„Die Getriebenen“: Merkel-Film enttäuscht mit wenig neuen Erkenntnissen

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Fast vier Millionen Menschen verfolgten gestern Abend im Ersten, wie Angela Merkel im Jahr 2015 gehandelt und polarisiert hat. Der Film „Die Getriebenen“ unternimmt den Versuch einer Rekonstruktion der Flüchtlingskrise – und scheitert daran.

Vielleicht ist die deutsche Politik ja doch nicht so filmreif. Zumindest dann nicht, wenn sie in derartigen Ausmaßen abgebildet, rekonstruiert und nachgespielt werden soll, wie es in „Die Getriebenen“ der Fall ist. Stephan Wagners Polit-Thriller bewies nämlich vor allem mal wieder eins: Nicht jedes Buch taugt automatisch für eine Filmadaption.

Basierend auf Robin Alexanders gleichnamigen Sachbuch erzählt „Die Getriebenen“ vom schicksalshaften Sommer und Herbst des Jahres 2015. Die Europäische Union ist erschüttert von der Flüchtlingskrise. Im Zentrum steht dabei Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich gegen den Druck der einzelnen politischen Mächte behaupten und eine Entscheidung treffen muss, wie sich Deutschland auf dem europäischen Parkett positionieren will. Herausgekommen ist ein zwar ambitionierter, aber erschreckend unfilmischer Fernsehabend, der ratlos zurücklässt und hinter seinen Möglichkeiten bleibt.

Bizarre Maskierungen

Der Film ist ein technisches Ärgernis! Optisch gibt es nur hässliche, kühle Aufnahmen zu sehen, kein einziges Bild kristallisiert sich heraus. Alles völlig uninteressant und wirr arrangiert, alles einem dokumentarischen Anspruch und Verismus unterworfen, der jegliches ästhetisches Gespür totschlägt. Die ersten Minuten gleichen einer bizarren Travestie, wenn Imogen Kogge, Josef Bierbichler und Co. in ihren Rollen auftreten. Wenn hier etwa Merkel, Seehofer oder Söder in ihren teils verblüffenden, teils grotesken Maskeraden auf dem Bildschirm erscheinen und sich das Schauspiel mitunter in bloßer Imitation verliert, grenzt das an eine unfreiwillige Lachnummer.

Josef Bierbichler als Horst Seehofer

Zu viel Stoff für zu wenig Zeit

Kein Film dieser Welt kann all das ausreichend tiefsinnig wiedergeben, was „Die Getriebenen“ in zwei Stunden so aussichtslos versucht. In dieser Form kann ein solches Sachbuch nicht für eine Verfilmung geeignet sein. Kein Wunder, dass dabei auf teils unfassbar blödsinnige Phrasen zurückgegriffen wird, um die Motivationen aus jedem einzelnen Politiker herauszuquetschen.

So zerfällt der Thriller in ein wirres Kaleidoskop, das zwar die Unübersichtlichkeit und Strapazen des politischen Geflechts erfahrbar macht, aber selten so zu ihm durchdringt, dass noch irgendwelche neuen Fragen daraus gezogen werden können. Vor allem aber ist es ein Rätsel, warum der Film nicht noch viel stärker bei der von Imogen Kogge beeindruckend gespielten Angela Merkel bleibt. Ein reduzierterer Zeitrahmen, viel weniger aktiv auftretende Figuren und eine Fokussierung auf ihre Person hätten wahrscheinlich einen tatsächlich bemerkenswerten Film ergeben.

Alltag einer Bundeskanzlerin

Merkel ist hier weder Heilige noch Zielscheibe. Der Film tritt ihr mit erheblichem, durchaus angemessenem Respekt gegenüber, aber auch ohne Mut oder große Fallhöhe. Während viele Probleme zwar auf ihr politisches Umfeld abgewälzt werden, schimmern einige interessante, kritische Momente durch, die das ohnehin Bekannte tatsächlich bereichern können. Etwa dann, wenn Merkel mit ihrem Gatten vorm heimischen Fernseher über ihr berühmtes „Wir schaffen das“ diskutiert. Kurz bröckelt die besonnene Fassade.

Ein gewisses Spannungsfeld zwischen dem politischen Gestern und Heute vermag der Film dabei ja durchaus zu eröffnen. Und doch scheitert er an seinem fast schon pervertierten journalistischen Anspruch, möglichst alle Positionen abzubilden. Natürlich, die Gefahr einer Propaganda für oder gegen noch amtierende politische Figuren ist gegeben, doch ein fiktionaler Spielfilm muss so einen Rundumblick nicht leisten!

Letztlich regiert Naivität. Niemand braucht noch einen Film, der uns so furchtbar steif zeigt: Ja, auch Frau Merkel legt mal in Hausklamotten die Füße auf die Couch. Fast schon ein doppelsinniges Eigentor, dass der letzte Satz in diesem überforderten Film ausgerechnet ein erschöpftes „Scheiße!“ aus dem Mund der Kanzlerin ist.

„Die Getriebenen“ ist noch bis zum 15. Juli in der ARD-Mediathek zum Streamen verfügbar.

Bildquelle:

  • getriebene: rbb/ carte blanche/ Volker Roloff
  • DieGetriebenen: rbb/ carte blanche/ Volker Roloff

45 Kommentare im Forum

  1. Es braucht keinen "Spielfilm" über diese Kanzlerin - die tägliche Wirklichkeit reicht völlig aus.
  2. immerhin 4 Mio.Zuschauer geschätzt, wohlgemerkt, können diese Person noch ertragen.Scheinen überwiegend Beamte zu sein, die verpflichtend sowas angucken.
  3. Genau: Altmaiers Aufgabe ist bekanntlich, alle Beamten persönlich bei ihrem Fernsehverhalten zu kontrollieren. Denn Merkel ist ja damit ausgelastet, in den Redaktionsstuben anzurufen um die Tagesbefehle für die Medien durchzugeben. Strotti
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