Expertin: „Dschungelcamp“ ist Miniversion der Mediengesellschaft

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Bild: Destina - Fotolia.com
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Auch in diesem Jahr hat sich das „Dschungelcamp“ für RTL als wahrer Quoten-Hit erwiesen. Für Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher von der Uni Hamburg ist das keine große Überraschung. Im Interview sprach Bleicher über das Erfolgs-Konzept der Show und die Frage, wie gescripted das Format ist.

Frau Prof. Dr. Bleicher, woran liegt es, dass die Macher auch 2013 mit dem „Dschungelcamp“ Quoten-Erfolg haben, während alle Neuerungen und Lifting-Versuche bei den anderen RTL-Klassikern wie „DSDS“ oder „Supertalent“ eher nicht zu zünden scheinen?
 
Joan Kristin Bleicher: Die Zahl der Castingshows hat sich ja mittlerweile inflationär erhöht. Das Dschungelcamp hingegen wird als jährliches Event inszeniert und täglich ausgestrahlt, was die Zuschauerbindung erhöht. Während in den Castingshows gleichbleibende Inszenierungsmuster der Kandidaten die Zuschauer langweilen, kann der Zuschauer im „Dschungelcamp“ tagelang beobachten wie Inszenierungsstrategien angesichts der Herausforderungen scheitern. Außerdem kombiniert das Format eine Reihe erfolgsbewährter Elemente wie exotisches Setting, Confrontainment, Comedy und mediales Straflager für nervige Ex-Prominente.
 
 
Gehen RTL und Sonja Zietlow richtig mit dem Tod von Dirk Bach um?
 
Bleicher: Man hätte sich mehr Erinnerungsmomente gewünscht. Ein, wenn auch sehr schönes Video, am Ende der ersten Sendung ist etwas wenig.

Ist Daniel Hartwich ein würdiger Dirk-Bach-Erbe, wenn man das so sagen kann?
 
Bleicher: Dirk Bach ist unersetzbar. Daniel Hartwich tut gut daran, seinen eigenen Moderationsstil zu entwickeln. Das Zusammenspiel mit Sonja Zietlow ist noch optimierungsfähig.
 
 
Warum mögen wohl vor allem Frauen das Format, wie Media Control in einer Auswertung der Einschaltquoten ermittelt hat?
 
Bleicher: Frauen sind ja generell an zwischenmenschlichen Beziehungen interessiert. Und davon gibt es ja im Camp einiges zu sehen. Gleichzeitig bietet sich im Dschungelcamp die Möglichkeit, mit den optischen Fassaden der Bildschirm-Schönheiten abzurechnen. Der tägliche Verfall von ehemaligen Supermodels lässt die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper wachsen. Gleichzeitig sorgen attraktive Männer für ein wenig Erotiksignale.
 
 
Grundsätzlich: Was macht die Faszination des Dschungelcamps aus?
 
Bleicher: Das „Dschungelcamp“ ist eine faszinierende parodistisch verfremdete Miniaturversion der Mediengesellschaft. Es geht um Inszenierungsstrategien, ihr Scheitern und das immerwährende Ziel, die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zu richten. Gleichzeitig wollen die Zuschauer den echten Menschen hinter der Star-Fassade entdecken. Sie glauben, dass sich in Extremsituationen das wahre Gesicht der Ex-Prominenten zeigt. Helmut Berger war in diesem Jahr der einzige wirklich bekannte Promi in diesem Camp und sollte die mediale Berichterstattung anheizen. Die mediale Vorberichterstattung und die mediale Weiterverarbeitung des Materials ist ja ein wesentlicher Faktor der Sendungswirkung.
 
 
Was glaubt oder weiß eine Expertin wie Sie: Wie geplant und gescripted ist das Dschungelcamp?
 
Bleicher: Die Vorgaben des „Dschungelcamp“-Formats etwa mit der Abfolge der Prüfungen, den Schlafbedingungen und der mangelnden Ernährung sorgen für eine gleichbleibende Dramaturgie und Plotstruktur der einzelnen Episoden. Auf die Tageszusammenfassung folgt die Dschungelprüfung, die Wahl der Kandidaten für die nächste Dschungelprüfung und schließlich die Bekanntgabe der Wahlergebnisse. Alle diese Teile werden durch witzige Kommentare miteinander verknüpft. Der schnelle Ausstieg von Helmut Berger war wegen seiner Alkoholsucht absehbar und Klaus Baumgart bereits mit nach Australien angereist.
 
Vielen Dank für das Gespräch. [Interview: Gregor Tholl/fm]

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