Blu-ray der Woche: „Birdman“ – Wie im Theater!

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Bild: © Auerbach Verlag
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„Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ hat bei der diesjährigen Oscarverleihung vier, der begehrten Trophäen abgeräumt. Ist auch die Blu-ray ein Kandidat für den Academy Award? Finden Sie es heraus, in der aktuellen Ausgabe unserer „Blu-ray der Woche“.

Schlagzeug! Buchstabengewirr! Die Zeichen erscheinen in alphabetischer Reihenfolge. Folgendes bleibt außer dem Titel noch stehen: Amore! Aha, es geht also um die Liebe, verstehe. Nicht um einen Superhelden namens Birdman? Nein! Abstürzender Komet (Schnitt) gestrandete Quallen (Schnitt), ein schwebender Michael Keaton im Schneidersitz in einer staubigen Garderobe, immer noch begleitet von einem unbändigen Schlagzeugspieler, der sich mit dem Zuschauer in einem Raum zu befinden scheint und live auf die Bilder auf der Heimkino-Leinwand reagiert.
 
Eine tiefe, „The Dark Knight“-artige Stimme spricht aus dem Off über den Absturz des einst so prächtigen Superhelden-Darstellers, der hier in Unterhosen vor uns schwebt. 1992 war sein letzter Auftritt – sicher, dass er nicht von Michael Keatons Rolle in „Batman Returns“ spricht? Der Skype-Klingelton ertönt aus dem Hintergrund. Kurzer Streit mit Tochter Sam (Emma Stone). Ein Poster verrät, dass Keatons Rolle in diesem Film Riggan heißt, die rote Lampe deutet auf seinen Bühnenauftritt hin, den er gerade verpasst.
 
Die Kamera folgt dem sich ankleidenden Schauspieler zu einem Tisch, an dem noch weitere Darsteller sitzen und über die Liebe debattieren. Riggan fährt sich über die Stirn – ein Zeichen dafür, dass er nicht nur Darsteller sondern auch unzufriedener Regisseur ist. Riggan blickt kurz nach oben, ist er angenervt von diesem Möchtegern-Darsteller? Eine Bühnenbeleuchtung erschlägt den untalentierten Schauspieler. Der Schlagzeuger spielt einen Tusch. Riggan steht auf und entfernt sich vom Unfallort, ohne eine Mine zu verziehen. Er ist sich sicher: Es war Birdman, der den Strahler fallen ließ. Eigentlich wäre nun der beste Zeitpunkt, den Vorhang fallen zu lassen, aber glücklicherweise handelt es sich nur um eine Probe. Doch wo bleibt der Akzent setzende Schnitt, der im Film von einer zur anderen Szene überleitet?

Er bleibt aus, denn fast im ganzen Film gibt es keinen einzigen wahrnehmbaren Schnitt, außer an wenigen Stellen, am Anfang und am Ende. Die Überleitungen zwischen den einzelnen Szenen erfolgen zum Teil mündlich, indem das Hauptthema der kommenden Szene kommuniziert wird, zum Teil mittels sich bewegender Personen, denen die Kamera folgt, um zur nächsten Kulisse zu schlendern, in der sich bereits andere Darsteller befinden. Es ist fast so, als wohne man einem Bühnenstück im Theater bei.
 
Während die Aufmerksamkeit des Betrachters abgelenkt wird, findet im Hintergrund der rasante Aufbau einer neuen Kulisse statt. Selbstverständlich gibt es Schnitte zwischen diesen ultralang gedrehten Szenen, in denen jedes Wort, jede Bewegung und jeder Einsatz perfekt und fehlerlos sein musste. Die Schnitte geschehen meist unbemerkt. Schaut man allerdings genauer hin, lässt sich z. B. der Übergang von Riggans Bühnenflucht zur Szene, in der er sich den Morgenmantel in der Außentür verklemmt genau dann erkennen, wenn sich Keaton an den Türrahmen lehnt und diese zufällt. Es ist nur eine kleine Zeilenverschiebung, aber sie ist vorhanden.
 
Jeder Take dauerte mehrere Minuten und erforderte unglaublich viele Dialogzeilen, die wiederholt werden mussten. 15 bis 20 Versuche waren keine Seltenheit, bis die Szene im Kasten war. Besonders frustrierend wurde es, wenn sich jemand kurz vorm Ende der Szene verhaspelte oder zu früh ins Bild trat, weshalb alles noch einmal gedreht werden musste. Aber der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu ließ sich von den Schwierigkeiten nicht beeindrucken und motivierte sein Team, den mit 22 Millionen Produktionskosten budgetierten Film in nur 23 Tagen abzudrehen. 

 

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Atemberaubend!

Das Ergebnis ist überwältigend. Obwohl es hier keine echten Superhelden zu sehen gibt, werden sie doch an jeder Ecke zitiert. Spider-Man, Bumblebee, Iron-Man, Superman – sie alle sind irgendwo im Film zu finden als Symbole für die heutige Pop-Kultur. Sowohl Edward Norton, als der junge, talentierte und nicht gerade sehr umgängliche Schauspieler Mike, als auch Michael Keaton spielen sich letztendlich selbst. Beide kennen sich im Superhelden-Genre bestens aus, weshalb der Gedanke ganz witzig ist, dass sich der ehemalige Batman-Darsteller mit dem ehemaligen Hulk- Darsteller prügelt. Und beide sind im Bereich der Comicverfilmungen höchstens als Nebenfigur unterwegs.
 
Was ist Realität und was Fantasie? So genau kann es Riggan offenbar nicht mehr unterscheiden, weshalb die Welten für ihn miteinander verschmelzen. Eigentlich will er nur noch einmal den großen Erfolg von damals spüren und nicht als gealterte Witzfigur abgestempelt werden. Es ist die Liebe, die er sich von seinen Fans erhofft und nicht bekommt. Noch viel mehr stört ihn, dass sein eigenes Stück für Mike umgeschrieben werden soll, denn Mike ist ein „Method-Actor“ der das Echte der Requisite immer vorzieht.
 
Echter Alkohol, der ihn tatsächlich besoffen macht, und echter Sex auf der Bühne sind nur der Anfang seines fast krankhaften Detailwahns. Aber diese Schmach kann Riggan nicht über sich ergehen lassen, denn er ist Birdman – ein fliegender Superheld mit telekinetischen Fähigkeiten. Ob diese tatsächlich echt sind oder nur fantasiert, das kann der Zuschauer am Ende selbst entscheiden. Fakt ist, dass Iñárritus Bestreben, einen schnittlosen Film zu machen, Früchte trägt. Und dabei ist die Idee keineswegs neu.
 
Auch sein guter Freund und Kollege Alfonso Cuaron („Gravity“, „Children Of Men“) hat bereits viel mit der Authentizität langer Szenen gespielt. Aleksandr Sokurov veröffentlichte 2002 den schnittlosen Film „Russian Ark“. Sogar Alfred Hitchcock wusste um den realistischen Effekt dieser Technik und setzte sie in seinem Thriller „Cocktail für eine Leiche“ (1948) um. „Birdman“ beeindruckt aber auch durch seinen dreidimensionalen Sound, bei dem die Umgebungsgeräusche ohne Unterbrechung räumlich gehört werden können. Das Ganze klingt wie eine Audio-Aufnahme, die mit Hilfe eines Kunstkopfes angefertigt wurde. Phänomenal! Ende!
 
 
Den vierfachen Oscar-Gewinner „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ gibt es beim Onlinehändler Amazon derzeit für 14,65 Euro.Die Wertung

 

 

FILMINHALT: 9 von 10


 
TECHNIK: 9,5 von 10
 
BILDQUALITÄT: 9 von 10
 
TONQUALITÄT: 10 von 10
 
Kurzfazit: Iñárritus Film ist wie eine Live-Jazz-Performance: improvisiert, unerwartet und ein reiner, ständig in Bewegung bleibender Gedankenstrom.
 
BONUSMATERIAL: 5,5 von 10


Infos zur Blu-ray


 

Genre: Drama-Komödie | Originaltitel: Birdman: Or (The Unexpected Virtue of Ignorance) | Land/Jahr: US 2014 | Vertrieb: 20th Century Fox Home | Bild: MPEG-4, 1.78:1 | Ton: DTS 5.1 | Regie: Alejandro González Iñárritu | Darsteller: Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton | Laufzeit: 119 min | Wendecover: k.A. | Anzahl Discs: 1 | FSK: ab 12 Jahre | Start: 11. Juni 2015


 
 
 
An dieser Stelle präsentiert Ihnen das BLU-RAY MAGAZIN immer dienstags die „Blu-ray der Woche“, die aus Sicht unserer Redakteure die  interessanteste Veröffentlichung der kommenden Tage darstellt. Zur Blu-ray-Vorstellung der vergangenen Woche „Masters Of Sex – Staffel 2“ geht es hier.

 
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[Falko Theuner]

Bildquelle:

  • Inhalte_Blu-ray_Artikelbild: © Auerbach Verlag
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