[Kinokritik] „Hell“: Deutscher Klima-Thriller der Spitzenklasse

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Bild: © Romolo Tavani - Fotolia.com
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Ein solch starkes Debüt hat die deutschsprachige Kinolandschaft lange nicht gesehen. Der Regisseur und Autor Tim Fehlbaum zeigt in seinem ersten Spielfilm „Hell“ einen aufrüttelnden Klima-Thriller mit Hannah Herzsprung in der Hauptrolle.

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Der deutschsprachige Autorenfilm hat einen neuen Jungstar. Der 1982 in Basel geborene Regisseur Tim Fehlbaum bringt mit dem Klima-Thriller „Hell“ ein beeindruckendes Debüt in die Kinos. Darin erzählt er eine Geschichte, an der er bereits seit seinem Studium an der Filmhochschule in München arbeitet. Auf dem Filmfest in der bayerischen Landeshauptstadt gewann er für sein Erstlingswerk in diesem Sommer prompt den „Förderpreis Deutscher Film“.
 
Der Thriller um die Folgen der Erderwärmung gehört wohl – noch? – in den Bereich der Science-Fiction, keine Frage. Doch der Klimawandel als solcher ist unserer Lebenswirklichkeit so nah, dass man das Szenario des Films „Hell“ nicht so leicht als einen versponnenen Alptraum abtun kann.
 
Die aufrüttelnde Dystopie spielt in Deutschland im Jahr 2016. Die Temperatur ist um zehn Grad Celsius angestiegen. Die gewohnten Gesellschaftsstrukturen existieren nicht mehr. Die Landschaften ähneln außerirdischen Wüsten. Alles ist von Staub bedeckt.Flüchtlinge in der heißen Hölle

Kleine Gruppen von Überlebenden irren in dieser schmerzhaft hellen Hölle umher. Phillip (Lars Eidinger), Marie (Hannah Herzsprung) und ihre Schwester Leonie (Lisa Vicari) versuchen, sich in einem alten Wagen bis in höher gelegene Wälder durchzuschlagen. In den Gebirgshöhlen soll es noch Wasser geben. Das Benzin wird knapp, das Auto scheint bald den Geist aufzugeben. Als die Klimaflüchtlinge an einer geplünderten Tankstelle auf Tom (Stipe Erceg) treffen, tun sie sich nach einem kurzen Kampf mit ihm zusammen. Eine wichtige Entscheidung – denn in den Bergen lauern ebenso unerwartete wie abscheuliche Gefahren auf die Hilfesuchenden.
 
Tim Fehlbaum richtet den Blick auf die moralischen Schwächen der Menschen, sobald sie angesichts der schlichten Notwendigkeit, überleben zu müssen, zu rücksichtslosen Einzelkämpfern werden. Dieser sehr klare und harte psychologische Hinterbau der Charaktere wirkt überaus wahrhaftig – der Horror von Fehlbaums Parabel ergibt sich aus einer realistischen Notlage.
 
Die Leinwandwelt, die Fehlbaum und sein Team im Thriller „Hell“ entwerfen, ist bis ins kleinste Detail durchkomponiert. Lediglich die Dialoge kommen stellenweise ein wenig konstruiert daher. Stilprägend für die filmischen Räume wirken vor allem das Szenenbild, die Farbgebung sowie die Ton-Dramaturgie. Aus einem trockenen harten Boden ragen Baumskelette wie verkrüppelte Giacometti-Skulpturen, der Staub taucht alles in bräunlich-graue Sepia-Schattierungen, die gleißend heiße Sonne dröhnt den Zuschauern immer wieder mit hohen schrägen Tönen in den Ohren, als wäre deren drohende Gefahr hörbar gemacht worden.Verschwitztes Debüt mit Zeug zum Klassiker

 
In dieser feindlichen Umwelt inszeniert Fehlbaum seinen Endzeitfilm als eine Art Kammerspiel – mit einer ständig hinter Bäumen oder Objekten lauernden Kamera-Perspektive und einem erstklassigen Ensemble. Besonders eindrucksvoll in all dem Staub, Schmutz und Schweiß sind die Darstellungen von Hannah Herzsprung in der Hauptrolle und Angela Winkler in einer nahezu zombiehaften Nebenrolle.
 
Es wäre Tim Fehlbaum zu wünschen, dass er auch künftig mutige Unterstützung für außergewöhnliche Projekte wie dieses findet – und er selber wiederum nicht womöglich nach Hollywood schielt, um ebenso massentaugliche wie unbedeutende Blockbuster auf die Leinwand zu bringen, wie manch anderer junger Regiekollege vor ihm. Der Thriller „Hell“ macht Fehlbaum jedenfalls zum vielversprechendsten deutschen Nachwuchsfilmtalent des Jahres.Kinokritiken der Woche – Archiv
[Franziska Bossy]

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