Werner Herzog: Filme müssen im Kino bestehen, nicht auf Festivals

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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Paris – Frankreich widmet dem deutschen Regisseur Werner Herzog erstmals eine umfassende Retrospektive.

Von den 55 Filmen, die das Pariser Centre Pompidou bis zum 2. März zeigt, sind mehr als 20 erstmals in Frankreich zu sehen. Auf dem Programm steht auch Herzogs neuestes Werk „The Encounters at the End of the World“, das das Leben von Forschern in der Antarktis erzählt. Die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences hat den Film vor wenigen Wochen in die engere Auswahl für eine Nominierung für den Oscar als beste Dokumentation genommen.
 
Frage: Ihre Filme werden schon seit Jahren nicht mehr in den französischen Kinos gezeigt. Was bedeutet diese Retrospektive Ihres Gesamtwerks für Sie?
 
Werner Herzog: Sie war für mich eine große Überraschung. Seit Jahren gibt es von mir keine Filme mehr in den französischen Kinos. Die Franzosen denken deshalb, ich komme jetzt wieder zurück. Aber das stimmt eigentlich gar nicht. Denn ich war ja nie weg. Die Franzosen waren es, die ganz früh meine Filme entdeckt haben. Von Frankreich gingen damals starke Impulse aus, die plötzlich auch Deutschland und andere Länder erreichten.
 
Frage: Sie lieben Reisen und Großartiges. Ihr neuestes Werk „The Encounters at the Ende of the World“ entstand auf Ross Island in der Antarktis. Damit sind Sie der erste Regisseur, der auf allen Kontinenten gedreht hat. Ist das reiner Zufall oder Ausdruck ihrer Leidenschaft für Extremes?
 
Werner Herzog: Der Wunsch, in die Antarktis zu reisen, kam auf, als ich die herrlichen Unterwasseraufnahmen auf dem Laptop meines Freundes Henry Kaiser sah, der den Film später auch produzierte und ihn musikalisch untermalte. Ich sah diese wunderschönen Bilder und sagte mir: Da muss ich hin. Es wäre furchtbar zu denken, dass dies eines meiner Ziele gewesen sei. Sollte ich deshalb ins Guinness-Buch der Rekorde kommen, öffne ich das nächste Fenster und springe hinaus.
 
Frage: Sie lebten insgesamt sieben Wochen in der Antarktis. Wie empfanden Sie das Leben am Ende der Welt? Als eine Art Grenzerfahrung, wie damals, als Sie Reinhold Messner auf einer 8000-Meter-Bergtour begleitet haben?
 
Werner Herzog: Messner war auf der Suche nach Selbsterfahrung, auf der Suche nach der Grenze der physischen und psychologischen Belastbarkeit. Das ist nicht mein Geschäft. Wir haben den Film während des antarktischen Sommers gedreht, das heißt, in einer Zeit, in der es nie Nacht wird. Alle Zeitzonen konvergieren am Südpol zusammen. Wann Nacht und wann Tag ist, wird vom Menschen bestimmt, nicht vom Sonnenauf- oder -untergang. Das war schon interessant. Aber mich haben ausschließlich die herrlichen Unterwasserbilder in die Antarktis gelockt.
 
Frage: Ihre Dokumentarfilme sind hoch stilisiert und ihre Spielfilme dokumentarisch. Sie lehnen die strikte Trennung zwischen diesen Genres ab, weil für sie allein die poetische Wahrheit zählt. Was verstehen Sie darunter?
 
Werner Herzog: Das ist die innere Wahrheit oder innere Landschaft, die tief in jedem einzelnen steckt. Meine Filme sind sehr erfunden und mit viel Fantasie angereichert, um diese innere Wahrheit über eine Person zum Ausdruck zu bringen. Was ist heute im Zeitalter der Technologie überhaupt Wahrheit, Wirklichkeit, Realität? Digitale Effekte im Kino oder virtuelle Realitäten stellen den Begriff heute infrage. In meinen Filmen bin ich auf der Suche nach einer Antwort darauf.
 
Frage: Seit mehr als zwei Jahren ist der deutsche Film wieder verstärkt auf internationalen Festivals vertreten. Ist der deutsche Film besser geworden oder hat sich der Geschmack des Publikums verändert?
 
Werner Herzog: Wird ein Film besser, nur weil er auf einem Festival gezeigt wird oder schlechter, nur weil er nicht ausgewählt wurde? Ich mache meine Filme für das Publikum und die Kinosäle. Filme gehören in die Kinos. Sie müssen in den Kinos bestehen und nicht auf Festivals. [mg]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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