Die Geschichte des Fernsehens: Eine neue Ära (Teil 2)

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© Auerbach Verlag/Thomas Riegler, Rundfunkmuseum Cham

Man möchte es kaum glauben, dass die Geschichte des Fernsehens fast so alt ist wie die des Radios. Zunächst ging es um die Entwicklung eines brauchbaren Fernsehstandards. Rundfunkbegeisterte konnten von Beginn an mit dabei sein. Teil 2 unserer neuen Serie (Hier geht es zu Teil 1).

Tägliches Programm

Im Herbst 1936 startete das reichsdeutsche Fernsehen mit einem täglichen Programm. Die Sendungen gliederten sich in drei Teile und orientieren sich an den, seit 1934 vorgeschriebenen Ablauf einer Kino-Vorführung. Nach der Wochenschau folgen ein kurzer, belehrender Kulturfilm und anschließend das Unterhaltungsprogramm, wie zum Beispiel ein Spielfilm oder ein Fernsehspiel, das an jedem Abend zweimal live aufgeführt werden musste. Erste Farbfernseh-Versuche wurden von der „Deutschen Reichspost GmbH“ bereits 1937 im Rahmen der Funkausstellung in Berlin gezeigt. Die erzielten Resultate befriedigten aber noch nicht.

Das Zwischenfilmverfahren

Fernsehen befand sich 1936 noch in den Kinderschuhen. Vor allem auch, was die Qualität der elektronischen Kameras anbelangte. Sie kamen mit den enormen Helligkeitsschwankungen im Freien nur bedingt klar. Deshalb entwickelte man in Deutschland das Zwischenfilmverfahren. Bei ihm wurde auf dem Dach eines LKWs eine Plattform installiert, auf der eine übliche Filmkamera, samt Kameramann und Moderator Platz fanden.

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Die Grafik zeigt die Funktionsweise des Zwischenfilmverfahrens bei Liveübertragungen. Es erlaubt, Ereignisse auch mehrmals, quasi als Aufzeichnung, auszustrahlen. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ Discovery Geschichte

Der von der Kamera belichtete Film wurde über einen lichtdichten Kanal ins Wageninnere geleitet, wo er entwickelt, getrocknet und unmittelbar danach durch einem Filmabtaster geführt wurde. Dieser leitete das nun elektronische Signal an den Regiewagen weiter. Mit diesem technischen Trick konnte man fast live senden. Die Verzögerung betrug nur rund 30 bis 90 Sekunden.

Olympia 1936

Die Olympischen Sommerspiele 1936 stellten aus der Sicht der Rundfunktechnik einen Meilenstein dar. Sie waren nicht nur die ersten, die per Radio in alle Welt über leistungsstarke Kurzwellensender übertragen wurden. Sie waren auch die ersten, die live im Fernsehen gezeigt wurden. Neben dem Zwischenfilmwagen standen drei elektronische Kameras unterschiedlicher Typen zur Verfügung. Während der Olympiawochen wurden die Sendezeiten des Fernsehsenders „Paul Nipkow“ auf täglich acht Stunden ausgeweitet, sodass ein Großteil direkt übertragen werden konnte. Während der 16 Tage der Spiele von Berlin verfolgten rund 150 000 Berliner in nun 26 Fernseh-Stuben Sport auf dem Bildschirm.

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Für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin wurden extra drei vollelektronische Kameras entwickelt, mit denen echte Liveübertragungen möglich waren. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ Discovery Geschichte

Einheitsempfänger E1

Im März 1939 strahlte das deutsche Fernsehen mit der Sendung: „Wir spenden Frohsinn – wir spenden Freude“, das erste Wunschkonzert aus. In diesem zunehmend an Beliebtheit gewinnendem Programm traten viele große Stars des Dritten Reichs auf.

Unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde auf der Berliner Funkausstellung der Einheits-Fernsehempfänger E1 der Öffentlichkeit vorgestellt. Er kostet nur 650 Reichsmark und war deutlich günstiger als bisherige TV-Geräte. Der E1 wurde unter der Leitung der Deutschen Reichspost gemeinschaftlich von Telefunken, Loewe, Lorenz, Tekade und der Fernseh AG entwickelt. Für den Großraum Berlin sollten vorläufig 10 000 Stück produziert werden. Auf Grund des Kriegsausbruchs am 1. September wurden nur 50 Geräte hergestellt.

Der E1 war als Tischgerät konzipiert und verfügte über eine neuartige rechteckige Bildröhre mit flachem Bildschirm, der das rund 20 mal 23 Zentimeter große Bild kaum noch verzerrte. Über vier Drehregler ließen sich Helligkeit, Kontrast, Schärfe und Lautstärke regeln. Einen Knopf zur Senderwahl gab es nicht.

Nachbau des Fernseh-Einheitsempfängers E1. Er wurde im August 1939 vorgestellt. Vom originalen E1 wurden nur an die 50 Stück gebaut. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler, Rundfunkmuseum Cham

Der E1 war ab Werk fest auf die Empfangsfrequenz des Berliner Fernsehsenders eingestellt. Da auf absehbare Zeit der Empfang mehrerer Programme nicht geplant war und die für die nächste Zukunft vorgesehenen Sender sehr weit auseinander lagen, könne auf eine Abstimmmöglichkeit verzichtet werden. Tatsächlich sollte mit der Maßnahme wohl auch der Empfang ausländischer TV-Sendungen im eigenen Land unterbunden werden.

Fernsehen im Krieg

Auf Anordnung des Oberkommandos der Wehrmacht wurde in Berlin der Fernsehsender „Paul Nipkow“ am 24. August 1939 stillgelegt. Auf Drängen der Post wurde der TV-Programmbetrieb einen Monat später wieder aufgenommen. Das Medium sollte nun den Soldaten in Lazaretten dienen, in denen auch die meisten Geräte aufgestellt wurden. Die technische Weiterentwicklung des Fernsehens kam in Deutschland kriegsbedingt zum Erliegen. So musste etwa die Deutsche Reichspost die Arbeiten am deutschen Farbfernsehen endgültig einstellen.

Kaum bekannt ist, dass die deutsche Fernsehtechnik während der Kriegsjahre entscheidend weiterentwickelt wurde. Bereits Mitte 1940 führten Techniker der deutschen Fernseh GmbH, kurz FESE, einem Fachpublikum eine komplette Bildübertragungsanlage, von der Kamera über Bildabtaster bis hin zur Bildröhre, und ein aus 1029 Zeilen bestehendes Fernsehbild vor.

Sie erbrachten damit den Beweis, dass bereits vor annähernd 80 Jahren echtes HDTV mit einer Bildqualität, die unserem heutigen HD kaum nachstand, technisch machbar war. Freilich war das erste HD-Bild nur in Schwarzweiß und wurde im damals üblichen Bildformat 5:4 übertragen. TV-Übertragungen wurden mit dem HD nicht vorgenommen. Ob und in welchem Umfang das 1029-Zeilen-System im militärischen Bereich zum Einsatz kam, ist uns nicht bekannt.

Am 26. November 1943 wurde der Berliner Fernsehsender durch Bomben zerstört. Über Breitbandkabel und das Drahtfunk-Netz konnte ein stark reduzierter Programmbetrieb aufrechterhalten werden. Der Termin der endgültige Schließung des Fernsehbetriebs ist nicht überliefert. Einige Quellen nennen den 21. Juni 1944, andere sprechen vom Herbst desselben Jahres.

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Das reichsdeutsche Fernsehen blieb bis etwa Juni 1944 auf Sendung und zeigte primär Unterhaltungs- und Infoprogramme für die Soldaten in Lazaretten. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ Discovery Geschichte

Fernsehsender Paris

Während des Krieges wurde ab 1. Januar 1943 über den Fernsehsender am Pariser Eifelturm ein tägliches Fernsehprogramm in deutscher und französischer Sprache ausgestrahlt. Der reguläre Betrieb wurde am 7. Mai 1943 aufgenommen. Er wurde von den deutschen Besatzern betrieben, die ihn zuvor auf die deutsche 441-Zeilen-Norm umgebaut hatten.

Das Bild kam auf 46 MHz, der Ton auf 43,2 MHz zur Ausstrahlung. Der Bildsender arbeitete mit 30 kW, der Tonsender mit 10 kW. Anfangs bot man ein tägliches Drei- bis Vier-Stunden-Programm. Mit der Zeit wurde die Gesamtsendzeit auf 14 Stunden pro Tag erhöht. Davon waren zehn Stunden reine Tonsendungen. Das Fernseh-Programm des Eifelturm-Senders konnte sogar vom britischen Geheimdienst in London aufgenommen werden. Eine Woche vor der Befreiung von Paris wurde am 16. August 1944 der Fernseh-Betrieb eingestellt.

Mit dem Abzug der Deutschen aus Paris war das Ende des reichsdeutschen Fernsehstandards jedoch nicht besiegelt. Der Sender und das Equipment hatten den Krieg unbeschadet überstanden und wurden am 1. Oktober 1944 wieder vom französischen Fernsehen übernommen. Da in der Region bereits an die 1000 TV-Geräte vorhanden waren, die das „deutsche“ Signal empfangen konnten, verzichtete man, den Sender auf die französische Vorkriegsnorm rückzubauen. Der reguläre Sendebetrieb wurde wieder im Oktober 1945 aufgenommen.

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Der Fernsehsender Paris war seinerzeit der leistungsstärkste der Welt. Während der Besatzungszeit strahlten die Deutschen darüber ein Unterhaltungsprogramm aus. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ Discovery Geschichte

Bis 1950 wurde eine eigene französische TV-Norm mit einer Auflösung von 819 Zeilen entwickelt und parallel zum deutschen 441-Zeilen-Standard ausgestrahlt. Nachdem die Zahl der TV-Geräte für die deutsche Norm auf etwa 10 000 angestiegen war, wurde das französische TV verpflichtet, den deutschen Standard vom Eifelturm bis 1958 parallel weiter auszustrahlen. Was einen enormen Aufwand bedeutete, da jede Sendung parallel mit 441- und 819-Zeilen-Equipment unabhängig voneinander in denselben Studios produziert wurde.

1956 zerstörte ein Brand den 441-Zeilen-Sender. Womit der reichsdeutsche Fernsehstandard zwei Jahre früher als vorgesehen eingestellt wurde. In Deutschland wurde das 441-Zeilen-Fernsehen gerade einmal sieben Jahre genutzt. Zudem befanden sich nur eine Handvoll Geräte im Privatbesitz. In Paris war die Norm immerhin 13 Jahre auf Sendung und es wurden nach dem Krieg mehrere TV-Modelle für die deutsche Norm gebaut.

Im nächsten Teil unserer Reihe „Die Geschichte des Fernsehens“ schauen wir uns an, wie es in den 50er Jahren mit dem bewegten Bild weiterging.

Bildquelle:

  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-1-8: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ Discovery Geschichte
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-1-6: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ Discovery Geschichte
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-1-9: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler, Rundfunkmuseum Cham
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-1-11: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ Discovery Geschichte
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-1-12: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ Discovery Geschichte
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-1-1: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler, Rundfunkmuseum Cham

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