TV-Programm: Krieg auf allen Kanälen

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Krieg zwischen Ukraine und Russland?
Bild: Jonathan Stutz - stock.adobe.com
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Sondersendungen, Sondersendungen, Sondersendungen: Seit Kriegsbeginn in der Ukraine bauen deutsche TV-Sender immer wieder ihr Programm um. Ein Rückblick auf den Fernsehkonsum in den ersten Kriegstagen.

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Deutsche Fernsehsender haben seit Kriegsbeginn in der Ukraine das Nachrichtenangebot ausgebaut. Sie rücken von ihrem gewohnten Programmschema nach wie vor ab. Die AGF-Videoforschung hat auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur die erste Kriegswoche (seit 24. Februar) im Vergleich zu den Vorwochen (seit dem 1. Februar) ausgewertet. Sie misst die tägliche Nutzung von TV-Sendern.

Es ist die Stunde der Nachrichtensender, sie hatten stark Zulauf. Zu den Kanälen zählen ntv, Welt, Phoenix, Tagesschau24 und Bild. Der Kanal ntv ist laut AGF größter Gewinner mit 2,6 Prozent Marktanteil (Zuschauer ab 3 Jahren) gewesen, in den Wochen davor lag der Marktanteil bei 1,1 Prozent.

Nachrichten auch im Netz gefragt

Das Nachrichteninteresse ist auch im Netz groß. Beispiel ZDF. Vom Sender hieß es: „Das Online-Nachrichtenangebot „ZDFheute“ verzeichnete am 24. Februar 2022 mit 4,11 Millionen Visits die höchste Zahl an Besuchen seit mehr als einem halben Jahr.“

Die ARD sieht auch in sozialen Netzwerken Auffälligkeiten: Am ersten Kriegstag habe das „Tagesschau“-Instagram-Profil vier Prozent an Menschen dazugewonnen, die dem Angebot folgen. Zudem beobachte die Redaktion eine starke Zunahme von Fragen, Anmerkungen und Kommentaren der Nutzerinnen und Nutzer: „Pro Post werden doppelt so viele Kommentare wie gewöhnlich auf Instagram abgegeben. Auch auf Youtube hat sich das Kommentaraufkommen verdoppelt, ebenso die Nutzung von Livestream-Formaten der „Tagesschau“.“

Bild-Sender auf bescheidenem Allzeit-Hoch

Beim Sender Bild ist das Zuschauerinteresse im gesamten Februar so hoch wie noch nie seit Senderstart im Sommer 2021 gewesen – und lag bei 0,2 Prozent Marktanteil (14 bis 49 Jahre). Der Chefredakteur für TV und Video bei Bild, Claus Strunz, sagte, die „Live-Berichterstattung unserer Reporterinnen und Reporter zur russischen Invasion ist wesentlich für die deutlich gestiegenen Marktanteile für Bild TV“.

RTL teilte mit: „So viele Sondersendungen zu einer Breaking-News-Lage gab es bislang bei RTL als Hauptsender seit 9/11 nicht mehr, das hat sich in der Vergangenheit eher auf „RTL Aktuell Spezial“-Sendungen beschränkt.“ Es kamen seit Kriegsbeginn in rund einer Woche demnach mehr als 80 Stunden Sondersendungen bei RTL und ntv zusammen.

Sat.1-Chefredakteurin Juliane Eßling sagte: „Wir haben lange nicht zu einem Thema so viele Sondersendungen gemacht wie zu diesem Krieg.“ ProSieben-Chefredakteur Stefan Vaupel betonte: „Die regelmäßigen 20.15-Uhr-Sondersendungen sind von unseren Zuschauern nachgefragter als vergleichbare Sondersendungen in der Vergangenheit.“

„Brennpunkt“ zur Tatort-Zeit

In der ersten Kriegswoche war ein „Brennpunkt“ im Ersten am Sonntag (27. Februar) zur klassischen „Tatort“-Zeit um 20.15 Uhr in der AGF-Hitliste am erfolgreichsten mit 9,4 Millionen Zuschauern. Eine Woche später (6. März) schauten sogar etwa 11,1 Millionen den „Brennpunkt“ am Sonntagabend zwischen „Tagesschau“ und „Tatort“.

„Wie schon in der Corona-Pandemie zeigt sich, dass Sender mit hoher Nachrichtenkompetenz bei steigendem Informationsbedürfnis überdurchschnittlich in jüngeren Zielgruppen gewinnen können“, teilte die Vorsitzende der AGF-Geschäftsführung, Kerstin Niederauer-Kopf, mit.

Ein Beispiel: Die „Tagesschau“ im Ersten habe ihre durchschnittliche Sehbeteiligung um 7,1 Prozent auf 6,27 Millionen Zuschauer gesteigert. Bei den 14- bis 29-Jährigen lag das Plus bei rund 52 Prozent (auf rund 400 000 Zuschauer). Auch die ZDF-Sendung „heute“ um 19 Uhr hatte ein Plus von mehr als 40 Prozent bei den 14- bis 29-Jährigen (140 000 statt zuvor 100 000 Zuschauer).

Bei den zehn erfolgreichsten Sendungen fällt in dieser Zielgruppe auf: Bis auf „Germany’s Next Topmodel“ sind laut AGF alle anderen Sendungen nachrichtlich gewesen. Seit Anfang Februar bis Kriegsbeginn sah das Bild anders aus: Da dominierten „Super Bowl“, „Germany’s Next Topmodel“ und „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“.

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15 Kommentare im Forum

  1. Zum Glück gibt es Streaming oder Mediatheken! Nach über zwei Jahren Pandemie habe ich keine Lust mehr auf realen Horror! Einmal am Tag schauen wir uns die Schlagzeilen im Videotext an und dies ist völlig ausreichend! Krieg ist das schlimmste und es gibt nur Verlierer! Bei diesen Brennpunkten/Talkshows erfährt man auch nicht viel neues! Warum sollte ich mir die zerbombten Straßen und Städte anschauen? Zieht einen nur herunter! Bin allerdings ein Gegner vom Krieg und daher grundsätzlich wenig Interesse!
  2. Also wenn du wirklich nur die Schlagzeilen liest, dann erfährst du eigentlich gar nichts... Nicht selten offenbart sich durch das Lesen des gesamten Textes ein entscheidend anderes Bild, als der Eindruck, den man durch das Lesen eines einzigen Satzes bekommt... Dass negative News den Leuten auf Dauer nervt und auch psychisch belastet, ist absolut verständlich. Jeder muss da seinen Weg finden, wie man damit umgeht. Ich gebe zu, in Corona- und Kriegszeiten wird das jeweilige Thema einem schon fast aufgezwungen. Allerdings gibt es auch Leute, die interessieren sich dafür und möchten auf dem aktuellen Stand gehalten werden. So ist nun mal das reale Leben. Es ist verdammt hart und so sieht man mal wieder, dass man es auch mal wertschätzen sollte, dass wir es in Deutschland so gut haben. Auf der anderen Seite kann man auch froh sein, so (mit großer Wahrscheinlichkeit) die Wahrheit zu erfahren und nicht Gefahr läuft, im Internet ein Opfer von Fakenews zu werden. (Ja, man kann kritisieren, dass die Berichterstattung der öffentlich Rechtlichen manchmal nicht zu 100% objektiv ist, aber wir haben hier in Deutschland schon ein sehr hohes Level an wahrheitsgetreuem, unabhängigem Journalismus. Auch wieder Quellenabhängig.)
  3. Die Berichterstattung ist wichtig, aber bitte nicht auf dermaßen vielen Sendern und oft auch parallel!
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