IMAX in bester Qualität erleben

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IMAX Enhanced Logo
©IMAX

Nur wenige Kinosäle in Deutschland sind nach IMAX-Qualitätsstandards zertifiziert. Im Heimkino-Bereich wird man hingegen bei den Streaming-Plattformen Sony Bravia Core und Disney+ immer häufiger mit dem IMAX-Enhanced-Logo konfrontiert. Was steckt hinter der IMAX-Qualität im Kinosaal und im Wohnzimmer?

Regisseur Christopher Nolan sorgte jüngst mit seinem Film „Oppenheimer“ für Furore. Als ein Verfechter des klassischen Kinos filmt Nolan den Großteil seiner Projekte auf 70-mm-Analogfilm und verzichtet dabei meist auf den Einsatz von Computer-Effekten. Während in seinen Filmen wie „The Dark Knight“ oder „The Dark Knight Rises“ nur ausgewählte Szenen in IMAX-Qualität gefilmt wurden, zeigten seine letzten Werke wie „Interstellar“, „Dunkirk“ und „Tenet“ zahlreiche beeindruckende IMAX-­Sequenzen.

Das Problem: IMAX-Filmkameras sind vergleichsweise unhandlich, laut und die Aufzeichnung auf 70-mm-Analogfilm lässt die Kosten sekündlich in die Höhe schnellen. Deshalb finden sich in vielen Nolan-Filmen zahlreiche Sequenzen, die in klassischer 35-mm-Filmnegativ-Qualität aufgezeichnet wurden, weshalb die Bildqualität in seinen Werken häufig schwankt. Die in 35-mm-Filmqualität produzierten Szenen stechen innerhalb der 70-mm-IMAX-Sequenzen oftmals negativ hervor.

Cillian Murphy in "Oppenheimer"
Foto: Universal Pictures. All Rights Reserved. – Christopher Nolan hat „Oppenheimer“ vollständig im IMAX-Format gedreht

„Oppenheimer“ setzte nun einen neuen Benchmark. Der Film wurde vollständig im IMAX-Format und damit in bestmöglicher Bildqualität gedreht. Nicht zuletzt Kameramann Hoyte van Hoytema fordert die Zusammenarbeit mit Nolan alles ab: Zahlreiche Kameraobjektive müssen neu für die unhandlichen IMAX-Kameras entworfen werden, um die Darsteller auch aus nächster Nähe filmen zu können. Der Wechsel zu vereinzelten Schwarz-Weiß-Sequenzen im Film „Oppenheimer“ ist zugleich eine echte IMAX-Premiere, denn entsprechender Schwarz-Weiß-Film existierte in diesem Format bislang nicht.

Warum IMAX-Analogfilm?

Was im Zeitalter digitaler 6K- und 8K-Kino-Kameras wie ein technologischer Rückschritt anmutet, bleibt nach wie vor die Königsklasse der Kino-Unterhaltung: IMAX-Filmkameras mit 70-mm-Analogfilm ermöglichen eine Bildauflösung, die den 8K-Standard (theoretisch) um das Vierfache übertrifft und am ehesten mit einem noch nicht verfügbaren 16K-Digitalstandard zu vergleichen ist. Die Bildqualität der Aufnahmen ist so gut, dass das Bilderlebnis an hochwertige 100-Megapixel-Fotoaufnahmen heranreicht.

Dank der immensen Auflösungsqualität lassen sich Leinwände in gigantischen Ausmaßen bespielen und die Zuschauer sitzen in einem IMAX-Kino selbst in den hinteren Sitzreihen vergleichsweise nah an der Leinwand. Die Kinositze sind steil hintereinander platziert und die Leinwand im 1.43:1-Format wird ähnlich hoch wie breit wahrgenommen. Dadurch ist es möglich, vollständig in einen Kinofilm einzutauchen, ohne die Randbereiche des Bildes störend wahrzunehmen. Zugleich füllt die Leinwand das gesamte vertikale Blickfeld aus. Das kann atemberaubende, schwindelerregende Momenten erzeugen. Das richtige IMAX-Erlebnis lässt sich am ehesten mit einer VR-Erfahrung vergleichen, nur eben ohne Brille innerhalb einer gigantischen Kino-Projektion.

IMAX-70-mm-Film nicht in Deutschland

Eine analoge 70-mm-IMAX-Film-Projektion des Films „Oppenheimer“ ließ sich vor allem in ausgewählten Kinos in den USA bestaunen. Dagegen erfüllt in Deutschland kein einziger Kinosaal die Qualitätskriterien. Wer den Weg nach Prag oder London auf sich nehmen möchte, findet zumindest dort eine klassische IMAX-Film-70-mm-Projektion. Der Grund, weshalb sich Kinos hierzulande dem verweigern, ist die problematische Wirtschaftlichkeit.

In Zahlen ausgedrückt: Ein Film wie „Oppenheimer“ verschlingt ca. 15 Kilometer (!) Analogband und eine Filmkopie bringt mehr als 250 Kilogramm auf die Waage. Mehrere Personen benötigen Stunden, um die Filmrolle für eine einzige Vorstellung vorzubereiten und das Projektions-System einzurichten. Die Projektoren für eine IMAX-Analogprojektion sind riesig. Die mechanischen Betriebsgeräusche sind sogar im Kinosaal hörbar. Die Bildqualität ist aufgrund der mechanischen Gegebenheiten einer Analogband-Projektion trotz aller Superlative nicht perfekt.

IMAX Filmformate bei Christopher Nolan
©Auerbach Verlag und Infodienste GmbH – Auf der IMAX-Website werden zwar zahlreiche Kinofilme mit IMAX-Qualität beworben, doch die Mehrzahl der Produktionen setzt auf digitale Filmkameras von Arri und Sony. Das originale 15/70-mm-Analogfilmformat der IMAX-Kameras war jüngst im Kino nur in „Oppenheimer“ zu bestaunen.

Sind sämtliche Hürden einer echten IMAX-70-mm-Filmprojektion genommen, muss man vor Filmemachern wie Christopher Nolan dennoch den Hut ziehen. Die Farb- und Kontrast-Charakteristik von Analogfilm mitsamt der gigantischen Auflösungsreserven erzeugen ein äußerst organisches Film-Erlebnis. Digitale Projektionen präsentieren zwar ein technisch gesehen fehlerfreieres Bild. Die Magie einer Analogfilmprojektion bleibt aber ungeschlagen.

Digitale IMAX-Kinos

Die in Deutschland verfügbaren IMAX-Kinos, von denen es generell nur wenige Vertreter gibt, haben sich für eine pragmatischere Lösung entschieden: Eine Digitalprojektion, die meist ein 1.9:1 Bildseitenverhältnis aufweist. Dadurch ähneln die Kinosäle einem klassischen Aufbau mit größerer Leinwand. Digitalprojektoren bieten eine exzellente Bildqualität: Die Laser-DLP-Technologie wurde so stark optimiert, dass sich extreme Bild­-Kontraste, satte Farben und Schwarzwerte umsetzen lassen. So wirken die riesigen IMAX-Bilder ähnlich plastisch wie die Darstellung mit einem OLED-Fernseher.

Auch beim Sound wird echtes Gefühlskino geboten. Das Lautsprechersystem erzeugt verzerrungsfrei derart hohe Pegel, dass jede Action-Sequenz durch Mark und Bein geht. Eine digitale IMAX-Projektion erreicht zwar „nur“ noch eine 4K-Bildqualität, ist einer gängigen Kino-Projektion aber dennoch deutlich überlegen. Und wer es bis nach Karlsruhe oder Sinsheim schafft, kann in den dortigen IMAX-Kinos sogar das 1.43:1-IMAX-Format mit digitaler Laser-Projektion bestaunen.

Einen Weltrekord der besonderen Art erleben Sie in der Nähe von Stuttgart: Im IMAX-Kino in Leonberg wurde eine gigantische 39 × 21 Meter große Leinwand installiert. So hat es dieser IMAX-Kinosaal bis ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Ebenfalls in handverlesenen Kinosälen in Deutschland zu sehen: Eine klassische 70-mm-Analogprojektion mit Filmnegativen mit 5 Perforationen – nicht zu verwechseln mit einer IMAX-70-mm-Projektion, bei denen die Filmnegative 15 Perforationen aufweisen.

Zu den Nicht-IMAX-Kinos gehören die Lichtburg in Essen, das Savoy in Hamburg und die Schauburg in Karlsruhe. Hier bekommen Sie das Flair einer Analogfilmprojektion, allerdings werden Sie trotz 70-mm-Analogfilm keinen Verweis auf IMAX zu sehen bekommen, da ein Bildbeschnitt im Vergleich zur IMAX-Variante stattfindet. Häufig findet sich deshalb die Kennzeichnung 5/70 mm für Filmnegative mit fünf Perforationen und 15/70 mm für Filmnegative nach IMAX-Standard mit 15 Perforationen.

Digitale Kopie

Der Grund, weshalb sich Regisseure wie Christopher Nolan (noch) weigern, auf Digital-Kkameras umzusteigen, ist schnell erklärt: Es gibt bis heute keine exakte Reproduktionsmöglichkeit eines 70-mm-IMAX-Analogfilms mit einer digitalen Filmkamera. Zwar laufen hinter den Kulissen zahlreiche Versuche, mit einem XXL-Digitalsensor die Möglichkeiten einer analogen IMAX-Kamera praktisch 1:1 zu simulieren. Doch um eine 70-mm-IMAX-Analogfilm-Projektion komplett digital nachzubilden, wären nicht minder gigantische Investitionen nötig.

Allein der Sensor von aktuellen digitalen Filmkameras müsste knapp die doppelte Fläche aufweisen, um mit einer 70-mm-IMAX-Aufnahme konkurrieren zu können. Die benötigten Kamera-Objektive wären vergleichsweise unhandlich und schwer. Sämtliche digitalen Daten müssten im RAW-Formt verlustfrei gespeichert werden. Im Falle einer digitalen Nachbildung einer analogen 70-mm-IMAX-Filmaufnahme bedeutet das, dass ca. 5 Gigabyte an Daten pro Sekunde (!) gespeichert werden. Ein paar Minuten Film in IMAX-Qualität würden damit eine komplette UHD-Blu-ray-Disc füllen.

Allerdings ist bei solchen Superlativen viel Theorie im Spiel. Denn obwohl ein 70-mm-IMAX-Filmnegativ mit einer Digital-Auflösung von 18K verglichen wird, ist die tatsächliche Qualität in der Praxis häufig geringer. Jedes analoge Filmband-Aufnahmemedium setzt durch Eigenpartikel und Einschränkungen bei der Bild-Belichtung physikalische Limits. Kameraobjektive können die Aufnahme-Qualität weiter einschränken. Zudem wird bei einer Nachbearbeitung der Bilder, die digital erfolgt, meist ein Scan in 8K-Qualität durchgeführt.

Deshalb verwundert es nicht, dass die meisten Filmemacher nicht im originalen 70-mm-IMAX-Filmbandformat aufzeichnen, sondern die Filmaufnahmen mit deutlich praktischeren Digital-Kameras durchführen. Nur die wenigsten IMAX-Filmproduktionen sind mit 70-mm-Analogfilm produziert. Stattdessen werden nahezu alle aktuellen IMAX-Filme über Digital-Kameras wie die Arri Alexa 65 oder die Sony Venice aufgezeichnet. Mit diesen digitalen Filmkameras wird eine Bildqualität nach hochwertigen 6K- und 8K-Standards erzielt.

IMAX Enhanced im Wohnzimmer

Sony Bravia Core mit IMAX Enhanced
©Auerbach Verlag und Infodienste GmbH – IMAX-Enhanced-Inhalte lassen sich über Disney+ oder wie in diesem Fall dargestellt über Sonys Bravia-Core-Streaming genießen – im letzteren Fall wird ein aktueller Sony-Fernseher benötigt.

IMAX Enhanced ist nicht zu verwechseln mit der IMAX-Kinotechnik. Für die Kinosäle ist die IMAX Corporation verantwortlich. Dagegen wird der IMAX Enhanced Standard für das Wohnzimmer vor allem durch den Technologie-Anbieter Xperi vorangetrieben. Dieser sorgte 2016 durch die Übernahme der DTS-Marke für Schlagzeilen, denn im Heimbereich spielte DTS im Vergleich zum großen Konkurrenten Dolby kaum noch eine tragende Rolle.

IMAX Enhanced ist der Versuch, das Qualitätsgefühl einer echten IMAX-Präsentation im Wohnzimmer zu vermitteln. Die Verbreitung des DTS- und DTS:X-Audiostandards steht für Xperi dabei im Mittelpunkt. Über die Streaming-Anbieter Disney+ und Sony Bravia Core können Sie Filme in IMAX Enhanced Qualität erleben. Besondere Geräte benötigen Sie im Falle von Disney+ nicht. Obwohl Fernseher und AV-Systeme mittlerweile ein IMAX-Enhanced-Logo aufweisen können, lassen sich IMAX-Enhanced-Inhalte auch über Geräte ohne entsprechende Zertifizierung abspielen.

Sonys Bravia-Core-Streaming wird aktuell ausschließlich von kompatiblen Sony-Fernsehern unterstützt. Der zugrundeliegende DTS-Mehrkanal-Audiostream erfordert kompatible DTS-fähige Endgeräte, wobei Sonys eigene Fernseher den DTS-Standard wiedergeben können. Über ­Disney+ wird aktuell noch das Dolby-Audioformat ausgegeben. Doch in naher Zukunft könnte auch hier ein Wechsel auf DTS bevorstehen, wenn IMAX-Enhanced-Inhalte gestreamt werden. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass neuste TV-Modelle mit IMAX-Enhanced-Kennzeichnung zu DTS-Audiosignalen kompatibel ausfallen, während der Audio-Standard bei Geräten ohne IMAX-Enhanced-Zertifizierung (meist) nicht unterstützt wird.

IMAX im Stream oder mittels physischen Datenträgern

Besonders bei der Ton-Dynamik spielen Filme im DTS-Format ihre Stärken aus. Während andere Ton-Formate häufig eine starke Dynamik-Komprimierung aufweisen, erschallen IMAX-Enhanced- bzw. DTS-Inhalte meist wuchtiger. Auch bei der Bildqualität sind Unterschiede erkennbar. Die IMAX-Enhanced-Variante zeigt mehr Bildinhalt und weist nicht selten eine Nachbearbeitung auf. So können Rauschmuster dezenter erscheinen und sogar leichte Farbtemperatur- und Kontrastunterschiede sind nicht auszuschließen, wenn beispielsweise Filme von Sony Pictures auf UHD-Blu-ray (ohne IMAX Enhanced) und im Bravia-Core-­Stream (mit IMAX Enhanced) miteinander verglichen werden.

Bei den Datenraten bleibt Sonys Bravia-Core-Streaming qualitativ aktuell ungeschlagen. Sie können Filminhalte mit 80 Mbit/s genießen, während andere Streaming-Anbieter meist nur zwischen 15 und 40 Mbit/s bei 4K-HDR-Inhalten erreichen. Gut möglich, dass in den nächsten Jahren noch weitere Streaming-Anbieter auf den Premium-Schachzug von IMAX aufspringen und Inhalte in optimierter Bild- und Tonqualität bei höheren Datenraten zur Verfügung stellen. Eine IMAX-Enhanced-Qualitätsoffensive wäre zugleich ein Kaufargument für angepasste 4K-UHD-Blu-ray-Discs. Doch Xperi scheint hier vorrangig mit Streaming-Anbietern und nicht mit physischen Datenträgern zu liebäugeln.

Apropos Datenträger: Obwohl die 4K-UHD-Blu-ray-Discs der jüngsten Filme von Christopher Nolan kein IMAX-Logo aufweisen, können Sie Werke wie „The Dark Knight“, „The Dark Knight Rises“, „Interstellar“, „Dunkirk“ und „Tenet“ dennoch in IMAX-ähnlicher Qualität genießen inklusive eines größeren Bildausschnitts innerhalb vieler Filmszenen. Das 4:3-Bildseitenverhältnis ist wiederum im Superhelden-Film „Zack Snyder‘s Justice League“ zu bewundern, wenngleich dadurch die Randbereiche von 16:9-Bildschirmen schwarz bleiben.

IMAX-Genuss

Aufgrund der geringen Anzahl an IMAX-­Kinosälen in Deutschland ist die IMAX-Marke hierzulande noch weitgehend unbekannt. Doch das Thema IMAX schein in letzter Zeit immer stärker Fahrt aufzunehmen. Am wichtigsten ist ein stetiger Nachschub an hochwertig produzierten Film-Iinhalten im IMAX-Format. Regisseure wie Christopher Nolan scheuen keine Kosten und Mühen, um Filme im IMAX-Format zu erstellen. Warum sich also als Kino-Zuschauer mit weniger zufriedengeben? Auf ins nächste IMAX-Kino!

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