Gegenwart und Zukunft von DAB Plus

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Bild: © jakkapan - Fotolia.com
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Seit August 2011 hat Digitalradio in Deutschland richtig an Fahrt aufgenommen. Was sich nicht nur am steigenden Programmangebot, sondern auch an der Zahl der inzwischen bei den Hörern befindlichen Digitalradios zeigt. Wir hatten Gelegenheit, mit Carsten Zorger, Leiter Kommunikation und Marketing beim Deutschlandradio über die Gegenwart und Zukunft von DAB Plus zu sprechen.

Herr Zorger, wie zufrieden ist Deutschlandradio mit der Entwicklung von DAB Plus?
 
Carsten Zorger: Wir haben schon einiges geschafft. DAB Plus kann inzwischen von 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung empfangen werden, vor allem in Ballungsräumen. Als öffentlich-rechtlicher Radiosender haben wir aber noch nicht die flächendeckende Verbreitung, die wir uns wünschen. Wir haben ja auch den Auftrag, flächendeckend verfügbar zu sein. Ein erster Schritt ist geschafft. Jetzt müssen wir weiter am Ausbau des Netzes arbeiten.
 
Was läuft bei DAB Plus gut?
 
Zorger: Heute kann der Hörer bereits aus rund 280 verschiedenen DAB-Plus-Modellen ab rund 40 Euro bis zur ganz teuren Hi-Fi-Equipment und Geräte fürs Auto, wählen. Viele sind Hybridgeräte, die neben DAB Plus auch UKW und Internetradio empfangen. Diese Vielfalt trägt dazu bei, dass die Zahl der verkauften Geräte nach oben steigt. Wir von Deutschlandradio empfehlen allen ein Hybridgerät zu kaufen.
 
Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
 
Zorger: Digitalradio ist sexy, aber dies müssen noch mehr Menschen erfahren. Marketing ist notwendig, zudem muss man die Vorteile von Digitalradio erklären. Das Fernsehen, egal ob über Satellit oder Antenne hat den Switch von analog zu digital bereits erfolgreich vorgemacht. Dieser Schritt steht Digitalradio noch bevor.
 
Digitalradio hat sich innerhalb Deutschland ja recht unterschiedlich entwickelt. Worin sehen Sie die Ursachen, weshalb besonders der deutsche Norden, sagen wir, noch DAB-Entwicklungsland ist?
 
Zorger: Beginnen wir mit dem deutschen Süden. Was haben die Bayern richtig gemacht? Die Bayern sind Early Adopter. Der Bayerische Rundfunk hatte bereits in der grauen Vorzeit mit der Übertragung von UKW angefangen. Die Bayrische Staatsregierung hat zu einer Zeit als die Zeitungsverleger unheimlich viel Geld hatten, Privatradios zugelassen. Das hatte Mitte der 1980er-Jahre einen richtigen Innovationsschub gegeben. Jahre später war es wieder die Staatsregierung, die im Dialog mit den Programmanbietern daran gegangen ist, verlässliche Rahmenbedingungen für die Digitalisierung des Radios zu schaffen. Wer weiter UKW ausstrahlen wollte, musste auch auf Digitalradio setzen. Das nahmen die Sender zwar zähneknirschend zur Kenntnis, aber es hat funktioniert. Gemeinsam mit den Öffentlich-rechtlichen wurde so eine Vielfalt im Digitalradio geschaffen.
 
Es stimmt, dass der Sendernetzausbau bevorzugt in Ballungsräumen und entlang der großen Autobahnen, aber auch politischen Zentren geschieht. Lücken bestehen in Mecklenburg-Vorpommern und auch im Bayerischen Wald. Das hat mit der geringen Bevölkerungsdichte zu tun. Es fehlt auch der politische Druck oder auch Werbedruck, den die Privaten aufbauen könnten. Wir erreichen rund 70 Prozent der Fläche und 90 Prozent der Bevölkerung. Während eine Grundversorgung mit vergleichsweise geringem Aufwand zu bewerkstelligen ist, geht der Netzausbau für die letzten 10 Prozent so richtig ins Geld. Da muss man schon priorisieren, wo ein Ausbau wirtschaftlich noch vertretbar ist.

Sie haben ja schon mehrfach einen Ausstieg von der UKW-Welt gefordert. Wann sehen Sie aktuell ein realistisches Datum für den Ausstieg?
 
Zorger: Wir fordern ein UKW-Abschaltdatum von der Politik zwischen 2020 bis 2025. Wir reden mit den Privatsendern und tun was wir können. Wir brauchen aber auch klare Signale von der Politik. Wir glauben aber, dass die gegenwärtig auf ganz andere Dinge schaut, wie Fernsehen und ganz andere Themen. Radio ist aber nicht das vergessene Medium. Es ist nach wie vor das am meisten genutzte Medium und bleibt konstant recht stark. Betrachten wir den DAB-Plus-Sendernetzausbau, wäre der anvisierte Abschalttermin technisch nicht nur machbar, sondern sogar ein spätes Datum. Der flächendeckende Ausbau sollte bis 2018 realisiert worden sein.
 
Wie lange wird Deutschlandradio noch auf Mittel- und Langwelle senden? Ab wann können Sie sich vorstellen, dass Deutschlandradio UKW-Frequenzen abschaltet?
 
Zorger: Deutschlandradio hat einen Versorgungsauftrag. Dem können wir gegenwärtig nur nachkommen, wenn wir neben DAB Plus auch UKW und die noch davor liegende Technik, die Lang- und Mittelwelle, nutzen. Wir haben erst kürzlich in Berlin unsere Mittelwelle in Britz abgeschaltet, weil wir dort auch eine ausreichende Versorgung über die neueren Verbreitungswege haben. Wir sind die, die Zeichen setzen und mit dem größten Mut nach vorne gehen. Während andere möglich noch gar nicht darüber nachdenken.Unter den ARD-Anstalten gibt es unterschiedliche Auffassungen. Viele Anstalten setzen vor allem auf UKW und Punkt.
 
Deutschlandradio wird sich jedenfalls nach heutigem Stand der Dinge 2014 oder 2015 von der Lang- und Mittelwelle verabschieden. Wir haben einen ganz klaren Auftrag von der KEF über ein Einsparungsvolumen in Millionenhöhe. Das meiste an der Mittel- und Langwelle sind Stromkosten. Dabei wird Energie verbraten, um eine immer kleiner werdende Zahl an Hörern zu versorgen. Inzwischen erreichen wir darüber weniger Hörer als über DAB Plus. Übrigens wird auch Webradio weniger genutzt, als man glaubt.
 
Immer wieder hört man von diversen Programmveranstaltern, die Zukunft des Rundfunks läge im Webradio. Was halten Sie davon?
 
Zorger: Das Internet ist keine Alternative zu Digitalradio. Das Internetradio kann DAB Plus künftig beflügeln, indem man Zusatz- und Mehrwertdienste, ähnlich wie HbbTV beim Fernsehen, anbietet. Gerade die Privaten und die Werbewirtschaft können davon profitieren.
 
Den Privatsendern fehlt derzeit aus deren Sicht der Vorteil, der Mehrwert am Digitalradio. Weil sie glauben, darüber nicht mehr Werbung verkaufen zu können. Wir sagen, das ist nur halb gedacht. Denn man kann künftig über die Zusatzdienste Journaline oder Slideshow auch für den Kunden attraktive Werbeformen erschließen. Etwa, indem man Rabatt-Gutscheine mit einem mit DAB Plus ausgestatteten Smartphone empfängt. Das ist freilich schon Zukunftsmusik, an deren Realisierung aber bereits gearbeitet wird.
 
Rundfunk funktioniert nach dem Prinzip from one to many. Womit man die Übertragungskosten nur einmal zu bezahlen hat. Egal, wie viele zuhören. Internetradio funktioniert nach dem Prinzip from one to one. Damit hat jeder Zuhörer eigene Übertragungskosten. Und das kann richtig teuer werden. Denken Sie an die Diskussion rund um die gedrosselten Telekom-Flatrates.
Wir müssen bei Internetradio aber auch über Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit reden. Bei Katastrophen- oder Krisenfällen sind es die Handymasten, die überlastet sind. Radio hören können Sie dann, wo Sie es vielleicht am dringensten bräuchten, nicht mehr.
 
Wo sehen Sie die Rundfunklandschaft in Deutschland in 5 Jahren?
 
Zorger: Das DAB-Plus-Netz wird massiv ausgebaut sein. Öffentlich-rechtliche Sender und die Privaten profitieren von den Mehrwertdiensten, die damit einher gehen. Das Angebote nationaler Inhalte über DAB Plus wird höher sein. Möglicherweise wird es im Radio künftig auch Angebote geben, die im TV erst durch die Digitalisierung des Fernsehens möglich wurden. Im Prinzip glaube ich, dass wir in 5 Jahren ein Abschaltdatum haben werden.
 
Wo sehen Sie UKW in 10 Jahren?
 
Zorger: UKW wird den Stellenwert haben, den heute die Lang- und Mittelwelle hat. UKW in 10 Jahren, dass ist Omas Radio. Und es wird mit der Oma gehen.
 
Vielen Dank für das Gespräch.[Thomas Riegler]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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78 Kommentare im Forum

  1. ... schön wäre vor allem, wenn es auch im Norden der Republik endlich mehr lokale Sender auf DAB+ geben würde. Die privaten sind hier auch nach Jahren immer noch zu 100% zurückhaltend...
  2. AW: Gegenwart und Zukunft von DAB Plus Ähm, nein danke? Niemals. Auf mein Smartphone kommt mir keinerlei Rabatt-Gutschein.
  3. AW: Gegenwart und Zukunft von DAB Plus Mein Problem ist, dass die Autohersteller einfach DAB+ nicht unterstützen und so ein hässliches 0815 Radio das nicht zur Optik des Autos passt kommt bei mir nicht in Frage.
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