Anthony Hopkins‘ große Oscar-Rolle: „The Father“ jetzt im Kino

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Für seine Darstellung eines demenzkranken älteren Mannes in „The Father“ gewann Hollywood-Legende Anthony Hopkins seinen zweiten Oscar. Ab dieser Woche läuft das Drama auch in den deutschen Kinos.

Die ersten Einstellungen von „The Father“ sind trügerisch. Zu Opernklängen läuft Olivia Colman durch Londons Straßen. Sie ist auf dem Weg in die ebenso noble wie beklemmende Wohnung ihres dementen Vaters (Anthony Hopkins). Als sie dort ankommt, folgt der erste von vielen Kippmomenten. Die Reise von außen nach innen wurde längst vollzogen. Die Opernmusik im Hintergrund stoppt in dem Moment, in dem Anthony Hopkins seine Kopfhörer absetzt. In Wirklichkeit sind wir längst in seinem verwirrten Geist gefangen, den „The Father“ im Zuge seiner anderthalb Stunden Laufzeit nur selten verlässt.

Die wenigen Ausbrüche, die das Drama vornimmt, kann man durchaus als inkonsequent bezeichnen. Und doch sind sie für die Erzählung notwendig, davon abgesehen, dass Regisseur Florian Zeller galante Übergänge bei diesen Perspektivverschiebungen gelingen. Sie wechseln vom Schicksal des Vaters, der seinen Verstand verliert, zur Tochter, die sich um ihn kümmern muss. „The Father“ begleitet ihren Kraftakt, den Zwiespalt, eine fürsorgliche Tochter zu sein, aber gleichzeitig ihr eigenes Leben weiterzuführen, während ihr Vater im hohen Alter immer mehr auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Anthony Hopkins besser denn je

„The Father“ ist dabei umwerfend gut gespielt. Anthony Hopkins liefert eine der besten Darbietungen seiner langen Karriere ab. Er spielt die Stimmungsschwankungen dieses dementen älteren Herrn vom Jähzorn über Hilflosigkeit bis zum tränenreichen Gefühlsausbruch mit einer ungeheuren Intensität. Wenig erstaunlich, dass die Academy ihm den Oscar dafür verliehen hat. Unter den nominierten Darstellern zeigt Hopkins in „The Father“ zweifellos die größte Bandbreite. Aber auch Olivia Colman ist diesem Ausnahmetalent durchweg gewachsen. Auch wenn ihre Figur passiver, stiller bleibt, nur vereinzelt direkt in den Vordergrund tritt, ist das eine nicht minder beeindruckende Leistung, von der diese Theaterverfilmung lebt.

Florian Zeller hat mit „The Father“ sein eigenes Stück für die Leinwand adaptiert. Rund um seine Thematik der Pflege Angehöriger ist das vor allem ein Theaterstück der Wahrnehmung. „The Father“ versucht, die demente Weltsicht erfahrbar zu machen. Da gibt es kaum noch Anhaltspunkte, Vergangenes verschwimmt mit Gegenwärtigem. Räume verwandeln sich plötzlich, Figuren tauchen wenige Minuten später auf einmal mit anderen Gesichtern wieder auf, jegliche Zeitwahrnehmung hat sich in Luft aufgelöst.

Zugegeben, „The Father“ ruht sich etwas auf diesem Kniff aus. So intensiv wie in den ersten Minuten des Films wird das alles ohnehin im späteren Verlauf nicht mehr. Da tritt Zellers Familiendrama immer wieder auf der Stelle, zu früh ist der zentrale Konflikt ausgebreitet. Der Rest ist jede Menge Grübeln und (Mit)Leiden auch wenn es Zeller gekonnt schafft, allzu großen Gefühlskitsch zu umgehen. Er findet jederzeit die richtigen Töne, um ein gesundes Maß an Nüchternheit zu wahren, trotz aller Tragik.

Von der Bühne in den Kinosaal

Die gefeierte Theatervorlage von Zeller aus dem Jahr 2012 eröffnet durchaus spannende inszenatorische Ansätze. In Deutschland konnte man das Stück etwa jüngst am Schauspiel Leipzig unter der Regie von Tilo Krügel sehen. Dort hat man die Grenze zwischen Spiel- und Zuschauerraum aufgehoben. Alles um einen herum befindet sich in der Verwandlung, das Theater bietet da natürlich noch einmal ganz andere Möglichkeiten der Immersion. Umso interessanter war, welche Übersetzungen Zeller nun für die Filmadaption finden würde.

Viele Tricks sind geblieben. Dennoch offenbart sich hier eine Schwachstelle des Films, der vielleicht seine Bühnenherkunft noch zu wenig verleugnet. Für ein Werk, das aus einem unzuverlässigen Gedächtnis heraus erzählt ist, erscheint das am Ende doch noch zu distanziert. Zu oft bleibt die Kamera außen- und stillstehende Beobachterin eines glattpolierten Kammerspiels, in dem vor allem jede Menge Dialoge aufgesagt werden. Was Zellers Verfilmung indes für sich in diesem Medienwechsel entdeckt, ist vor allem das Lesen in Gesichtern. Immer wieder verengt sich das Blickfeld auf die Mienen aller Beteiligten und erkundet, was dort arbeitet und schmerzt. In der Tat: Man versteht es sofort.

The Father“ läuft ab dem 26. August 2021 in den deutschen Kinos.

Bildquelle:

  • thefather: TOBIS FILM GmbH

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