Europarl TV: „Finanzielle und sprachliche Gründe sprachen für das Internet“

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Bild: © Victoria - Fotolia.com
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Leipzig – Am 17. September, genau neun Monate vor der Europawahl im Juni 2009, hat das EU-Parlament Europarl TV, seinen eigenen Fernsehsender im Internet, gestartet.

Europarl TV steht jedem Internet-Nutzer als Web-Stream unter www.europarltv.europa.eu zur Verfügung und gewährt Einblicke in die Arbeit des Europäischen Parlaments. DIGITAL FERNSEHEN sprach nun mit Michael Shackleton, dem Projektleiter von Europarl TV beim Europäischen Parlament, über ein erstes Fazit, die einzelnen Programme, Interaktivität und Pläne für das kommende Jahr.

DIGITAL FERNSEHEN: Das Europäische Parlament startete am 17. September mit Europarl TV seinen eigenen Web-TV-Kanal. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen und welches persönliche Fazit können Sie über Europarl TV in dieser kurzen Bestehenszeit schon ziehen?
 
Michael Shackleton: Das Europäische Parlament war immer daran interessiert, einen eigenen TV-Kanal zu starten und verfolgte daher sehr interessiert die Entwicklung von C-Span (Cable-Satellite Public Affairs Network, Anm. d. Red.) in den Vereinigten Staaten und natürlich die Gründung des französischen Parlament-Fernsehens, La chaîne parlementaire, im Jahr 1999. 2005 wurde schließlich vom Europäischen Parlament beschlossen, eine Studie über diese Problematikin Auftrag zu geben. Das Ergebnis der Studie war die Empfehlung, einen Web-Kanal zu gründen. In der Studie wurde argumentiert, dass das Internet als TV-Plattform sehr viel billiger sein würde als ein regulärer TV-Sender. Außerdem sendet Europarl TV in über 20 Sprachen und über das Internet ist auch dies leichter realisierbar. Da immer mehr Menschen gezielt im Internet nach Informationen und Nachrichten recherchieren, wollten wir zudem auf die aktuelle Entwicklung adäquat reagieren.
 
Es dauerte dann insgesamt fast drei Jahre, bis wir mit Europarl TV online gehen konnten, aber es besteht ohne Zweifel Einigkeit darüber, dass das Europarl-TV-Experiment um einiges billiger ausgefallen ist, als es bei einem regulären TV-Kanal der Fall gewesen wäre. Zudem können – wie bereits erwähnt – Programme in mehr als 20 Sprachen ausgestrahlt werden, was bislang einzigartig weltweit ist. Es gibt sicherlich noch viel zu tun, mit der bisherigen Entwicklung sind wir aber durchaus zufrieden.
 
DF: Europarl TV besteht aus den vier Programmen „Parlament Live“, „Ihre Stimme“, „Junges Europa“ und „Ihr Parlament“. Welches Konzept verfolgen die einzelnen Kanäle und welche Zielgruppen sollen sie ansprechen?
 
Michael Shackleton: Wir haben uns für vier verschiedene Unterkanäle entschieden, um unterschiedliche Zuschauer-Gruppen anzusprechen. „Ihr Parlament“ richtet sich an diejenigen Zuschauer, die daran interessiert sind, sich über Parlament-Debatten zu informieren. Die gezeigten Nachrichten-Programme, Debatten und Interviews drehen sich ausschließlich um die Arbeit der einzelnen Institutionen.
 
„Ihre Stimme“ wurde entwickelt, um Europäischen Bürgern die Möglichkeit einzuräumen, ihre Meinungen und Sorgen zu äußern und diese direkt an das Parlament zu adressieren. Wir haben vor, diesen Kanal hinsichtlich seiner Interaktivität noch weiter auszubauen. So können sich Zuschauer beispielsweise Material herunterladen oder uns zuschicken. Dieses wird dann für den Kanal aufbereitet.
 
„Junges Europa“ richtet sich wiederum mit Informationen, die speziell an den Bedürfnissen junger Menschen ausgerichtet sind, gezielt an die Jugend. Wir zeigen auch Material, das Verwendung in Schulen finden kann.
 
Der vierte Unterkanal, „Parlament Live“, ermöglicht schließlich das Verfolgen von Live-Debatten im Europäischen Parlament, vornehmlich von Plenarsitzungen, zunehmend werden jedoch auch Sitzungen verschiedener Ausschüsse übertragen. Zudem möchte ich anregen, sich auch mit der Rubrik „Einblicke in das Europäische Parlament“, die auf jedem Unterkanal eingerichtet ist, näher zu beschäftigen. Hier lassen sich neben Hintergrundinformationen zu Parlamentsmitgliedern, einzelnen Fraktionen und Parlamentspräsidenten auch Fakten zur Geschichte der EU finden.
 
DF: Wieso haben Sie sich für eine Verbreitung Ihres Programms über das Internet entschieden? Sind künftig weitere Verbreitungswege geplant, beispielsweise via Satellit?
 
Michael Shackleton: Wie ich bereits in meiner ersten Antwort gesagt habe, fiel die Wahl auf das Internet als Verbreitungsweg aus finanziellen und sprachlichen Gründen und aus dem Wunsch heraus, eine maximale Abdeckung und Verbreitung zu erreichen – nicht nur in Europa, sondern weltweit und das zu den niedrigsten Kosten. Es gibt dagegen keinerlei Pläne darüber, Europarl TV künftig auch via Satellit zu verbreiten, um die Verbreitung nochmals zu erhöhen.
 
DF: Wie reagieren die Zuschauer bisher auf Ihr Programmangebot, speziell bei Sendungen, die die Zuschauer direkt mit einbeziehen?
 
Michael Shackleton: Viele Zuschauer-Reaktionen bezogen sich auf die unausweichlichen technischen Probleme, die wir in der Anfangszeit hatten. Diese werden aber nach und nach behoben und mittlerweile eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten der Interaktion mit den Zuschauern – beispielsweise was das Herunterladen von Material angeht. Das alles wird zukünftig funktionieren. Wir sind jedoch nach wie vor damit beschäftigt, die dafür notwendige technische und organisatorische Infrastruktur einzurichten.
 
DF: Europarl TV sendet in allen EU-Amtssprachen, was sicherlich einen hohen logistischen Aufwand nach sich zieht. Gibt es aufgrund unterschiedlicher Interessen der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten auch länderspezifische Programmschwerpunkte?
 
Michael Shackleton: Es ist keinesfalls unsere Absicht, unterschiedliches Material zu senden, das auf die jeweiligen nationalen Interessen ausgerichtet ist. Unser Bestreben ist es vielmehr, die sprachliche Abdeckung von Europarl TV dahingehend zu nutzen, verschiedene nationale Gemeinschaften anzuregen, miteinander zu kommunizieren und gemeinsame europäische Interessen zu entdecken.
 
DF: Wie wird der Live-Stream der Plenartagungen vom Publikum angenommen?
 
Michael Shackleton: Die Existenz von „Parlament Live“ hat die Zahl der Leute, die sich Plenarsitzungen anschauen, signifikant erhöht. Wir bieten auch spezielle Reden, die im Parlament gehalten werden, an, beispielsweise die (Rede, Anm. d. Red.) von Ingrid Betancourt, die als Geisel in Kolumbien festgehalten wurde. So haben unsere Zuschauer die Möglichkeit, am aktuellen Zeitgeschehen teilnehmen zu können.
 
DF: Welche neuen Programminhalte wird es demnächst bei Europarl TV geben?
 
Michael Shackleton: Wir wollen lieber unser bereits existierendes Programmangebot noch verbessern, als komplett neue, völlig andere Programme zu entwickeln. Ein bestimmtes Ziel verfolgen wir jedoch: den Ausbau der Interaktivität. Diese soll Zuschauer künftig dazu befähigen, sich Material anzuschauen, das von anderen Personen angefertigt wurde.
 
DF: Wodurch gewährleisten Sie, dass Europarl TV eine ausgewogene Meinungs- und Themenvielfalt abbildet?
 
Michael Shackleton: Die Redaktions-Charta von Europarl TV verpflichtet uns dazu, politische Ausgewogenheit sicherzustellen und wir sorgen gewissenhaft dafür, dass diese Vorgabe auch eingehalten wird. Da der Inhalt der Programme die Aktivitäten des Europäischen Parlaments reflektiert, ist eine ausgewogene Meinungs- und Themenvielfalt hier zwangsläufig gewährleistet.
 
DF: Welches jährliche Budget steht Ihnen zur Verfügung und wie verteilt sich diese Summe auf die unterschiedlichen Bereiche?
 
Michael Shackleton: Momentan stehen uns neun Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Davon sind grob geschätzt sieben Millionen (Euro) für das Produzieren und Übersetzen der Programme reserviert, eine (Million) für das Verwalten und Weiterentwickeln der Internet-Seite und eine weitere Million für Marketingzwecke, um Europarl TV noch weiter bekannt zu machen.
 
DF: Herr Shackleton, vielen Dank für das Gespräch. [cg]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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