Geschöntes Bild vom Tod: Soziologin untersucht Fernsehserien

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Bild: Destina - Fotolia.com
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Bläuliches Licht über silberner Bahre. Der Rechtsmediziner hebt kurz das Tuch und der Blick auf eine blasse, saubere und meist junge Leiche wird frei. Der Tod im Fernsehen folgt heute bestimmten Regeln der Ästhetik, sagt eine Berliner Forscherin.

Ob CSI, Dexter oder auch Tatort: Unser Bild vom Tod ist meist geschönt, wenn wir es aus Fernsehserien beziehen. Die Berliner Soziologin Tina Weber (TU Berlin) untersuchte, wie Tote in amerikanischen und deutschen TV-Serien gezeigt werden. Vor allem im US-Fernsehen sei dies oft eine ästhetisierte Darstellung, die Schönes und Abstoßendes verbindet – aber eben so dosiert, dass es interessant bleibt und die Leute den Fernseher nicht abschalten.
 
Wie unterscheiden sich deutsche und US-Serien?
 
Weber: „Im Tatort waren schon in den 70er Jahren Leichen zu sehen, gar nicht besonders geschönt und einige sogar unbedeckt. Das wäre in den USA so nie möglich gewesen. Dafür gab es in Deutschland andere Sehgewohnheiten: So wird anders als in US-Serien bis heute fast immer nur angedeutet, wenn eine Leiche seziert wird. Trotzdem haben sich die Darstellungen angenähert. Etwa ab 2000 tauchten auch in deutschen Krimis die ersten sterilen, bläulich eingefärbten Hightech-Sektionssäle auf. Die Bahren werden silbern und die Leichen werden schöner. Das reicht bis zur Autopsie-Narbe, die sauber genäht, flach und symmetrisch ist. Im Vergleich machen die US-Serien aber wesentlich häufiger Gebrauch von den Möglichkeiten ihre Leichen ästhetisch zu inszenieren.“
 
Was fehlt?
 
Weber: „Ich habe in einer amerikanischen Rechtsmedizin gearbeitet. da ist nichts mit Ruhe, Hightech und steriler Atmosphäre in bläulichem Licht. Es ist grell und laut, es stinkt, und um jeden der vielen Sektionstische stehen manchmal bis zu drei Personen herum, die an der Leiche arbeiten. Die Leichen sind nicht abgedeckt und haben nach einer Autopsie wulstige Narben. Die viel wichtigeren Erkenntnisse sind aber, dass der Tod in natürlichen Verbindungen Alter, Krankheit oder auch Unreinheit kaum gezeigt wird. Es scheint als könne dies dem Zuschauer – noch – nicht zugetraut werden.“

Was bedeutet dieses Aussparen von Realität?
 
Weber: „Wenn die jüngere Generation keine echten Leichen sieht, welche Vorstellungen vom Tod bilden sich dann? Der Realitätsabgleich wird schwierig. Dem Wissen über den toten Körper fehlen viele Facetten der Realität, denn unser Kollektivwissen über den Tod wird von den Medien geprägt. Der Zwang zur „Disziplinierung des Körpers“, um es mit Norbert Elias zu sagen, weitet sich in den Medien auf den Tod aus. Selbst der tote Körper sollte kontrolliert wirken, um beispielsweise jegliche Assoziation mit bewegbaren toten Fleischmassen zu vermeiden und dem klassischen Bild des ‚Tod als friedlicher Schlaf‘ zu entsprechen.“
 
Gibt es nicht trotzdem eine neue Sichtbarkeit des Todes?
 
Weber: „Es gibt eine Zunahme von Todesthemen, ja. Das Thema Tod ist auch mehr in den Medien, durch Diskussionen um die Patientenverfügung oder zuletzt durch Organspende und den Transplantationsskandal. Trotzdem gibt es immer noch Bereiche, die heute ausgespart bleiben, zum Beispiel der Prozess des Sterbens selbst. Es gibt nur wenige Filme, die sich mit diesem wichtigem Thema auseinandersetzen, das uns auch alle angeht, denn wir werden höchstwahrscheinlich unseren eigenen Sterbeprozess noch mit-‚erleben‘.“[Andrea Barthélémy]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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5 Kommentare im Forum

  1. AW: Geschöntes Bild vom Tod: Soziologin untersucht Fernsehserien Wenn man die, manchmal bestimmt schreckliche, Wirklichkeit ungeschminkt zeigen würde, gäbe es bestimmt sofort wieder (selbsternannte?) Medienexperten und Kinderschützer, die sich darüber aufregen würden.
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