Brendan Fraser oder Hugh Jackman? – Das Oscar-Rennen ist eröffnet

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Brendan Fraser und Hugh Jackman
Fotos: Courtesy of A24/ Filmfestival Venice
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In „The Whale“ und „The Son“ glänzen Brendan Fraser und Hugh Jackman in den Hauptrollen. Diese Woche feierten die beiden Theaterverfilmungen Weltpremiere in Venedig und bewerben sich für die Oscars.

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Hugh Jackman und Brendan Fraser spielen zwei Leidende. Zwei Väter, die ihre Familien im Stich gelassen haben, um ihr eigenes Leben zu leben und nun mit den bitteren Folgen dafür bestraft werden. Während der eine in einer Welt der perfekt sitzenden Anzüge und Designer-Apartments die heile Welt aufrechterhalten möchte, versinkt der andere im Unrat, in körperlichem Horror. Brendan Fraser feiert in „The Whale“ sein großes Comeback und ist nicht wiederzuerkennen.

Der ehemalige Hollywood-Star, den man aus Filmen wie „Die Mumie“ kannte, spielt in „The Whale“ einen verwahrlosten Mann, der sich zu Tode frisst. Mehrere hundert Kilo bringt er auf die Waage, sitzt die meiste Zeit nur noch regungslos auf der Coach, unfähig seinen Alltag zu bewältigen. Ein überdimensionierter Körper im Zerfall. Fraser kann beeindruckend mit seinen traurigen Augen spielen. Was bleibt ihm auch sonst übrig? Viel mehr ist ohnehin nicht möglich, denn da ist ja mehr Attrappe als Mensch zu sehen. In Unmengen an Gummi und Make-Up ist der Schauspieler versteckt. Eine Ganzkörpermaskerade aus künstlichem Fett.

Umjubeltes Comeback für Brendan Fraser

Tatsächlich sind jene Spielmomente in diesem Film am spannendsten, in denen Brendan Fraser sich einmal durch seine heruntergekommene Wohnung bewegen muss. Wenn er die eigene Wucht durch die Gänge schleppt, mit dem künstlichen Körper interagieren muss. Bei den Filmfestspielen Venedig wurde Fraser dafür bejubelt, sowohl in der Pressevorführung als auch in der öffentlichen Weltpremiere, die dem sichtlich gerührten Darsteller ausgiebige stehende Ovationen bescherte. Von Frasers eindringlicher, aber auch etwas grotesker Performance lebt natürlich „The Whale“, der sich ansonsten als recht unspektakuläres Kammerspiel über eine dysfunktionale Familie entpuppt. Frasers Figur hat einst seine Frau und Tochter verlassen, um seine Homosexualität auszuleben. Nun versucht er verzweifelt, sich mit seiner mürrischen Tochter (ebenfalls stark: Sadie Sink) auszusöhnen.

Darren Aronofsky hat Regie geführt, der Filme wie „Black Swan“ oder „The Wrestler“ inszeniert hat. Man weiß spätestens in dem pathetisch-sülzigen Finale, dass man in einem Aronofsky-Film sitzt. Das ist ein Regisseur, der gerne religiöse Dimensionen sucht. Das bedeutet hier: sein Familiendrama in überzogenem Heiligenkitsch zu ertränken, inklusive gleißendem Licht und fließenden Tränen. Es ist die Verklärung eines Gescheiterten. Ein finaler Gefühlsrausch versucht die Behäbigkeit zu vertuschen, mit der „The Whale“ zuvor altbekannte Zutaten abgrast, um etwas über Selbsthass und ein Verzweifeln an der Welt zu erzählen.

„The Son“ zeigt den Kampf gegen Depressionen

Ähnliches ist in „The Son“ zu erleben, der seine familiären Zerwürfnisse ebenfalls auf einen gefühligen Überwältigungseffekt zusteuern lässt. Beide Filme basieren auf Theaterstücken. Mit „The Son“ hat Regisseur Florian Zeller sogar sein eigenes Stück verfilmt. Er knüpft damit an sein Demenzdrama „The Father“ an, das Anthony Hopkins einen Oscar bescherte. Hugh Jackman könnte in seine Fußstapfen treten. Er mimt in Zellers neuem Film einen Vater, der sich für eine neue Geliebte aus dem Staub gemacht hat. Der titelgebende Sohn leidet nun unter schweren Depressionen. Florian Zeller zeigt den Kampf einer kaputten Familie, dem Sprössling irgendwie zu helfen, ohne gegen die Krankheit ankommen zu können. Immer wieder stürzen Anklänge einer Besserung in neue Abgründe. Letztendlich ist es die konsequente Absage an die vermeintlich heilende Kraft der Kernfamilie, die „The Son“ zeigt.

Florian Zeller erzählt diese bittere Konsequenz dabei genau so klischeehaft, aber wesentlich galanter als „The Whale“. Er weiß, wie er sein Ensemble strahlen lassen kann, nicht nur Hugh Jackman, der neben Brendan Fraser nun folgerichtig als nächster Oscar-Anwärter gehandelt wird. Zugleich ist auch hier vieles zu mechanisch, zu altbacken und berechenbar, um einen sonderlich erinnerungswürdigen Film auf die Beine zu stellen. „The Whale“ und „The Son“ berühren als Bühnenbereiter für künftige Schauspielpreisträger. Untröstliche, tränenziehende Werke sind das. Im selben Moment wecken sie vor allem eine Hoffnung, Hollywood möge doch eines Tages herausfinden, dass es noch mehr gibt als das ewig gleiche, schnöde dramatische Sprechtheater, das man gern verfilmt und dem Publikum jedes Jahr zur Oscar-Saison vorsetzt. Sie muss doch irgendwann erschöpft sein, diese Fundgrube an streitenden, schluchzenden Familien in ihren engen Wohnungen.

„The Whale“ und „The Son“ feierten ihre Weltpremiere im Wettbewerb der 79. Internationalen Filmfestspiele von Venedig. „The Son“ wird am 2. März 2023 regulär in den Kinos starten. Ein Termin für „The Whale“ steht derzeit noch nicht fest.

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