Hard Boiled Sweets

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Abgefahrener Thriller

Was ist das Beste an einer Tüte voller Süßigkeiten? Die roten Gummibärchen? Die Lakritz-Bonbons? Oder doch das Schoko-Toffee? Nein, es ist die kunterbunte Mischung der Geschmacksrichtungen. Und natürlich der explosive Zucker-Flash.

Im Zweifelsfall geht es in Gangster-Thrillern immer entweder ums große Geld oder um Drogen … meistens sogar um beides. Doch das spielt eigentlich gar keine Rolle, denn wichtig ist nur der unruhig rotierende Prozess des Besitzerwandels. Schließlich gilt das Prinzip, wer die Ware hat, lebt gefährlich und wenn er sie nicht mehr hat, lebt er noch gefährlicher und muss diese meist in ziemlich krassen Aktionen zurück gewinnen, nur um am Ende hintergangen zu werden. So lauten zumindest die allgemein bekannten Regeln dieses Genres. Fragt sich nun, ob sich die neue britische Geld- und Drogenhatz aus der Feder des Newcomers David Huges auch genau daran hält oder ob wir diesem Film etwas Neues, Unerwartetes abgewinnen können.
 
Die ersten Minuten sind vielversprechend, denn der Film beginnt mit diversen kulturellen Wunschvorstellungen, die der Erzähler gedanklich äußert, da man nur schlecht sprechen kann, wenn der eigene Kopf in eine Toilettenschüssel getaucht ist. Danach folgt der abgefahrene Gangsterfilm-Vorspann sowie die temporeiche Einführung der einzelnen Spiel-Kontrahenten bzw. Charaktere bzw. dem Titel entsprechend Bonbon-Sorten.

Süßes und Saures

Das Süßigkeiten-Konzept ist ausgesprochen funktional. Wenn z. B. Protagonist Johnny (Scot Williams) der Geschmack eines Gletscher-Pfefferminz zugesprochen wird, dann assoziiert der Zuschauer mit ihm sofort einen glasklaren und wachen Verstand, eben ein echtes Original. Auch die Rolle von „Daddy“ Gerry (Adrian Bower) ist sofort deutlich – er ist das süchtig machende Schoko-Zitrus-Bonbon, das besonders auf Frauen wirkt. Über Eddie, den Dauerlutscher („Indiana Jones“-Bösewicht Paul Freeman) müssen sicherlich keine weiteren Worte verloren werden. Und auch die beiden Frauen Porsche (das Zitronen-Brause-Bonbon) und Delta (das Brausekügelchen), dargestellt von Ty Glaser und Laura Greenwood, spielen eine elementare Rolle.
 
Der Grund für ihr Zusammentreffen ist das Geld, das Mafiaboss Jimmy (Peter Wight), der zuvor genannte Toiletten-Erzähler, vom alten Eddie haben möchte. Dieser ist aber eher interessiert an den Fähigkeiten Porsches, die wiederum nur des Geldes wegen in seinem Bett schläft. Und obwohl Johnny nach seinem letzten Knastaufenthalt erst einmal genug von kriminellen Machenschaften hat, wird er dennoch zu einem Clou überredet, der es selbstverständlich auf Jimmys Geld abgesehen hat.

Das gibt Löcher!

Dass die Idee zu diesem Film aus einem Kurzfilm entstanden ist, sieht man ihm spätestens ab der Hälfte der Laufzeit an. Dann nämlich werden die Abläufe zähflüssig wie ein Kaugummi der seinen Geschmack verliert und dennoch weitergekaut wird. Weiter und weiter. Schon in der Kurzversion „A Girl And A Gun“, die im Übrigen auch auf der Disc vertreten ist, spielten Teile der jetzigen Besetzung mit. Ian Hart dürfte vielen noch aus „Harry Potter – und der Stein der Weisen“ in der Rolle des stotternden Professors Quirrell bekannt sein. Hier ist er in einer Nebenrolle zu sehen, während er im Kurzfilm den Hauptpart übernahm. Paul Freeman blieb seiner Rolle als Eddie treu, ebenso dem Konzept des angekündigten Vorgesetzten-Besuchs, dem er nicht gewappnet ist.
 
Zu den inhaltlichen Längen gesellen sich die recht vorsichtigen Ansätze von kreativen Ideen und schockierenden Darstellungen. Im Vergleich zu den ebenfalls oft unausgegorenen, aber dennoch kultigen Guy-Ritchie-Ergüssen wie z. B.: „RocknRolla“, „Snatch – Schweine und Diamanten“ und „Bube Dame König Gras“ fehlt diesem Film ein Tick an Überraschungsmoment, Dynamik und innovativer Kameraarbeit. Das sind eben die Kinderkrankheiten eines Filmerstlings, der einfach noch nicht mutig genug ist, um aus der Masse auszubrechen. Vom technischen Aspekt her bietet die Blu-ray stabile und vorzeigbare Werte. Die gute Schärfe geht nur selten in die Knie, der Schwarzwert ist topp, der Kontrast weit nach oben geschraubt.
 
Am häufigsten dominiert Braun die allgemeine Farbgebung. Nichtsdestotrotz gibt es andersfarbige Einschübe, die dem jeweiligen Bonbon-Geschmack der gezeigten Figuren entsprechen, wie z. B. die frische Türkis-Variante in der Schnellrestaurant-Szene mit Gerry und Delta. Das erkennbare Bildrauschen passt zum harten Gangster-Milieu, trägt aber auch zum matschigen Film-Look bei. Überraschungslos fährt die Sound-Abmischung eine stabile Performance ab, Räumlichkeit gibt es kaum, ebenso wenig eine merkliche Dynamik. An den Stimmen lässt sich eine gewisse Kompression bzw. Verzerrung feststellen. Das über eine Stunde umfassende Bonusmaterial umfasst ein Making-of (33 Min.), gelöschte Szenen (5 Min.), den ursprünglichen Kurzfilm „A Girl And A Gun“ (17 Min.) und das passende Making-of dazu (10 Min.).
(Falko Theuner)

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