Staffelt: „Wir benötigen eine verbraucherfreundliche Energie-Kennzeichnung“

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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Leipzig – Neben einer Energie-Kennzeichnung fordert Grietje Staffelt, medienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, verbindliche Mindeststandards für den Energieverbrauch von Geräten. DIGITAL FERNSEHEN sprach mit ihr über umweltfreundliche Unterhaltungselektronik.

Grietje Staffelt setzt auf die Verbraucher. Wenn diese ausreichend über die Konsequenzen von stromfressenden Geräten aufgeklärt sind, „können sie ihre geballte Marktmacht einsetzen“, sagt sie. Gleichzeitig sieht sie die Politik in der Verantwortung. Die muss verbindliche Mindeststandards für den Energieverbrauch von Geräten schaffen, fordert sie. Eine „Selbstdeklaration“ seitens der Hersteller reicht ihrer Meinung nach nicht aus.

DIGITAL FERNSEHEN: Frau Staffelt, es ist von EU-Seite eine sogenannte EuP-Richtlinie (Directive for energy using products) erlassen worden, die Rahmenbedingungen für umweltschonende und energiesparende Produkte installiert und ein sogenanntes „Eco-Design“ entworfen hat. Ist eine solche Richtline aus Ihrer Sicht sinnvoll?
 
Grietje Staffelt: Diese Richtlinie ist sinnvoll und mittlerweile sogar in deutsches Recht umgesetzt worden. Bündnis 90/Die Grünen begrüßen dieses Gesetz grundsätzlich, denn der Energieverbrauch in Privathaushalten ist nach wie vor ein extremer Klimakiller – er ist seit 1990 um 16 Prozent angestiegen und energieverschwendende Geräte haben einen großen Anteil daran.
 
Bestes Beispiel: Viele Geräte besitzen gar keinen Ausschaltknopf mehr, stattdessen sind sie permanent im Standby und verbrauchen so unnütz Energie. Neben dem Stromverbrauch sind Unterhaltungsgeräte aber auch enorme Umweltverschmutzer. In ihnen stecken viele giftige Inhalte, die Entsorgungsfrage ist nicht annähernd gelöst. Was die Große Koalition also hier beschlossen hat, ist wenig ambitioniert und ruht sich auf den Vorgaben von Brüssel aus.
 
DF: Was muss die Politik noch für energiesparende und umweltschonende Produkte aus der Unterhaltungselektronik noch tun?
 
Staffelt: Die Einführung einer „Selbstdeklaration“, wie sie das Gesetz vorgeschrieben hat, reicht nicht aus. Die Hersteller sollen also selbst angeben, was in ihren Produkten ist. Dass das nicht funktionieren wird, ist doch absehbar. Stattdessen brauchen wir ein unabhängiges Prüfsiegel sowie verpflichtende Produktinformationen in deutscher Sprache, damit sich die Verbraucherinnen und Verbraucher umfassend informieren können.
 
DF: Welche Anstrengungen müssen die Hersteller unternehmen, um umweltverträgliche Produkte auf den Markt zu bringen?
 
Staffelt: Es ist keine Anstrengung, sondern Bestandteil jeder Marketingstrategie, marktgängige Produkte zu entwickeln und anzubieten. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass künftig stärker auf den Energieverbrauch von Geräten geachtet wird. Insofern sollten die Unternehmen ihr Know-How darauf verwenden, hier Lösungen zu entwickeln. Dass heißt zum Beispiel Spartechnik in alle Geräte und weg mit Dauerstromverbrauch im Stand-by-Betrieb.
 
DF: Was wird die Politik tun, wenn die Hersteller nicht freiwillig den Weg des Energiesparens gehen wollen? Welche Sanktionsmöglichkeiten können Sie sich vorstellen?
 
Staffelt: Wir glauben, dass wir die Mechanismen des Marktes nutzen können, denn die ökonomische Vernunft spricht für energiesparende Geräte. Allerdings muss der Rahmen stimmen. Wir brauchen verbindliche Mindeststandards für den Energieverbrauch von Geräten und zusätzlich den Top-Runner-Ansatz. Das heißt, die beste Spartechnik muss nach einer Übergangszeit für alle Anbieter verbindlich werden. Und drittens benötigen wir eine verbraucherfreundliche Energie-Kennzeichnung, die beim Einkauf hilft, besonders sparsame Geräte auf einen Blick zu erkennen.
 
DF: Set-Top-Boxen, Fernseher und DVD-Player laufen bei Verbrauchern oft rund um die Uhr. Eine Studie der Deutschen Energie-Agentur hat ergeben, dass sich in Deutschland 140 Millionen Euro Elektroenergie einsparen lassen würden, wenn nur die Hälfte der 39 Millionen Haushalte in Deutschland während einer zweiwöchigen Urlaubsreise die unnötigen Geräte vom Netz nehmen würde. Wie können Verbraucher Ihrer Meinung nach den Energieverbrauch von solchen Elektrogeräten langfristig reduzieren?
 
Staffelt: Wir können und wollen niemandem verbieten, Unterhaltungselektronik zu benutzen. Wir selbst arbeiten ja auch den ganzen Tag an PCs, die Strom fressen. Wir müssen also versuchen, Verhaltensänderungen bei den Menschen zu bewirken. Hier brauchen wir viel Aufklärung und einen langen Atem. Vielen Menschen ist schon bewusst geworden, dass der Klimawandel auch mit unserem persönlichen Lebensstandard zu tun hat. Und viele tun hier schon etwas – und sei es nur, indem sie auf Energiespar-Glühbirnen umsteigen. Das A und O aber sind informierte Verbraucherinnen und Verbraucher. Dann können sie auch ihre geballte Marktmacht einsetzen.
 
DF: Frau Staffelt, vielen Dank für das Interview. [ar]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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  • Medien_Maerkte_Artikelbild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com

4 Kommentare im Forum

  1. AW: Staffelt: "Wir benötigen eine verbraucherfreundliche Energie-Kennzeichnung" Richtig, entscheidend ist immer nur der Preis. Qualität oder Umweltbewusstsein oder andere Vorteile spielen keine Rolle. Auto ist ein sehr gutes Beispiel, wenn man nämlich einen modernen TDI-Motor mit 90 PS in einen Golf von 1976 einbauen würde, hätten wir ohne Probleme ein Dreiliterauto. Das entscheidende ist das Gewicht. Da ist dann natürlich keine Sitzheizung drin und die Fenster muss ich auch noch kurbeln, aber ich kann halt nicht alles haben.
  2. AW: Staffelt: "Wir benötigen eine verbraucherfreundliche Energie-Kennzeichnung" Warum kann man die Besserwisser in der Politik nicht abschalten?
  3. AW: Staffelt: "Wir benötigen eine verbraucherfreundliche Energie-Kennzeichnung" ...dem ist nichts hinzuzufügen...
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