„Digitalisierung findet in Bereich der Filmarchive erst seit kurzem verstärkt statt“

0
89
Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
Anzeige

Leipzig – Über das neue europäische digitale Filmarchiv im Internet sprach DIGITAL FERNSEHEN mit Julia Welter, der Sprecherin von „Filmarchives online“ und dem deutschen Filminstitut (DIF) in Frankfurt am Main.

Anzeige

Eine Digitalisierung von Filmen, die im Internet in Filmarchiven zur Verfügung stehen,war bislang schon allein deshalb nicht möglich, weil „Filme kaum digitalisiert vorliegen“, sagt Julia Welter.

DIGITAL FERNSEHEN: Vor kurzem ist unter www.filmarchives-online.eu ein Filmarchiv online gegangen, das 18 europäische Filmarchive auf einem zentralen Internet-Portal vereint. Frau Welter, was gab den Anlass zu einem solch großen Projekt?
 
Julia Welter: „Filmarchives online“ ist bereits im Februar 2007 online gegangen, in der frühe Projektphase waren allerdings nur fünf Archive auf der Plattform vertreten. Nun, nach Ende des dreijährigen Projekts MIDAS, das „Filmarchives online“ initiiert hat und von der EU gefördert wurde, sind Daten von allen 18 am Projekt beteiligten Archiven abrufbar. Nach und nach werden die Katalogdaten nun auch um digitalisierte Filme und Film Stills ergänzt.
 
Der Anlass, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen war vor allem die Tatsache, dass das kulturelle Filmerbe unseres Kontinents auf eine Vielzahl von Länder verstreut in einer Vielzahl von Archiven liegt und es bislang zeit- und personalaufwändiger, und damit auch kostenintensiver Recherchen bedurft hat, um Filme zu lokalisieren.
 
Standardisierte Nutzungen der Archive von außen waren praktisch unmöglich und scheiterten nicht selten auch an sprachlichen Hürden. Die Erstellung einer gemeinsamen, mehrsprachigen, online zugänglichen Datenbank sollte die effektive und umfassende Verbreitung des Filmerbes sowohl für eine an Filmkultur interessierte Öffentlichkeit wie auch für die Film- und Fernsehwirtschaft maßgeblich erleichtern.
 
Im Filmarchiv-Bereich besteht das grundlegende Problem, dass Archivbestände im Unterschied etwa zu Bibliotheken kaum standardisiert dokumentiert sind und Filmarchive somit über sehr heterogene Datenbankmodelle verfügen. Dies erschwerte die Verfügbarmachung der Daten im Internet in einem gemeinsamen Verbundkatalog erheblich. „Filmarchives online“ hat sich diese Problems jedoch erfolgreich angenommen und schafft nun Abhilfe.
 
DF: Welche Filmarchive sind auf dem zentralen Portal versammelt?
 
Welter: Koordiniert vom Deutschen Filminstitut in Frankfurt/Main versammelt „Filmarchives online“ 18 Partner aus elf Ländern. Die beiteiligten Archive sind (mit Ausnahme von reelport.com) staatliche, bzw. öffentlich geförderte, nicht-kommerzielle Institutionen:
 
Deutsches Filminstitut – DIF (Frankfurt) – Projektkoordinator
British Film Institute (London)
Bundesarchiv Filmarchiv (Berlin)
Cinémathèque Royale de Belgique (Brüssel)
Cineteca del Comune di Bologna
DEFA Stiftung (Berlin)
Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen (Berlin)
Fondazione Cineteca Italiana (Mailand)
IWF Wissen und Medien gGmbH (Göttingen)
LICHTSPIEL Kinemathek Bern
Lietuvos Centrinis Valstybès Archyvas (Litauisches Staatsarchiv, Vilnius)
Magyar Nemzeti Filmarchívum (Ungarisches Filmarchiv, Budapest)
Národní Filmový Archiv (Tschechisches Filmarchiv, Prag)
Nasjonalbiblioteket (Oslo)
Nederlands Filmmuseum (Amsterdam)
reelport.com (Köln)
Slovenska Kinoteka (Ljubljana)
Tainiothiki tis Ellados (Griechisches Filmarchiv, Athen)
 
DF: Rund 25 000 Filme aus den Bereichen Dokumentar- und Unterrichtsfilme, Wochenschauen, Reise- und Sportfilme sowie Werbe- und Animationsfilme soll das Archiv umfassen. Für welche Zielgruppe ist das Archiv geöffnet?
 
Welter: Das Portal richtet sich in erster Linie an die wissenschaftliche Forschung sowie an die Filmbranche (hier besonders Produktionsfirmen, Fernsehsender und Regisseure). Der Schwerpunkt von „Filmarchives online“ wurde bewusst auf dokumentarisches Material gelegt, da gerade dieses erfolgreich ausgewertet, d.h. nachgenutzt werden kann. Dazu kommt, dass der Anteil von dokumenatrischem Material in Filmarchiven ungleich höher ist als der Anteil an Spielfilm-Material, ersteres jedoch bisher wesentlich schwerer auffindbar war als letzteres.
 
DF: Was kostet die Benutzung des Filmarchivs?
 
Welter: Die Recherche auf Filmarchives online ist kostenfrei. Die Filmeinträge verweisen in allen Fällen auf den Lagerort der Kopie, d.h. die Kontaktdaten zum jeweiligen Archiv sind mit dem Eintrag abrufbar. Der Nutzer kann sich im folgenden an das Archiv wenden, das über die Kopie verfügt und wird im direkten Kontakt über entstehende Kosten informiert. Diese sind je nach Archiv und Nutzungsart unterschiedlich. Wichtig ist zu beachten, dass „Filmarchives online“ eine Plattform ist, die lediglich die Katalogdaten der Filmarchive versammelt – die Anfragen werden aber von den einzelnen Archiven selbstständig bearbeitet.
 
DF: Ist ein Ausbau des Filmarchivs auf weitere inhaltliche Rubriken geplant?
 
Welter: Der Schwerpunkt wird zunächst auf dokumentarischem Material bleiben, jedoch finden sich schon jetzt teilweise auch Spielfilme auf dem Portal. Langfristig ist eine Erweiterung auf fiktionale Filme denkbar, derzeit aber noch nicht konkret. Eine entsprechende Öffnung des Portals für neue Rubriken muss von den beteiligten Parternarchiven gemeinschaftlich beschlossen werden.
 
DF: Gibt es bereits Interessenten, die sich dem zentralen Filmarchiv anschließen wollen?
 
Welter: Das Portal steht neuen Zuliefern offen und mehrere öffentliche und private Archive haben bereits Interesse bekundet, ihre Bestände über das Portal abrufbar machen zu wollen. Es existieren bislang jedoch noch keine verbindlichen Zusagen. Um an „Filmarchives online“ teilnehmen zu können, müssen einige Grundvoraussetzungen erfüllt sein. Sind zum Beispiel alle verzeichneten Filme vorhanden, verfügbar und benutzbar?
 
Steht ein Ansprechpartner zur Verfügung, der Nutzeranfragen bearbeiten kann? Handelt es sich in erster Linie um nicht-fiktionales Material, das im Rahmen der Wiederverwendung in anderen Medienproduktionen von Interesse sein könnte? Ist sowohl die nichtkommerzielle als auch die kommerzielle Nutzung der Inhalte grundsätzlich möglich? Sind Inhaltsbeschreibungen und/oder Schlagwörter nicht nur in der jeweiligen Landessprache sondern auch auf englisch vorhanden? Zudem ist die Verfügbarmachung von Daten für die Archive kostenpflichtig, d.h. es fällt ein jährlicher Beitrag an, der unabhängig von der Anzahl der beigetragenen Daten paritätisch erhoben wird.
 
DF: Wäre es denkbar, aus diesem Archiv einen eigenen TV-Kanal mit einer Verbreitung über Internet, Satellit und/oder Kabel zu kreieren?
 
Welter: Hauptaufgabe der beteiligten Filmarchive ist es, Filmmaterial zu sammeln, archivieren, restaurieren und für nachfolgende Generationen zu erhalten. Einen eigenen TV-Kanal kreieren zu wollen, liegt derzeit nicht im Interesse der Archive. Prinzipiell ist es nicht undenkbar, jedoch finden sich innerhalb der Archive hierfür keine personellen und somit finanziellen Kapazitäten, um einen solchen Kanal zu betreiben, d.h. das Programm dafür zu erstellen.
 
Digitalisierung findet in Bereich der Filmarchive erst seit kurzem verstärkt statt, d.h. bislang war eine Zurverfügungstellung der Filme über das Internet o.ä. schon aus dem Grund nicht denkbar, dass Filme kaum digitalisiert vorliegen. Die europäischen Filmarchive konzentrieren sich derzeit stark darauf, die von ihnen verwahrten Archivalien (neben Filmen auch Fotos und Schriftgut) in digitalisierter Form der Öffentlichkeit über Online-Portale zugänglich zu machen.
 
So wird etwa im Rahmen des jüngst gestarteten Projekts „EFG – The European Filmgateway“ ein solches Portal aufgebaut, das dann in ca. zwei Jahren auch die bis dahin zusammengeführten Daten und Digitalisate an „Europeana.eu“, das wiederum Materialien europäischer Bibliotheken, Archive und Museen verfügbar macht, zuliefern wird.
 
DF: Frau Welter, vielen Dank für das Gespräch.
 
Das Projekt EFG ist im Internet unter www.europeanfilmgateway.eu verfügbar[ar]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

Bildquelle:

  • Medien_Maerkte_Artikelbild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
Anzeige

0 Kommentare im Forum

Alle Kommentare 0 im Forum anzeigen

Kommentieren Sie den Artikel im Forum