[Blu-ray der Woche] „72 Stunden“: Zwischen Leben und Tod

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Bild: © Auerbach Verlag
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[Falko Theuner]



 
 

 
 


 


 
[Falko Theuner]Unsere Blu-ray der Woche ist Paul Haggis’ dramatisches Remake vom französischen Kult-Thriller „Ohne Schuld“ (2008). Der Thriller hält sich dicht an die Vorlage und legt nur ein, zwei andere Schwerpunkte, wenn es zum Beispiel um die finale Action geht.

Schon Fred Cavayés schnörkelloses Spannungsstück wusste sein Publikum mit authentischen Szenarien und glaubwürdigen Charakteren zu unterhalten. Aber auch in der Neuverfilmung muss sich der Protagonist John Brennan (Russell Crowe) zwischen dem Gesetz und seiner Liebe entscheiden. Er ersinnt einen tollkühnen Rettungsplan, der in seiner Konsequenz so abstrus erscheint, dass er trotz aller Bemühungen um Realismus sprichwörtlich aus einem Hollywood-Film stammen könnte.
 
Als Lara Brennan (Elizabeth Banks) wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wird, versucht John, ihre Unschuld zu beweisen. Die Zeit rennt ihm davon, denn seine zuckerkranke Frau hegt nach drei Jahren der Isolation Selbstmordgedanken, während sich ihr gemeinsamer Sohn immer weiter von seiner Mutter entfremdet. John ist sich sicher: Hier hilft nur noch der entschlossene Weg mit dem Vorschlaghammer – entweder alles oder nichts.
 Die Nebenbuhlerin: Von einer Randnotiz zur intensiven Erscheinung

 
Wer das Original kennt, wird sich vor allem eines fragen: Warum musste dieser Film eigentlich noch einmal mit amerikanischen Schauspielern gedreht werden? Hat denn Vincent Lindon seine darstellerische Aufgabe nicht zur vollen Zufriedenheit des Publikums erfüllt? War denn die Inszenierung nicht schon so realistisch und spannend, dass sich der Zuschauer permanent an den Sessel-Lehnen festkrallen musste?
 
Keine Frage „Pour Elle“, wie der wesentlich treffendere Titel im Französischen lautet, ist so wie er ist perfekt! Dennoch schien der mehrfache Oscar-Preisträger Haggis einen berechtigten Grund zu sehen, eine neue Versionierung zu erstellen, die nicht nur einfach die Handlung in die Vereinigten Staaten holt, sondern darüber hinaus noch einen anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse wirft.
 
Das Original führt mit einer zweiten Frau, die der Protagonist Julien auf einer Parkbank trifft, eine weitere Möglichkeit ein, wie das Problem gelöst werden könnte. Während der Sohn auf dem Spielplatz mit ihrer Tochter spielt, stellt sich für Julien die Frage, ob es nicht das einfachste wäre, mit ebendieser Frau eine neue Familie zu gründen, anstatt seine jetzige Liebe aus ihrer ausweglosen Lage zu befreien.
 
Anstatt diese Figur nur als Randnotiz zu zeichnen, schenkte ihr Haggis in der Neuverfilmung deutlich mehr Aufmerksamkeit.Olivia Wilde („Tron: Legacy“) spielt zwar immer noch eine Nebenbuhlerin par excellence, ihre Figur tritt nun aber häufiger in Erscheinung und scheint auf John einen intensiveren Eindruck zu hinterlassen.Auf der Flucht

 
Die Differenz zwischen den Protagonisten John (Russel Crow) und Julien (Vincent Lindon) hingegen ist verschwindend gering. Beide spielen den gutbürgerlichen, auf die schiefe Bahn geratenden Englisch-Lehrer hervorragend authentisch, expressionistisch, ohne viele Worte, fast ausschließlich durch Gestik und Mimik kommunizierend. Hier und da schwingt Haggis freilich noch mit der Moral-Keule, damit sein „Held“ auch ja nicht als ambivalenter Charakter rüberkommt. Anscheinend brauchen die Hollywood-verwöhnten Zuschauer eindeutige Strukturen und ihre Leitfiguren, da sie sich ansonsten nicht mit dem Mann, der seine Frau vor dem Untergang retten möchte, identifizieren können.
 
Auf gleiche Weise gehört auch ein überdimensioniertes Großaufgebot an Polizei zur US-amerikanischen Glaubwürdigkeit, sobald die Dinge außer Kontrolle geraten. Die europäische Polizei kommt im Originalaufgrund des Überraschungsmoments offenbar nicht so richtig aus dem Knick und jagt den Verdächtigen höchstens mit ein paar Streifenwagen und einem fußbewährten Inspektor hinterher.
 
In Hollywood läuft so etwas anders ab. Zunächst einmal ist das keine Sache von fünf Minuten. So eine Verfolgungsjagd durch Pittsburgh muss in ihrer Intensität wachsen und natürlich auch unbedingt per Auto geführt werden. Von der ersten Sekunde an jagt also eine halbe Armee aus motorisierten und schwer bewaffneten Polizisten hinter den Tätern her. Hubschrauber werden mobilisiert, der Straßenverkehr zum Stillstand gebracht.
 
An dieser Stelle brachte der Drehbuch-Schreiber und Regisseur all jene Erfahrungen ein, die er während seiner schriftstellerischen Arbeit an „007 – Ein Quantum Trost“ oder auch dessen Vorgänger „Casino Royale“ erlangte: Setze den Figuren ein Zeitlimit, von dem ihr gesamtes Schicksal abhängt, und zerstöre dann das Fundament ihres minutiös eingehaltenen Plans. Die erhöhte Zufallskomponente stellt sie vor noch drastischere Entscheidungen und führt zu explosiven Spannungsmomenten.Moralisches Dilemma

 
Um einiges blasser erscheint Liam Neesons („Unknown Identity“) Auftritt, der hier die Rolle eines Ex-Knackies spielt undJohn bei seinem großen Master-Plan helfen soll. Vielleicht ist es sein Image als „A-Team“-Leiter Hannibal, das ihn hier nicht ganz so ernst erscheinen lässt, wie eigentlich intendiert. Seine Dialog-Zeilen folgen zwar dem ursprünglichen Skript, sind aber dennoch ein wenig entschärft worden. Wenn er zum Beispiel über die Natur eines Verbrechers sinniert, untermauert er dessen durchschnittliche Skrupellosigkeit mit einigen nicht ganz so fatalen Beispielen – ein Mord an einem Familienvater kommt für ihn Beispielsweise nicht in Frage.
 
Der dramaturgische Weichspüler ist auch in einigen anderen Szenen zu spüren. So beginnen selbst die Ermittler damit, an die Unschuld von Johns Frau zu glauben, auch wenn sich das kaum auf ihre Arbeit auswirkt.Insgesamt gelingt es Haggis mit der Neuverfilmung zwar nicht, ganze 72 Stunden zu unterhalten, aber dennoch sind die 133 Minuten des Films überraschend kurzweilig. Das mag zum einen an Cavayés extrem guter Drehbuchvorlage liegen, zum anderen aber auch an Paul Haggis’ Gespür für die richtigen Spannungsmomente, die er hier noch weiter ausdehnt.
 
Sollte Ihnen also schon „Das Bourne Ultimatum“ und dessen Vorgänger gefallen haben, erwartet Sie hier die reifere, ruhigere aber nicht minder spannende Variante eines solch glaubhaft, authentischen Thrillers. Bild – Ton – Bonus

 
Das Bild:
 
Trotz vieler dunkler Sequenzen (in den Innenräumen des Gefängnisses der Bar, etc.) lässt sich mühelos jedes Detail erkennen, Kontrast und Schärfe bilden ein gutes Konglomerat für spannend klare Bildkompositionen. Im Gegensatz zum türkis-stichigen Original gibt es mehr warme Farbtöne zu entdecken, die weichen Tiefenunschärfen zum Beispiel während Johns und Laras Unterhaltung in der Strafanstalt sind hingegen als ästhetisches Stilmittel geblieben.
 
Der Sound:
 
Soundtechnisch gestaltet sich der Thriller zunächst ruhiger als seine Genrekollegen. Abgesehen von dem Prolog und dem furiosen Finale sowie einer nüchternen Schießerei mittendrin, bewegt sich der Geräuschpegel im gediegenen Bereich. Aber auch während der Dialoge sind ein paar schöne, wenn auch sehr hintergründige Rundum-Effekte zu entdecken.
 
Bonusmaterial:
 
Sollten Sie auch schon den französischen Originalfilm besitzen, dürfte Sie das Making-of interessieren, in denen direkte Vergleiche gezogen werden. Die erweiterten bzw. gelöschten Szenen zeigen zudem, wo der Regisseur abweichende Schwerpunkte setzen wollte und wie eine alternative Version des Films ausgesehen hätte. AlsRechtfertigungen für die Echtheit der im Film gezeigten Situationen gibt es zudem ein kurzes Tutorial zur Schlagschlüssel-Erstellung sowie zu echten Ausbruchsversuchen, die durch Liebe motiviert waren.DIE WERTUNG

 
FILMINHALT: 7,5 von 10
 
BILDQUALITÄT: 8 von 10
Mit ihren soliden Bild-Parametern steht die Blu-ray klar über dem Durchschnitt. Kontrastreiche Außenaufnahmen kontrastieren die dunkleren Innen-Szenerien.
Kontrast:2,5/3
Schärfe:2/3 
Farbdarstellung:1,5/2
Bildfehler:2/2
 
TONQUALITÄT: 7 von 10
 
Kommentar: Trotz einiger Action-Sequenzen ist die Sounduntermalung des vorrangig stillen Thrillers nur bedingt spannend.
Abmischung:2,5/3
Räumlichkeit:1,5/3
Dynamik:1/2
Soundqualität:2/2
 
TECHNIK: 7,5 von 10
 
BONUSMATERIAL: 5,5 von 10 
 
Fazit: Die US-Version unterscheidet sich nur in wenigen (bedeutenden) Belangen von dem französischen Original und erzeugt deshalb in gleichem Maße atemlose Spannung.
 
INFOS ZUR BLU-RAY
 
Genre: Thriller/ Drama | Originaltitel: The Next Three Days | Land/Jahr:USA, FR/ 2010 |Vertrieb: Kinowelt | Bild: MPEG-4, 2.35:1 | Ton: DTS-HD MA 5.1 |Regie: Paul Haggis| Darsteller: Russel Crowe, Liam Neeson, Elizabeth Banks | Laufzeit: 133 Min. | Wendecover: keine Angaben |Anzahl Discs: 1 | FSK: 16 | Start: 7. Juli 2011
 
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[Falko Theuner]

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