Silver Linings

0
71
Anzeige

Lebendiger Film ohne Grenzen und Regeln

Spätestens seit dem Oscar für Jennifer Lawrence ist „Silver Linings“ in aller Munde. Dass dieser Film weit mehr zu bieten hat, als „nur“ eine spektakuläre Hauptdarstellerin, davon können Sie sich in Ihrem Heimkino überzeugen.

Pat Solatano (Bradley Cooper) hat’s nicht leicht: Nach einem achtmonatigen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt landet der knapp 40-jährige Ex-Lehrer wieder im Haus seiner Eltern. Die traumatischen Augenblicke, als er seine Frau in flagranti mit einem Nebenbuhler erwischte (den er anschließend wie von Sinnen krankenhausreif schlug), verfolgen ihn noch immer. Die Zeit in therapeutischer Behandlung hat ihn ansatzweise wieder auf den rechten Weg gebracht – mit positivem Denken, exzessiver körperlicher Betätigung und am allerliebsten ohne jegliche Sinn vernebelnde Medikamente will er sein Leben wieder ganz in den Griff bekommen. Doch noch immer ist seine Exfrau Dreh- und Angelpunkt seiner Gedanken: Wenn er nur ein besserer und endlich wieder geistig gesunder Mensch werden könnte, dann würde sie ihm bestimmt verzeihen und garantiert zu ihm zurückkommen!

Auftritt: Jennifer Lawrence!

Coopers Gegenpart in dieser schwungvollen und schlagfertigen Tragikomödie (und anfangs nur Mittel zum Zweck, um seiner glorifizierten Ehefrau wieder näherzukommen) ist die junge Witwe Tiffany Maxwell (Jennifer Lawrence). Dem kaum zu begreifenden Tod ihres Mannes begegnet sie mit einer krankhaft gesteigerten Intensität ihres Sexualtriebs, nur um bald vor dem kaum noch zu kittenden Scherbenhaufen ihres sogenannten Lebens zu stehen.
 
Die holprige Annäherung zwischen diesen beiden emotional höchst instabilen Charakteren ist ein erzählerisches, inszenatorisches und auch schauspielerisches Sahnestück, aus dem der Film einen Großteil seiner Faszination generiert. Man bekommt es mit zwei völlig aus dem Gleis geratenen Seelen zu tun, die sich zufällig über den Weg laufen, sich anziehen, abstoßen und schließlich – auf seltsame, kaum zu erklärende Weise – sogar heilen.

Bradley Cooper in Bestform

Immer wieder begeisterten uns völlig verblüffende Einwürfe von Bradley Cooper, die nicht nur seine Schauspielkollegen sondern auch den Zuschauer mit heruntergeklappter Kinnlade zurücklassen. Die unverblümte Wahrheit (seine Figur hat jegliche Filter von politischer Korrektheit oder sozialer Konvention verloren) wird hier als einfaches und doch geniales Mittel verwendet, den Menschen sämtliche Masken vom Kopf zu reißen. Der Film ist eine einzige Gratwanderung zwischen dem greifbaren, stellenweise tatsächlich beängstigenden Wahnsinn der Hauptfiguren und einer wahnsinnigen Situationskomik am laufenden Band. Sowohl das Schicksal der Figuren als auch die begeisternden Performances der Schauspieler lassen einen von der ersten Minute an nicht mehr los.
 
Der anfangs leicht befremdlich anmutende Kampf um die treulose Exfrau und die stets genüsslich am Rand von Romantic-Comedy-Klischees vorbeischrammende Storyline um das Paar, das sich zuerst nicht ausstehen kann, am Ende aber natürlich trotzdem kriegt, wird jeweils so augenzwinkernd inszeniert und so kunstvoll ironisch gebrochen, dass an der herausragenden Qualität des Drehbuchs bald keinerlei Zweifel mehr bestehen. Hinzu kommen viele weitere interessante Elemente, die die Geschichte in ganz neue Richtungen erweitern: Zum Beispiel das Tanzen als ideales Ausdrucksmittel für den Zustand der Seele (Pat und Tiffany nehmen als gemeinsames Projekt einen Tanzwettbewerb in Angriff) oder einige hochamüsante Einblicke in die „Religion Football“, der rund um den Schauplatz Philadelphia scheinbar so ziemlich jeder Amerikaner bedingungslos verfallen ist!

Kinolook der alten Schule

Der angedeutete Kino-Look mit seinem überwiegend bräunlich-dezenten Farbraum ist sicherlich Geschmackssache, von natürlicher Farbgestaltung kann man speziell bei den Innenaufnahmen jedenfalls nur noch bedingt reden. Das selbst auf kleineren Bildschirmdiagonalen leicht auszumachende Filmkorn (speziell auf großen einfarbigen Flächen) unterstützt das allgemeine Gefühl, es mit einem ehrlichen und handgemachten Streifen der alten Schule zu tun zu haben – mittlerweile gibt es tatsächlich nicht mehr allzu viele Filmemacher, die beim Dreh keine digitalen Kameras verwenden. Auffällig ist ein besonders starkes 24p-Ruckeln, das bei längeren Kameraschwenks störend ins Auge fällt – hier kann man bei Bedarf mit dezenter Zwischenbildberechnung (je nach vorhandener TV-Hardware) durchaus korrigierend eingreifen.

Synchronisation mit Schwächen

Zumindest ein Diskussionspunkt ist die etwas irreführende Synchronisationsleistung von Tobias Kluckert, dem markanten deutschen Sprecher von Bradley Cooper. Dessen Figur hat im englischen Original eine etwas andere Persönlichkeit, seine Stimme klingt deutlich sicherer und selbstbewusster (trotz seiner offensichtlichen Probleme), er ist einfach viel offensiver von sich selbst und der Richtigkeit seines eingeschlagenen Weges überzeugt. Dass man sich bei Jennifer Lawrence für eine neue Synchronstimme entschieden hat, ist gelinde gesagt unglücklich, zumal man sich in letzter Zeit ja wirklich in so einigen Filmen an Maria Koschny (ihre ursprüngliche Sprecherin) gewöhnen konnte.
 
Zumindest bekommt man einen technisch ausgereiften Mix zu hören, der die Dialoge verlustfrei transportiert, gelegentliche Surround-Tupfer setzt (hier tut sich vor allem der Besuch im Football-Stadion hervor) und alles in allem eine lebendige und ins Geschehen ziehende Soundkulisse kreiert. Leider bietet die Disc ausschließlich Online-Specials, sodass für alle, die ihren Blu-ray-Player ohne Netzanbindung nutzen, in Sachen Extras nichts zu holen ist.
(Tiemo Weisenseel)

Kommentare im Forum