[TV-Kritik] Stuttgarter „Tatort“: Das Verlangen nach Rache

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Bild: Destina - Fotolia.com
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Zwei blutige Morde geben den „Tatort“-Ermittlern Lannert und Bootz Rätsel auf. Mehrere Verdächtige sind in diesem klassischen Krimi verstrickt. Eine gute Inszenierung und das immer engere Zusammenspiel der beiden Stuttgarter Kommissare machen kleine Mankos wett.

Rache ist eines der gebräuchlichsten Motive für Mord. Selten inszeniert der Rächer sie jedoch so grausam, kaltblütig und brutal wie im neuen Stuttgarter „Tatort“. Eine Radladerschaufel verletzt einen Bauunternehmer lebensgefährlich, Mittel gegen die Blutgerinnung zögern seien qualvollen Tod über Stunden hinaus. Mehrmals überrollt ein Auto eine geknebelte Gastwirtin bis sie stirbt. „Der Mörder verteilt das Verbrechen auf die vermeintlichen Täter von damals“, sagt Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller), als das Motiv hinter den Taten klar wird. Die ARD zeigt „Das erste Opfer“ am Sonntag (9. Oktober; 20.15 Uhr).
 
Regisseur Nicolai Rohde, der damit sein „Tatort“-Debüt gibt, hat einen klassischen Krimi gedreht: Die Morde geschehen in der Dunkelheit, die Kamera zeigt immer wieder den beobachtenden Blick des Mörders aus seinem Versteck und die Ermittler arbeiten sich an den möglichen Verdächtigen ab. Obwohl diese Muster eingängig und bekannt sind, gelingt es Rohde, die Spannung immer wieder zu steigern.
 
15 Jahre liegt der Unfalltod eines Mädchens zurück, das während der Rachefeldzüge von einem vergilbten Foto auf die Opfer blickt. Zufällig entdeckt Lannerts Kollege Sebastian Bootz (Felix Klare) den Zusammenhang, der den Kreis der Verdächtigen schlagartig erweitert.

So geläufig das Motiv und die Szenerie sind, so haben die Autoren Stephan Brüggenthies, Leo P. Ard und Birgit Grosz auch bei den möglichen Tätern aus dem Standard-Repertoire geschöpft: der korrupte Ex-Staatsanwalt, der den Fall damals zu den Akten legte, die Eltern des überfahrenen und am Straßenrand verbluteten Teenagers oder die Frau des ermordeten Bauunternehmers, die nach zwölf Ehejahren gefragt nach dem Verhältnis zu ihrem Mann sagt: „Wir waren ein gutes Team.“
 
Im Zentrum der Ermittlungen steht zudem Michael Joswig, von dem es gleich mehrere Verbindungen zu den Ermordeten gibt und der ebenfalls bedroht wird. Hans-Werner Meyer bleibt bei der Darstellung Joswigs jedoch hinter seinen Fähigkeiten. Wenig emotional berichtet dieser etwa seiner Frau von den bis dato verschwiegenen Drohungen gegen ihn und die Mitarbeiter seiner Kanzlei. Unglaubwürdig cool reagiert er, als selbst seine Tochter von dem Unbekannten eine Warnung per Handy bekommt. Eine mögliche Charakterstudie bleibt trotz des talentiertenSchauspielers aber weitgehend aus.
 
Unterdessen wird das Verhältnis zwischen Bootz und Lannert immer freundschaftlicher. Als Bootz wegen einer Fortbildung seiner Frau den alleinerziehenden Vater probt, entlässt Lannert ihn bereitwillig in den Feierabend. Der sonst häufig distanzierte und eigenwillige Lannert hilft seinem Kollegen sogar bei der Hausarbeit. Und auch Lannerts Antwort auf Bootz‘ Frage, wen er anrufen würde, wenn er am verbluten sei, fällt ungewöhnlich persönlich aus: „Na dich.“
 
Das harmonische Zusammenspiel stiftet Bootz dann auch noch zu einer lausbubenhaften Racheaktion für seinen Kollegen an, als dessen Auto mehrfach mit Rasierschaum verschmiert oder Gartenabfällenverdreckt wird. Doch auch dabei hebt die SWR-Produktion den moralischen Zeigefinger und warnt: Rache ist kein geeigneter Weg.
 
DIGITALFERNSEHEN.de präsentiert Ihnen an dieser Stelle immer samstags eine Fernsehkritik der bevorstehenden „Tatort“-Erstausstrahlung am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD.„TATORT“-Kritiken im Überblick
„POLIZEIRUF“-Kritik im Überblick
[Marco Krefting]

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2 Kommentare im Forum

  1. AW: [TV-Kritik] Stuttgarter "Tatort": Das Verlangen nach Rache Nachdem auch Kiel in der Vorwoche sehenswert war kann man sagen, daß auch dieser Tatort gut war. 2 gute Drehbücher in Folge, so etwas hat Seltenheitswert
  2. AW: [TV-Kritik] Stuttgarter "Tatort": Das Verlangen nach Rache Ich fand ihn auch richtig Klasse, tatsächlich einer der besten Tatorte der letzten Monate. Hatte fast schon Thriller-Qualität Und auch endlich mal wieder ein Tatort ohne sozialkritischen Zeigefinger, einfach nur ein Krimi.
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