrischer, die mitunter durchaus imposanten Bilder weiden sich an den teuer ausgestatteten Sets. Mittendrin zwei Frauen, die darum zanken, wer das größere Spektakel und die besseren Vorlagen für die Cosplay-Community auffahren kann. Im Hintergrund erklingen zu diesem pompös glänzenden Stoff- und Warenfest permanent prominente Pop-, Jazz- und Rocksongs von Queen, Doris Day, Florence and the Machine bis zu den Bee Gees, die man im Anschluss auch noch entspannt beim Frühstück hören kann. All das in einem Film, der in einer ungeheuren Laufzeit ungeheuer wenig zu erzählen hat. Ein echter Punk-Geist ist „Cruella“, sofern er überhaupt jemals vollends auferstanden ist, im Nullkommanichts wieder ausgetrieben.

Kleiderwechsel en masse

Der Traum vom Aufstieg

„Cruella“ zelebriert unter seiner pseudo-rebellischen, grellen Fassade den thematisierten Konsumkapitalismus fast so schamlos und anbiedernd wie seine offensichtliche Referenz: „Der Teufel trägt Prada“. Ja, man wünscht sich fast, er wäre wenigstens so ehrlich in seiner perfiden Moral von der lohnenswerten Knechtschaft, die irgendwann einmal Aufstieg verspricht, wenn man sie verinnerlicht hat, und würde nicht so tun, als habe man hier endlich das unterdrückte Ich entfesselt, um den Status quo zu sprengen. Provozierte „Joker“ etwa tatsächlich noch mit einer (gekonnt unzuverlässig erzählten) Vision von Anarchie als finstere Konsequenz, handelt sein Disney-Pendant lediglich von einem Machtwechsel, bei dem man sich freuen soll, dass es endlich einmal jemand von unten nach oben schafft, auch wenn ihm das nur mittels Bösartigkeit gelingt.

Estellas Aufblühen führt zu einem Habitus des Schreckens mit hochgezogenen Schultern, Grimasse und teuflischem Lachen, der final doch nur in der Abgeschiedenheit gelebt wird. Vielleicht ja tatsächlich die einzige Möglichkeit, diesen Kampf zu bestreiten? „Cruella“ verpasst bei dieser Beobachtung den entscheidenden Moment, von seiner Empathie-Besessenheit in eine kritische Distanz zu der eigenen Inszenierung zu treten. Sein Ausgangspunkt ist in der Logik der Erzählung so konsequent, als hätte der Joker am Ende seines Films zufrieden die Geschäfte der Wayne-Familie übernommen.

Mitreißendes Schauspiel

Emma Stone und Emma Thompson spielen ihren Zwist – diesen Reiz kann man dem Film nicht absprechen – tatsächlich in einer fulminanten Bandbreite. Stone wird sogar am Scheideweg ihrer Wandlung ein langer, schnittloser Close Up gegönnt, in dem sie einen emotionalen Monolog in die Kamera spricht, der glatt als Oscar-Bewerbungsvideo durchgehen kann. Letztendlich scheitert seine Überzeugungskraft an der orientierungslosen Konzeption der Figur.

Cruella de Vil war in der „Dalmatiner“-Verfilmung aus den ’60ern eine Karikatur, Kehrseite und pervertierte Form eines bürgerlichen Wohlstands, in dem der Film schwelgte, die das biedermeierliche Familienidyll durcheinanderbrachte. Eine eindrucksvolle, ikonische Figur, die aber letztlich ebenso banal war wie der Film, in dem sie auftrat. In ihrem Solofilm soll sie nun plötzlich für großes Charakterdrama herhalten. Ein Typ, eine Personifikation darf sie nicht bleiben, ein Charakter muss sie werden; die heutige Serien- und Franchise-Kultur will das so. Der negative Effekt ist die Folge: Je menschlicher die Figuren aus all den Hollywood-Franchises werden, desto lebloser und uninspirierter werden ihre Filme. „Cruella“ ist ein weiterer Beweis dafür.

Emma Stones Oscar-Monolog

Gescheiterter Feminismus

Ob Cruella sonderlich gut als Beispiel taugt, von einem feministischen Befreiungsschlag gegen soziale Ungerechtigkeiten und Geschlechterklischees zu erzählen, erscheint in dieser Form ohnehin fraglich. Schließlich beschenkt sie der Film zwar mit charakterlicher Ambivalenz und Freisinn, markiert sie jedoch gerade im Moment ihres Aufbegehrens zugleich als warnende Schreckgestalt und ertränkt ihre Symbolkraft in Psychologie.

Emma Stones Figur wird böse, weil sie es von Kindheit an war und sich später nur an einer noch böseren Frau für eine private Familientragödie rächen will. Da sind alle anderen und somit auch das Publikum fein raus! Jenes Böse besitzt unter seiner Kostümierung leider wenig Schillerndes, wenig Spielerisches, sondern entspringt bloßem inneren Determinismus, so erzählt es der Film. Cruella als Frau, die um jeden Preis das Glücksversprechen des Systems, in dem sie aufwächst, einfordert und es bis zum Exzess zelebriert, das ist eigentlich ein spannender Stoff, wenn man ihn nicht mit so viel menschelndem Drama zugekleistert hätte. Das Rollenspiel, das sie sich aneignet, muss nur zur filmischen Therapiesitzung herhalten. Rebellion entsteht hier weniger aus systemischer Schieflage, sondern mäßig interessantem, persönlichem Hadern.

„Cruella“ verrät damit seine eigene Figur, gerade über den Film- und Literaturkosmos, aus dem sie stammt. Den könnte man ignorieren, wenn er ihn tatsächlich vollends neu schreiben und auf seine hanebüchenen Wendungen und Bezüge zu den „Dalmatinern“ verzichten würde. Cruella de Vil nimmt sich zwar ihre Gerechtigkeit, ist an diesem Punkt jedoch längst Marionette einer im Kern äußerst konservativen Hollywood-Ideologie geworden, die nur ihrem eigenen Fortbestehen dient. Emanzipation führt hier doch nur zum Rückzug, zum Diabolischen. Klassismus wird mit psychischen Befindlichkeiten relativiert und die Feministin letztlich zur grotesken Hexe geformt.

„Cruella“ ist seit dem 27. Mai 2021 in den Kinos zu sehen, wo geöffnet. Ab dem 28. Mai kann der Film für 21,99 Euro mit einem kostenpflichtigen VIP-Zugang bei Disney+ gestreamt werden. Ab dem 27. August wird er Teil des regulären Abos sein.

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Bildquelle:

  • emmathompson: Walt Disney Company Germany
  • cruellaemmastone: Walt Disney Company Germany
  • emmastone: Walt Disney Company Germany
  • cruella: The Walt Disney Company Germany

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