DF-Interview: Digitalradio-Stratege Carsten Zorger über die Zukunft von DAB+

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Carsten Zorger
© Deutschlandradio - Bettina Straub
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Carsten Zorger ist seit über sechs Jahren Leiter des Digitalradio Büros Deutschland, das beim Deutschlandradio am Standort Berlin angesiedelt ist. Die Zeit unter seiner Ägide ist mit Sicherheit eine prägende für den neuen Radiostandard DAB+ gewesen. Im Interview mit DIGITAL FERNSEHEN richtet sich sein Blick jedoch in die Zukunft des Radios:

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DIGITAL FERNSEHEN: Herr Zorger, schon 2022 konnte DAB+ seine Popularität und Marktdurchdring nochmals deutlich steigern. Wird dieser Trend im neuen Jahr weitergehen?

CARSTEN ZORGER: Auf jeden Fall, denn Treiber des Wachstums und des Interesses bei der Bevölkerung sind die vielen neuen Programme, die überregional und regional an den Start gegangen sind. Wir erwarten in 2023 noch viele Aufschaltungen, vor allem im Norden. Und weil jetzt jeder Neuwagen gleich mit DAB+ Radio an Bord ausgeliefert wird, setzen wir auf die Autofahrer, die Lust haben, neue Programme zu entdecken oder ihre Lieblingsprogramme auf der Fahrt in digitaler Qualität zu hören.

Radiohören bleibt weiter im Trend und die Nutzung von DAB+ Programmen wächst, meldet das Marktforschungsinstitut agma. Im Weitesten Hörerkreis kommt DAB+ mittlerweile auf einen Anteil von 27,0 Prozent. Im Vorjahr lag der Anteil noch bei knapp über 20 Prozent.
Ein Drittel der Deutschen, und damit über 2,1 Mio. Menschen mehr als in 2021, haben Zugang zu DAB+ Radioempfang. Sie leben in einem der inzwischen knapp 13 Mio. Haushalte, die mit mindestens einem DAB+ Radio zu Hause oder im Auto ausgestattet sind, so die Studie „Audio Trends 2022 Digitalisierungsbericht der Medienanstalten“. In den Haushalten steigt die Zahl der DAB+ Radios auf rund 23,8 Mio. Das sind rund 2,2 Mio. Geräte mehr als in 2021.

Viele Senderaufschaltungen in 2023 – insbesondere im Norden

Für 2023 erwarte ich spannende Entwicklungen in drei Bereichen. Erstens werden wir noch mehr darüber sprechen, ressourcenschonend DAB+ im Vergleich zu UKW oder IP ist. DAB+ ist aufgrund der digitalen Codierung in der Lage, 16 DAB+ Programme gleichzeitig anstatt nur 1 UKW-Programm auszustrahlen, bei vergleichbarer oder geringerer Leistung. Die Kosten für die Verbreitung von DAB+ können bis zu 80 Prozent niedriger sein als bei UKW. Sie können damit, zumindest was die Senderseite angeht, der Stromverbrauch pro Programm durch 16 teilen: Unser Beitrag zum sparsamen Umgang mit Strom. IP ist ja eine One-To-One Verbindung und braucht relativ viel Strom in den Rechenzentren bei der hohen Anzahl von Nutzern (z.B. bei Netflix) als DAB+ mit der One-To-Many Verbindung.

Zweitens bietet DAB+ aus ökonomischer Sicht für die Privaten viele Vorteile: Sie sind in der Lage, Spartenprogramme auszutesten, unter günstigeren Bedingungen als unter UKW, vor allem deswegen, weil es überhaupt keine freien UKW-Frequenzen mehr in Deutschland gibt, die dafür geeignet wären.

Drittens arbeiten wir in Deutschland im Digitalradio Verein an der Einführung eines Alarm- und Warnsystems über DAB+.

DF: Der Netzausbau schreitet steig voran, sind Sie zufrieden mit dem Ausbau von DAB+ in Deutschland?

CZ: Die nationalen und regionalen Sendernetze wachsen weiter. So hat der Betreiber Media Broadcast das Netz des ersten nationalen DAB+ Programmensembles in sieben Bundesländern weiter verdichtet und so für einen besseren Empfang der neun Privaten und der vier Deutschlandradio-Programme gesorgt. Auch im zweiten nationalem Programmensemble, auf dem nur Privatradios senden, geht der Ausbau weiter.

Der Bayerische Rundfunk hat sein DAB+ Sendernetz um sechs neue Standorte erweitert. Ausgestrahlt werden zehn BR-Hörfunk- und Regionalprogramme sowie private Angebote. Basis für diese gemeinsame Nutzung ist eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem BR und der BLM, die beide Partner bis Ende 2030 verlängert haben.

DAB+ Sendernetz wird sukzessive weiter ausgebaut

In Hamburg, Niedersachsen und Sachsen hatten die zuständigen Behörden Ausschreibungen für noch mehr landesweite DAB+ Programme initiiert. Für die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) war es die erste Ausschreibung für bis zu 16 landesweite DAB+ Angebote. In der Hansestadt stehen nun 69 Programme zur Verfügung. Im Freistaat Sachsen soll das Angebot um 37 neue Programme wachsen.
Insgesamt bietet DAB+ derzeit regional unterschiedlich rund 300 empfangbare Angebote, von denen rund 100 ausschließlich digital ausgestrahlt werden. 29 werden im gesamten Bundesgebiet gesendet.

DF: Wie wichtig ist es, dass neben den Bundesmultiplexen auch regionale Multiplexe verfügbar sind?

CZ: Dies ist sehr wichtig. Bundesweite Programme und regionale Programme ergänzen sich. Beides gehört zusammen. Man sieht am sensationellen Erfolg der Aufschaltung von vielen neuen DAB+ Programmen in NRW, wie sehr die Bevölkerung auf die neuen Angebote gewartet hat.

DF: Auch im Bereich Warnsystem macht DAB+ auf sich aufmerksam. Ist dies neben der guten Klangqualität und großen Sendervielfalt nun ein weiteres Argument für den Kauf eines modernen DAB+ Radios?

CZ: Wir denken, dass Radio im richtigen Moment warnen kann. Denn Radio begleitet uns im Alltag, es ist zuverlässig und es ist immer für uns da. Mit dem neuen Warndienst wollen wir das unterstreichen. Die ersten Schritte zur IFA 2022 und am Warntag am 8. Dezember waren erfolgversprechend. Im Dezember hat die Alarmierung über das sogenannte MoWaS System des Bundes geklappt, die DAB+ Sendeanlagen und Signalwege funktionierten wie erwartet einwandfrei.

DAB+ Warndienst funktionierte einwandfrei

Die Grundfunktion des neuen Warndienstes soll ab 2023 eine Weiterentwicklung der klassischen Warndurchsage umfassen. Zusätzlich zur Ton-Signalisierung und Sprachdurchsage wird das Warnsystem dazu ertüchtigt, Radios aus dem Standby zu aktivieren. Dies ist zum Beispiel bei Radioweckern von Vorteil. In späteren Gerätegenerationen ab 2024 stehen die Barrierefreiheit sowie fremdsprachliche und erweiterte Textinformationen im Fokus.

DF: Worauf sollte der Kunde beim Radiokauf achten?

CZ: Achten Sie auf drei Dinge: Klang, Farbdisplay und den Preis. Gute bis sehr gute Geräte mit Stereoempfang gibt es zwischen 80 und 120 Euro. Kleine Radios bieten zumindest ein Textdisplay und meist Batteriebetrieb – ideal, wenn man unterwegs ist. Moderne Radios ab 150 Euro verbinden Internet, DAB+ und Bluetooth. Ich bin froh darüber, dass es inzwischen auch optisch ansprechendere Radios gibt. Der Blick auf andere Märkte zeigt: Beim Geräte-Design haben wir in Deutschland noch ordentlich Luft nach oben.

DF: Wo sehen Sie aktuell noch Schwachstellen beim digitalen Radio? Was muss noch besser gemacht werden?

CZ: Ich sehe vor allem Chancen: Erstens, und das habe ich ja oben schon gesagt, kann digitales Radio einen entscheidenden Beitrag zum Energiesparen leisten. Das gilt vor allem für die Senderseite. Zweitens: Bei Ausstattung und Funktionsumfang sollte ein großes Farbdisplay Standard werden. Ob für Zusatzinformationen, Senderlogos oder zur generellen Verbesserung des User Interface Experience (UIX). Das Gerätedesign ist ein wichtiger Schlüssel. Drittens: Die weitere Verdichtung der Sendernetze sorgt lokal, regional und national für besseren und stabileren Empfang.

DF: Würden Sie einen UKW-Abschaltzeitpunkt seitens der Bundesregierung begrüßen?

CZ: Diesen Zeitpunkt bestimmt nicht die Bundesregierung. Ein Abschaltdatum wird von den Marktbeteiligten, also Privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern, bestimmt. Dazu braucht es einen Konsens. Den sehe ich derzeit noch nicht.

Termin für UKW-Abschaltung nicht in Sicht

DF: Im Markt sind auch immer mehr Geräte mit DAB+ Tuner im Nischenbereich zu finden, denken wir beispielsweise an Baustellenradios oder CD-Player mit integrierten DAB+ Tuner. Wie wichtig ist es das solche Geräte mit dem Digitalradio-Standard ausgestatteT sind?

CZ: Sehr wichtig und ein richtiger Schritt. DAB+ Baustellenradios sind der Renner, auch für das Camping und die Party unterwegs. Ich finde das sehr konsequent umgesetzt.

DF: Eine letzte persönliche Frage: Was wünschen Sie sich für 2023?

CZ: Natürlich, dass immer mehr Menschen Radio über DAB+ hören. Radio ist wichtig, gerade in besonderen Zeiten. Man kann lauschen und hat Augen und Hände frei. Radio begleitet uns im Auto, zu Hause, in der Freizeit. Das Angebot ist gewaltig, und es ist kostenfrei. Was gibt es Schöneres als Radiohören?

Bildquelle:

  • df-carsten-zorger: Deutschlandradio
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