[Interview] Harald Schmidt: „Die Mitte ist bei mir“

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Bild: Destina - Fotolia.com
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Harald Schmidt ist wieder bei Sat.1 und lästert wieder wie früher in den 90er Jahren. Niemand kann sich seiner Späße entziehen. Im Gespräch erzählt er von seiner „Liebeserklärung“ an die deutsche Talk-Kultur, von den Beratungskünsten des RTL-Urgesteins Helmut Thoma und warum es ihm besser gehe als der FDP.

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Lauter Talks. Die ARD bittet fünfmal abends, das ZDF zumindest dreimal zu später Stunde zum Gespräch, Sat.1 mit Claus Strunz und die Dritten gesellen sich dazu. Aber Late Night Comedy außer Stefan Raab? Fehlanzeige. Will sich da niemand die Finger verbrennen?
 
Harald Schmidt: Ich weiß es nicht. Aber Fakt ist: Außer Sat.1 gibt es keinen Sender, der eine quasi tägliche Late Night Show ins Programm nimmt, auch weil die Zahl der Moderatoren überschaubar ist.
 
Weil Sie der einzige sind, wie Sie schon betont haben.
 
Schmidt: Vielleicht werden wir durch ZDFneo und das TV Lab eines Besseren belehrt, wenn dort neue Talente heranreifen!
 
Das kann aber dauern…
 
Schmidt: Das ZDF hat qualifizierte Mitarbeiter, die dafür Denkmodelle in die Luft werfen! Aber zurück zu den Talks: Man wird sehen, welche sich da durchsetzen werden. Kollege Reinhold Beckmann würde sagen: Es wird sich rütteln. Frage ist nur, wer wohin gerüttelt wird. Ich habe gerade gesehen: Anne Will bespricht den Euro, Sandra Maischberger redet über den Euro. Zwischendurch erholt man sich mit dem 11. September. Ich sage das aber alles als Fan. Das ist eine Liebeserklärung, eine frauenaffine Liebeserklärung!
 
Da wären sie bei Sixx doch besser aufgehoben!
 
Schmidt: Ist Sixx frauenaffin, oder nicht doch für Ältere? Frauen und Alte – das schafft der ARD-Vorabend. Das hat der alte schon hinbekommen, der neue umso mehr. Der wird die ARD in ungeahnte Höhen katapultieren. Durch Thommy!
 
Thomas Gottschalk ist am Vorabend besser aufgehoben als früher in der Late Night bei RTL?
 
Schmidt: Warum nicht auch wieder eine Late Night bei RTL? Da würde ich mich von Dr. Helmut Thoma beraten lassen. Wahrscheinlich unentgeltlich, auf jeden Fall unaufgefordert. Bei Anruf Beratung!

Zurück zu Ihnen. Haben Sie nicht viele Zuschauer desSat.1-Stammpublikums seit Ihrem letzten Auftritt für den Sender imDezember 2003 verloren – im Grunde eine halbe TV-Generation?
 
Schmidt: Keine Ahnung. Aber da geht es mir dochimmer noch besser als der FDP. Ich serviere Brot- und Butter-Themen.Themen, die die Menschen bewegen. Emotionen, Gefühle, Leidenschaften.
 
Da fehlt es mir gerade etwas an Trennschärfe.
 
Schmidt: Völlig unterschiedliche Bereiche – sie können aber manchmal ineinander übergehen.
 
Aber Sie machen weder Fisch noch Fleisch. Zwei Sendungen am Dienstag und Mittwoch, keine komplette Woche. Underperformer.
 
Schmidt: Das hat mit der Sendeplatzkapazität vonSat.1 zu tun. Der Freitag ist ein ganz ungünstiger Tag. Das gleiche giltfür den Montag. Am Donnerstag würde ich auch gerne noch senden, daswäre ideal. Aber Johannes B. Kerner ist da so erfolgreich – den kann mannicht verdrängen.
 
Nochmal: Was ist anders als 2003?
 
Schmidt: Nichts. Aber ich würde gerne mehr Steuern bezahlen.
 
Ich nicht.
 
Schmidt: Okay, bei mir spielt das aber keine Rolle!
 
Wären Sie bei Ihrem Sinn für den kleinen Mann nicht einMensch, der die gesellschaftliche Mitte anspricht. Die Mitte, dieZDF-Chefredakteur Peter Frey sucht?
 
Schmidt: Die Mitte ist bei mir, nicht beim ZDF: Ichfinde es nicht so dramatisch, wenn die Mitte nicht bei dengebührenfinanzierten Sendern mit sieben Milliarden Euro Jahreseinnahmenist, sondern bei mir. Ich habe meine Kernthemen nie verlassen. Ich binso wie ein Jürgen Trittin jahrelang an der Spitze der CDU. Oder wie einDominique Strauss-Kahn, der auch für Katholiken wählbar ist. Ichversöhne, statt zu spalten.
 
Es scheint, dass Sie sich für den Neustart auf Sat.1 in dieKlauen der PR-Strategen begeben haben: Sie geben ein Interview nach demanderen. Entspricht nicht gerade Ihrer Gewohnheit von früher.
 
Schmidt: Das war meine Entscheidung: Entweder den Ball flach halten oder das mediale Flächenbombardement.
 
Sehr martialisch.
 
Schmidt: Ich bin Kriegsdienstverweigerer – gewesen.Auch im Sport spricht man von der Blutgrätsche oder durch die Wandhauen. Aber ich kann die Sprache nicht für historische Vorgängeverantwortlich machen. Nur: Ist das alles nicht zu kompliziert für IhreLeser, welche Denkmodelle ich entwerfe?
 
Nicht nur für meine Leser.
 
Schmidt: Auch für Sie? Ich habe Sie schlauer in Erinnerung.
 
Vielen Dank für das Gespräch.
 
DIGITAL FERNSEHEN präsentiert Ihnen an dieser Stelle jedenSonntag ein Star-Interview der Woche mit Prominenten aus Film undFernsehen. Lesen Sie hier das Gespräch mit Schauspieler Harald Krassnitzer.INTERVIEWs im Überblick
[Interview: Carsten Rave]

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  • Inhalte_Fernsehen_Artikelbild: Destina - Fotolia.com
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