„Tatort“ Wien: Ein Kopfschuss und das große Vergessen

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Bild: Destina - Fotolia.com
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Nach einem Schuss in den Kopf macht sich „Tatort“-Kommissar Moritz Eisner gemeinsam mit seiner Kollegin auf an den Ort des Geschehens: ein Dorf in Kärnten. Doch nicht nur Eisner kann sich an den Tathergang nicht erinnern, auch das Dorf selbst scheint vieles vergessen zu wollen – angefangen bei Familientragödien bis hin zu einem Massaker während der NS-Zeit.

Ewig gestriges Jörg-Haider-Land, so korrupt wie einfältig und fest in der Hand der Rechten: Kärnten hat in weiten Teilen Österreichs ein ziemlich schlechtes Image. Auch der erste „Tatort“ aus Österreichs südlichstem Bundesland kommt daran nicht vorbei. „Einem BKA-Beamten wird in den Kopf geschossen – grad‘ in Kärnten. Du weißt ja eh, dass da unten alles ein Politikum ist“, schimpft Moritz Eisners (Harald Krassnitzer) Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar) angesichts seines schwerverletzten Chefinspektors. „Das nächste Mal such‘ ich mir ein anderes Bundesland aus“, antwortet dieser trotzig.
 
Mit Kugel im Kopf, Teil-Amnesie und einer Reihe Vorurteilen ermittelt sich Eisner an der slowenischen Grenze durch seinen 30. Fall, in dem sich kaum jemand mehr an etwas erinnern kann oder will. Von Alzheimer über Alkohol, bewusstem Verdrängen oder eben Kopfschuss sind die Gründe vielfältig.
 
Sascha Bigler (Buch und Regie) hat mit seinem ersten „Tatort“ namens „Unvergessen“ vor dem Hintergrund wunderschöner Bergkulisse ein mystisch-komplexes Werk geschaffen, das naheliegende Plattheiten auslässt. Von NS-Verbrechen über das Verhältnis zur slowenischen Minderheit bis zur aktuellen politischen Lage werden wichtige Aspekte der schwierigen Kärntner Geschichte angerissen. Vieles bleibt offen, moralische Urteile dem Zuschauer überlassen. Der Film ist am Pfingstmontag (20.15 Uhr) in der ARD zu sehen.
 
Es sei dem Team wichtig gewesen, einen objektiven Blick zu finden, sagte Krassnitzer in einem ORF-Interview: „Wir wollten jetzt nicht das klassische Kärnten-Bashing machen.“ Man wolle zeigen, wo Vorurteile beginnen – auf beiden Seiten.

So ecken im Film die „Wiener Kieberer“ schnell in der Provinz an: Eigentlich krankgeschrieben, macht sich Eisner auf den Weg Richtung Süden, um herauszufinden, wer es warum auf ihn abgesehen hatte. An die letzten 48 Stunden vor seinem Kopfschuss kann er sich nicht erinnern, mit Aussetzern sind die Folgen des Angriffs noch deutlich. Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) folgt ihm natürlich.
 
Eine Supermarktkassiererin, die sich erinnern kann, wie Eisner bei ihr rote Rosen und Champagner kaufte, bringt sie auf die Spur der Aufdecker-Journalistin Maja (Bojana Golenac). Die Frau und Eisner verband mehr als nur die Suche nach der Wahrheit – was dieser ihrem Mann aber später verschweigt. Als sie tot in einem See gefunden wird und herauskommt, dass sie an einer Geschichte über ein NS-Massaker auf dem „Persmanhof“ kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete, ist für Eisner die Sache klar: Da wollte der Kärntner Filz unliebsame Berichte verhindern. Denn einer der Männer, die damals Kinder und Alte ermordeten, könnte heute noch unbehelligt in der Dorfmitte leben. Mit übermäßigem Eifer macht er sich an die Spurensuche – die warnenden Worte Fellners ignorierend.
 
Vor allem der präpotente Dorfpatron Wiegele (Juergen Maurer), dem vom Gasthaus über den Steinbruch fast alles gehört, ist für den Wiener samt seiner Familie äußerst verdächtig. Er wie auch der Dorfpolizist, der einen slowenisch-deutschen Chor leitet, gehören klar zu der Fraktion, die gerne endlich alles „von damals“ ruhen lassen möchten. Doch dann weist ein Fund Fellners in eine andere Richtung. Ist Eisner seiner eigenen Vorverurteilung erlegen?
 
Auch das Film-Team selbst baute beim Dreh in Bad Eisenkappel Vorurteile ab: Er sei schon mit Vorbehalten dorthin gefahren, sagte Bigler. Doch statt auf das nicht immer positive Drehbuch kritisch zu reagieren, hätten ihn die Gemeinde wie die Menschen nur willkommen geheißen: „Alle Türen sind aufgegangen – keine Probleme.“ Auch Neuhauser schwärmte von den hilfsbereiten Menschen und dem netten Empfang: „Extrem freundlich und bezaubernd – in der Form habe ich das noch nie erlebt.
 
Im Frühjahr diesen Jahres überraschten die Kärntner gleich ganz Österreich: Entgegen der Meinungsumfragen wählten die Menschen die Jörg-Haider-Erben der rechten FPK krachend ab. Nun regiert dort eine rot-schwarz-grüne Koalition unter einem sozialdemokratischen Regierungschef.

[Miriam Bandar/fm]

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11 Kommentare im Forum

  1. AW: "Tatort" Wien: Ein Kopfschuss und das große Vergessen halbtot, krankgeschrieben, aber fleissig am ermittel-gibts noch normale polizei? alles nur noch überhelden.
  2. AW: "Tatort" Wien: Ein Kopfschuss und das große Vergessen Besonders die österreichische Polizei wird ja gerne fern der Realität dargestellt.
  3. AW: "Tatort" Wien: Ein Kopfschuss und das große Vergessen Also ich kann mich mit diesem Ermittlerteam einfach nicht anfreunden. Tut mir leid.
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