„Seneca“: Absurdes Gewalt-Spektakel mit John Malkovich

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Foto: Filmgalerie 451

Das alte Rom, wie man es noch nicht gesehen hat: Hollywood-Star John Malkovich spielt den Philosophen Seneca in einem furiosen filmischen Exzess.

Ein paar Mauern ohne Dach stehen noch da. Säulen, die nichts mehr tragen, zersplitterte Böden, die keinen Halt mehr bieten. Das römische Reich existiert schon längst nicht mehr, da bleibt nur noch eine verfremdete Kulisse. Robert Schwentke inszeniert auf Theaterbühnen. Mal sind nur noch die Konturen und Bruchstücke von Räumen zu erahnen, mal stehen brutalistische Bauten mitten im kargen, öden Land. Menschen laufen in bunten Maskeraden und klimpernden und klappernden Kostümen auf, um Edelleute, Kaiser, Sklaven, Soldaten, Denker, Schauspieler zu spielen.

Schwentke hatte schon in seinem preisgekrönten Weltkriegsfilm „Der Hauptmann“ davon erzählt, wie leicht es sich mit dem Bösen verbündet. Wie unbeholfen man durch die Tyrannei stapfen kann und immer mehr Blut auf die eigene Weste spritzen lässt. Und schon in diesem Film reicherte der Regisseur historischen Naturalismus mit dem Absurden und Groteskem, dem künstlich und künstlerisch Überhöhten an. In „Seneca“ dreht er nun völlig frei. Allein John Malkovich in der Haupt- und Titelrolle kann dieses überkandidelte Zerrbild eines Historienschinkens noch erden. Er redet und redet, spielt sich regelrecht um den Verstand und nie wollen die Worte versiegen. Die letzten Stunden Senecas erscheinen hier als verblüffender Wahnsinnstrip.

John Malkovich als Seneca
Seneca fällt in Ungnade Foto: Filmgalerie 451

„Seneca“ erzählt vom spektakulären Tod des Philosophen

So leicht stirbt es sich nämlich nicht! Selbst im gut halbstündig dauernden Tod sabbelt er noch, was das Zeug hält, um sein Vermächtnis in der Welt zu zementieren. „Über die Geburt von Erdbeben“, lautet der Untertitel dieses Werks. Es geht um das Erschüttern der Welt, das Rütteln an den Grundfesten eines tyrannischen Systems. Kaiser Nero, einst der Ziehsohn Senecas, frönt der Ausschweifung, feiert Orgien. Robert Schwentke inszeniert ihn mit Sonnenbrille oder Gitarre: quasi ein Rockstar, der sich an der Welt versündigt. Jetzt will der Kaiser alias „der Präsident“ den Philosophen Seneca aus dem Weg räumen. Ein Vorwand muss her, um den Lehrer und Provokateur zum Schweigen zu bringen. Seneca selbst will dieses Todesurteil nutzen, um gemeinsam mit seiner Geliebten (Lilith Stangenberg) den ultimativen Abgang zu inszenieren. Blut sprudelt nur so aus tiefen Schnitten, die sich in nahen Aufnahmen öffnen. Nur läuft es nicht so, wie es sich das Genie vorgestellt hat.

Was ist das nur für ein abgefahrener Film? Was für ein Rausch und Taumel mit umherhastender Kamera! Man hat schon lange nicht erleben können, dass ein deutscher Regisseur etwas so Absonderliches auf die Leinwand bringt. „Seneca“ ist eigentlich ein Zuschauerschreck sondergleichen. Ein Film, wie man ihn sich nicht so einfach erlauben kann, wenn man an großem Publikum interessiert ist. Sehen sollte man ihn unbedingt! Seneca, der große Spektakel-Künstler, bekommt einen Film spendiert, der dem Ruf dieser historisch inakkurat gezeichneten Figur gebührt.

Senecas Horror-Theater Foto: Filmgalerie 451

Bloß nichts Politisches!

Für die Reichen inszeniert Seneca Horrortheater mit geopferten Kindern, dämonischen Maskenfiguren. Eine Sonnenfinsternis am Himmel sorgt für den letzten Schuss Unbehagen. Bloß nichts Politisches, wünscht sich eine Frau im Publikum. Das sind natürlich polemische Spiegeleffekte, mit denen Robert Schwentke ein hin und wieder etwas albern didaktisch anmutendes Werk kreiert. Seine Kritik an dekadentem Verhalten und einer Obrigkeit, die lieber die Füße stillhält, anstatt gegen die Knechter der Unterdrückten zu Felde zu ziehen, drischt mit dem Vorschlaghammer auf das Publikum ein.

Und doch erzählt „Seneca“ komplizierter, uneindeutiger, vielleicht auch konfuser, als diese Rahmung zunächst den Anschein erweckt. Denn das ist auch ein Film über die Kunst des Inszenierens an sich. Welches Urteil, welche Polemik und Belehrung kann sich jemand wie Seneca eigentlich erlauben, der selbst von dem System profitiert, das er anprangert? Wer im Glashaus sitzt, man kennt den Spruch. Alles eine Doppelmoral also? Für die Kunst – und Seneca ist hier zweifelsohne Künstler – lässt sich die Frage leicht beantworten: Natürlich kann, darf und soll eine solche Person in gehobenem Stand Kritik üben. Sie besitzt schließlich überhaupt das Kapital, um etwas bewegen, etwas zu Gehör bringen zu können.

Maßt sich Seneca zu viel an?

Aber wie weit kann jemand gehen, der diesen Prozess nicht durchlaufen kann, ohne zugleich sein Image, seine eigene Marke, wenn man so will, eigennützig auszuschlachten? Welcher Teil der Künstlerpersona muss also sterben, welcher darf unsterblich werden? „Seneca“ spielt solche Gedanken bis zur Erschöpfung durch, ohne zum Punkt zu kommen. Letztlich windet er sich aus allen Festlegungen: Er kann seinen Protagonisten zum überzeitlichen Propheten erheben und ihn zugleich auf der Müllhalde entsorgen. Aufregend, mitreißend ist das aber allemal, wie sich jeder Gestus, jedes gestelzte und dennoch rotzig-schimpfende Monologisieren gegenseitig zu toppen versucht.

Exzess bedeutet schließlich, über alle angemessenen Maße hinauszugehen, das Nutzlose, Überflüssige zu zelebrieren. Dass er dabei nicht alles geben würde, kann man „Seneca“ nun wirklich nicht vorwerfen. Polternd und exzentrisch versetzt er sich in seine ambivalente Gestalt aus den Geschichtsbüchern, während seine Bilder längst im Heute angekommen sind. Soldaten reiten an Stromtrassen vorbei, Gletscher schmelzen, Industrieabfall qualmt. V-Effekt im historischen Gewand. Die Geschichte wird zur Gegenwart, einem einzigen Schrottplatz.

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„Seneca“ feierte seine Weltpremiere im Rahmen der 73. Internationalen Filmfestspiele Berlin in der Sektion Berlinale Special. Ab dem 23. März 2023 läuft der Film bundesweit in den deutschen Kinos.

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