„Für mich sind wir alle krank.“ – Regisseur Aritz Moreno im Interview

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Aritz Moreno am Set seines neuen Films
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„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ ist einer der schrägsten Filme des Jahres. Heute startet die für vier Goyas nominierte schwarze Komödie von Aritz Moreno in den Kinos. DIGITAL FERNSEHEN hat mit dem spanischen Regisseur über seinen neuen Film gesprochen.

Es ist der Albtraum vieler Bahnreisender. Man will nur verträumt aus dem Fenster schauen, plötzlich sitzt jemand auf dem Platz gegenüber und beginnt ungefragt, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Soweit die Ausgangssituation in Aritz Morenos neuer Filmgroteske „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“, die den Auftakt bildet für eine Reihe höchst skurriler Erzählungen. Eine Geschichte absurder als die nächste, ein Erzähler unzuverlässiger als der andere. Das Genre wechselt quasi minütlich von Komödie zu Drama zu Horror zu Psychothriller.

Aritz Moreno konstruiert in seinem Film ein erzählerisches Labyrinth, das man voller Unbehagen und Anspannung durchwandert, weil, gefühlt zumindest, im nächsten Moment absolut alles passieren kann. „Wie David Finchers ‚Fight Club‘, inszeniert von Wes Anderson. Oder vielleicht andersherum: ‚Grand Budapest Hotel‘, inszeniert von David Fincher“, so beschreibt Aritz Moreno seinen Kinofilm im Interview mit DIGITAL FERNSEHEN. Dass ein solch abgedrehtes Experiment in der deutschen Branche produziert würde, kann man sich leider nur in seltenen Fällen vorstellen.

Nicht kommerziell genug

Doch auch im Herkunftsland Spanien hatte Moreno damit zu kämpfen, das schräge Projekt auf die Beine zu stellen: „Ich denke immer noch darüber nach, wie wir dafür Geld bekommen konnten. Um die fünf Jahre hat das gedauert. Es war wirklich harte Arbeit, denn zu 99 Prozent war die Antwort immer ‚Nein!‘ oder ‚Das ist zu avantgardistisch. Das ist nicht kommerziell‘ und Bla Bla Bla.“

Letztendlich soll Merry Colomer, eine der Produzentinnen maßgeblich dafür gesorgt haben, dass der Film doch noch mit dem nötigen Budget zustande kam, wie Moreno ausführt. Als kreative Grundlage diente der gleichnamige Roman von Antonio Orejudo. „Als ich ihn gelesen habe, hatte ich den Film im Kopf und es war einer, den ich auch selbst sehr gerne im Kino sehen würde.“, erklärt der Regisseur über seine Begegnung mit der Vorlage. Unter anderem die cleveren Dialoge und das Spiel mit den verschiedenen Genres hätten besonders seine Aufmerksamkeit geweckt.

„Ich werde gerne verstört.“

Bei dem „Zugreisenden“ handelt es sich um Morenos Langfilmdebüt. Sein Gespür für das Abgründige konnte man jedoch bereits in dessen Kurzfilmen bestaunen. Besonders in seinem grandiosen Sechsminüter „Cólera“, in dem er ein grausames Hassverbrechen zeigt, das sich für die Beteiligten bitter rächt. Auch in seinem neuen Werk zeigt der 40-jährige einige äußerst finstere Szenen. Darunter eine Episode über häusliche Gewalt, die wahrscheinlich auch ein Grund dafür war, dass die FSK ihm im ersten Anlauf zunächst noch das „ab 18“-Siegel verpasste.

„Ich werde gerne verstört. Wenn ich einen Film schaue, dann fühle ich mich gerne unwohl und lasse mich herausfordern. Für mich sind wir alle krank und ich finde diese Art von Atmosphäre immer sehr reizvoll.“, begründet Moreno die Faszination für die dunklen Themen in seinen Werken.

© David Herranz; Filmverleih Neue Visionen

Sein Film begibt sich aber eben nicht nur in das Düstere, sondern überträgt auch den Humor der Romanvorlage auf die Leinwand, die, zugegeben, von der erzählerischen Fülle fast gesprengt wird. Zu verschieden der Tonfall der einzelnen Episoden, zu schwankend deren Intensität, besonders im letzten Drittel des Films.

Der Regisseur hält hingegen an den Vorzügen des Medienwechsels fest: „Beim Lesen des Buches ist mir aufgefallen, dass das ja eine Geschichte in einer anderen Geschichte in einer anderen Geschichte ist. Ich dachte mir, dass diese Struktur in einem Film sogar noch interessanter und leichter zu verfolgen wäre. Da hast du visuelle Referenzen, du hast Schauspieler, Orte, an die du zurückspringen kannst. Und ich glaube nach wie vor, dass das sehr gut funktioniert hat.“

„Es geht nicht um das Verstehen.“

Der Surrealismus wird in der Rezeption des Films immer wieder als Referenz hinzugezogen. Neben Wes Anderson und David Fincher fließt hier durchaus etwas DNA von Filmemachern wie Luis Buñuel und David Lynch ein. Als surrealistischen Künstler möchte sich der Regisseur selbst aber nicht bezeichnen. Orejudo, der Autor der Vorlage, sei da schon eher ein Surrealist als er. „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ läuft Gefahr, am Ende etwas eindeutig in seinem Interpretationsspielraum zu werden. So undurchschaubar das Verwirrspiel aus Meta-Erzählungen und vertauschten Identitäten auch bleibt, ein paar Hinweise und Erklärungen gibt es final dann doch an die Hand. Auf die Frage, ob dies der Tradition der surrealistischen Kunst nicht widerspreche, erwidert Moreno: „Es sind niemals alle glücklich. Aber ich halte das nicht wirklich für Erklären. Ich denke, wir erklären höchstens die Regeln des Films.“

Man müsse den Film letztendlich auch nicht verstehen, führt Moreno weiter aus. Tatsächlich geht es hier eher darum, hineingerissen zu werden in dieses (alb-)traumhaft nebulöses Kaleidoskop. „Der Film ist eine Feier der Fiktion an sich. Er ist sich selbst bewusst, dass er ein erdachtes Werk ist. Er schreit dem Publikum förmlich entgegen: Ich bin Fiktion, glaubt mir nicht! Genau darin besteht das Spiel mit den Zuschauern, dass du die ganze Zeit weißt, dass du etwas Erfundenes siehst, aber es zugleich auch immer wieder vergisst.“

Um die Zukunft des Kinos macht sich der Spanier übrigens keine Sorgen, trotz aktueller Krisen. „Das Kino ist wie ein Fels.“, sagt er entschlossen. In jedem Fall: Wenn das Kino noch zu retten ist, dann braucht es wahrscheinlich auch genau solche nicht immer vollends geglückten, aber dennoch stilsicheren, im besten Sinne versponnenen und wagemutigen Herzblut-Streifen.

„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ läuft ab dem 20. August in den deutschen Kinos.

Bildquelle:

  • aritzmoreno: Neue Visionen

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