„Der schlimmste Mensch der Welt“: Großes Gefühlskino aus Norwegen

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Der norwegische Regisseur Joachim Trier widmet sich in „Der schlimmste Mensch der Welt“ den Sorgen von Generation Y und landet damit einen großen Wurf.

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Im Kino reicht das einfache Betätigen eines Lichtschalters aus und schon ist die Welt aus den Angeln gehoben. Joachim Trier hat einen solchen Moment in seinen neuen Film eingebaut, mit dem er nach „Auf Anfang“ und „Oslo, 31. August“ seine Oslo-Trilogie beendet. Auf magische Weise bleibt da plötzlich die Zeit stehen, sind alle Menschen in ihren Posen eingefroren. Der Alltag ist angehalten, nur um der Protagonistin, Julie (Renate Reinsve), die Bühne für eine romantische Schwärmerei zu bereiten. Einfach befreit durch die Straßen rennen, die Schrankenlosigkeit genießen, den Geliebten treffen, den Trier zuvor bereits in einem wunderbar angebahnten Party-Flirt eingeführt hat.

Es ist einer der wenigen Momente in diesem Film, in dem das Gefühl der unbegrenzten Möglichkeiten sein ganzes utopisches Potenzial entfalten kann. Ausgerechnet dann, wenn das gesamte Umfeld in Totenstarre versetzt wurde. Denn daran scheitert es ja sonst: an den Mitmenschen, den unzähligen Erwartungen, Ansprüchen, Zuschreibungen, Klischees und Bürden, die sich im Alltag dauernd in die Quere kommen. Und sie erwachen wieder zum Leben, wenn Triers Protagonistin wieder in die alte Wohnung zurückkehrt, der Lichtschalter erneut betätigt wird und eine Konfrontation mit ihnen verlangt.  

In zwölf Kapiteln verfolgt Trier das Leben von Julie, gerahmt von einem Pro- und Epilog. 29 Jahre ist sie alt, hat ihren beruflichen Weg und ihre Liebhaber schon mehrfach gewechselt. Mit dem Comic-Zeichner Aksel (Anders Danielsen Lie) zieht sie irgendwann zusammen – eine Zeit lang. Bis auch in dieser Affäre die Unzufriedenheit Einzug hält.

Stimmungsbild einer Generation

„Der schlimmste Mensch der Welt“ ist umwerfend geglückt in seinen ebenso durchgetakteten und pointierten wie ausschweifenden, schwelgerischen Szenen-Verwebungen. Ein filmisches Stimmungsbild über eine Generation, die festhängt zwischen den Erwartungen einer unbedingten Selbsterfüllung, eines Glückseligkeitsstrebens, das zugleich zur umso größeren Last verkommt, wenn es mit der gesellschaftlichen Realität nicht vereinbar sein will. Wenn es dort auf taube Ohren stößt, belächelt wird. Wenn der fortwährende Neubeginn wieder neue Möglichkeiten und Erfahrungen bietet, aber zugleich das Ordnungssystem der chronologischen Entwicklungen und Verknüpfungen, das wir Biographie nennen, permanent zu zerstören droht.

Insofern rebelliert dieser Film auf charmante Weise, indem er das Kappen, das Neuansetzen zelebriert und uns damit versöhnen lässt. Denn es muss ja ohnehin vielmehr als ewiges Überlagern und Umformen, als Summe von mit Sinn aufgeladenen Gleichzeitigkeiten und als Filterprozess gedacht werden, das Biographische. Joachim Trier hat dafür eine konservativ romanartige, aber bestens geeignete Form gefunden, diesen Prozess nachzuvollziehen, die Brüche des Alltags als Zäsuren zu installieren, aber zugleich die Chronologien des Lebens weiterzuspinnen und deren Vielstimmigkeit zu verdichten.

Wie eine Serie im Kino

Es könnte kaum ein TV-Format besser auf die Beine stellen, wie Joachim Trier von all den (mitunter durchaus seifenopernhaften) Fallstricken des Alltags erzählt. Alles ist dabei: Liebesprobleme, Midlife Crisis, Zukunftsängste, Elternstreit, Kinderkriegen, Seitensprung, Mediendiskurse, Künstlertum, #metoo, Geschlechterkampf und einiges mehr. „Der schlimmste Mensch der Welt“ zeigt das als ständiges Vorrücken zu neuen Stationen, die sich untereinander kreuzen und dann wieder überleiten zu dem nächsten Versuch, der doch nie den ersehnten Abschluss, eine Sesshaftigkeit, findet. Alles wird da erzählt, alle Ausnahmezustände des Daseins, aber auch die Gewöhnlichkeiten, ohne je gewöhnlich oder schwülstig zu wirken – das ist Triers Geniestreich.

Seine Tragikomödie könnte allein in den üppig ausgebreiteten Charakterporträts auch eine Art Netflix-Serie für die große Leinwand sein. Doch wofür sich Streaming-Serien gern zahllose Staffeln Zeit nehmen, das komprimiert Trier meisterhaft in zwei Stunden. Und es ist ihm fabelhaft gelungen, dieses Charakter- und Generationenporträt, das so freigiebig und sinnierend erzählt. Das auch inszenatorisch aus dem Vollen schöpft, gleichermaßen fabelhaft geschriebenes Dialogkino mit Spielereien wie realitätssprengenden Halluzinationen oder dem erwähnten Weltenstillstand vereinen kann.

Fulminante Hauptdarstellerin

Triers Gefühlskino besitzt eine enorme Varianz, ohne sich davon allzu vereinnahmen zu lassen: Im einen Moment himmelhochjauchzend, im nächsten Moment witzig, frech, hellsichtig, klar. Immer wieder auch die eigene (männliche) Position in ihrem Blick auf die weibliche Protagonistin befragend, womit sich Trier mehrfach auf dünnes Eis begibt.

Überhaupt sollte der Protagonistin die letzte Anmerkung gebühren, beziehungsweise ihrer Darstellerin, Renate Reinsve, die diesen schauspielerischen Akt so fulminant meistert in allen andächtigen, verletzlichen, wütenden und wilden Tönen, mit denen sie Triers Sozialstudien vor der Kamera zum Leben erweckt. Alles zeigt diese Darstellung, was eine Charakterdarstellerin zur Schau stellen kann. Eben alles, was das Leben bereithält.

„Der schlimmste Mensch der Welt“ läuft seit dem 2. Juni 2022 in den deutschen Kinos und erscheint am 25. August auf Blu-ray und DVD. Bei der Oscar-Verleihung 2022 war der Film für das Beste Drehbuch und als bester Internationaler Film nominiert.

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Bildquelle:

  • schlimmstemenschderwelt: Oslo Pictures
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1 Kommentare im Forum

  1. Die ausführliche Filmkritik von Janick Nolting und der anschließende Trailer sind dermaßen aussagekräftig, dass für mich jetzt schon feststeht, dass ich mir diesen Film nicht anschauen werden. Danke dafür. PS. Bei der Überschrift hatte ich zuerst gedacht es geht um Putin.
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