ARD-Programmchef Herres über die schwierige TV-Saison

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Bild: Destina - Fotolia.com
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Die aktuelle TV-Saison gestaltet sich für die ARD schwierig. Der Misserfolg der Talkshow mit Thomas Gottschalk stellt dabei nur den Höhepunkt mehrerer missglückter Programmexperimente dar. Auch neue Formate mit Kai Pflaume und Matthias Opdenhövel konnten die Erwartungen nicht erfüllen. ARD-Programmchef Volker Herres zeigt sich im Interview durchaus selbstkritisch, bleibt jedoch für die Zukunft optimistisch.

Bei Gottschalk sei „zu Vieles schief gelaufen“, gestand Herres ein. Das Vorabendprogramm im Ersten sei aber trotzdem auf dem richtigen Weg. Sehr viel positiver lässt sich die Bilanz der aktuellen TV-Saison kaum darstellen. Die ARD hatte sich insgeheim den ersten Platz in der Zuschauergunst erhofft, tatsächlich liegt sie mit 11,9 Prozent nur auf Rang drei, hinter RTL (13,1 Prozent) und ZDF (12,3 Prozent) in der Zuschauergunst (DIGITALFERNSEHEN.de berichtete).

Zum Thema Vorabend hat die ARD viel Kritik und auch Häme einstecken müssen. Wie kommt es zu der Massenflucht aus der Programmzone zwischen 18 und 20 Uhr – hat sie auch etwas mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun?

Herres: Eine Massenflucht aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen sehe ich nicht. Die in der Vorabendzeit erfolgreichen Sender haben über viele Jahre kontinuierlich ein verlässliches Programmangebot aufgebaut. Mit unseren „Heiter bis tödlich“-Serien, mit „Verbotene Liebe“ und unserer Unterhaltungsshow am Freitag ist Das Erste auf dem richtigen Weg dorthin. Diesen Weg werden wir ab Juni forciert ausbauen.

Wie kommt es, dass das Publikum so bekannte Moderatoren und Entertainer wie Thomas Gottschalk oder Kai Pflaume zu meiden scheint?
 
Herres: Wenn Kai Pflaume mit seinem Prominentenquizoder seiner Show „Klein gegen groß“ bis zu sieben Millionen vor denBildschirm lockt, kann von einer Meidung des Moderators wohl keine Redesein. Und was Thomas Gottschalk angeht: Seine Popularität ist, denkeich, ungebrochen. Bei seinem Vorabend-Experiment ist einfach zu Vielesschief gelaufen, wurde zu sehr on-air ausprobiert.

Auch die Shows am Donnerstagabend – einst mit Pilawa eine ARD-Bastion – sind keine Bank mehr. Hoffnungsträger Opdenhövel hatte zuletzt nur rund 2,6 Millionen Zuschauer. Gibt es für diese Entwicklung Gründe?

Herres: Matthias Opdenhövel ist ein echter Gewinn für Das Erste und hat das auf verschiedenen Sendeplätzen in verschiedenen Formaten unter Beweis gestellt. Unterhaltungssendungen tun sich derzeit gegen starke fiktionale Konkurrenz schwer und da ist bei uns besonders der Donnerstagabend betroffen. „Opdenhövels Countdown“ ist eine klasse Show und ich drücke die Daumen, dass das auch bald vom Publikum so wahrgenommen wird. Enttäuschend war natürlich, dass weder die Verleihung des Echo noch die ESC-Vorentscheidung ein großes Publikum gefunden haben. Umso mehr drücken wir für den Eurovision Song Contest am kommenden Samstag die Daumen.

Die Abendtalks – rechnen Sie damit, dass in absehbarer Zeit nur noch vier statt fünf Moderatoren zwischen Sonntag und Donnerstag am Start sind?

Herres: Unsere Gesprächssendungen sind erfolgreich und mit allen Moderatoren haben wir laufende Verträge. An Spekulationen, was die Zukunft hier bringen wird, will ich mich nicht beteiligen.

Gibt es nach dieser schwierigen TV-Saison auch positive Erkenntnisse und Lehren, die bleiben?
Herres: Wir sind stolz auf die Informationskompetenz des Ersten: So ist die Hauptausgabe der „Tagesschau“ nach wie vor die wichtigste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen; die beiden neuen Sendeplätze für Dokumentationen am Montag, die Aktuelles wie Historisches zum Thema haben und unter den Labels „Die Story im Ersten“ und „Geschichte im Ersten“ laufen, werden vom Publikum gut angenommen. Und mit den „Markenchecks“ montags um 20.15 Uhr haben wir, besonders bei den jungen Zuschauern, einen echten Coup gelandet. Der Dokumentarfilm „Der Sturz“ mit dem Margot-Honecker-Interview war journalistisch ein absolutes Highlight mit großer Resonanz.

Das fiktionale Programm im Ersten ist mit Abstand das erfolgreichste in Deutschland: Der „Tatort“ ist nicht nur die älteste, sondern auch die meistgesehene Krimi-Reihe im deutschen Fernsehen; am Dienstagabend laufen die beiden erfolgreichsten eigenproduzierten Serien des deutschen Fernsehens; der Film-Mittwoch, der zuweilen auch Anspruchsvolles und eher Sperriges bietet, findet großen Anklang beim Publikum. So hat etwa die Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Hermann Hesse, „Die Heimkehr“, 4,63 Millionen Menschen erreicht, das entspricht einem Marktanteil von 15,4 Prozent.

Wann ist „Das Erste“ wieder das Erste?

Herres: Das Erste ist Marktführer in der Primetime von 20.00 bis 23.00 Uhr, also der zuschauerstärksten Zeit des Tages. Und Das Erste ist, ganz gleich wer die entsprechende Umfrage in Auftrag gibt, nach wie vor das unverzichtbarste Programm für das Fernsehpublikum. Mit diesen beiden Titeln kann die ARD sehr gut leben. Das Triple streben wir nicht mit Gewalt an, aber wir wollen weiter vorn mitspielen – vor allem in der Qualität.
 
Vielen Dank für das Gespräch![Interview von Carsten Rave/ps]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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  • Inhalte_Fernsehen_Artikelbild: Destina - Fotolia.com

4 Kommentare im Forum

  1. AW: ARD-Programmchef Herres über die schwierige TV-Saison Mehr Volksmusik und Schlagersendungen , dann klappt es auch wieder mit den Einschaltquoten.
  2. AW: ARD-Programmchef Herres über die schwierige TV-Saison Hier liegt das Problem: Abgenutzte Moderatoren vor minimal renovierte Karren zu spannen! Keine Innovation immer das gleiche Schema F!
  3. AW: ARD-Programmchef Herres über die schwierige TV-Saison Einfach nur besseres Programm machen, dann werden die Probleme weniger. Und vor allem sollte die Werbung endlich abgeschafft werden. GEZ und Werbung ist unfair.
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